Corona-Politik:Eine Strapaze für alle

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Corona-Politik: Sie wollten unbedingt dort demonstrieren, wo sie nicht demonstrieren sollten: Mittwochabend in der Münchner Innenstadt.

Sie wollten unbedingt dort demonstrieren, wo sie nicht demonstrieren sollten: Mittwochabend in der Münchner Innenstadt.

(Foto: Leonhard Simon/Getty Images)

Die einen halten die Demos für eine Zumutung, die anderen halten die Politik nicht mehr aus. Womit ja wohl klar ist, was die Preisfrage ist für die nächste Zeit.

Kommentar von Detlef Esslinger

Glauben diejenigen, die da demonstrieren, wirklich, was sie rufen und schreiben? "Frieden, Freiheit, Demokratie!", diese Parole gab es am Mittwochabend in der Münchner Fußgängerzone. "Die Menschen wollen nicht mehr diskriminiert werden", schreibt ein Leser aus Dresden, und dass er kein Eiferer sein mag, lässt sich auch daraus deuten, dass er zum Schluss "Ihnen noch eine gute Woche" wünscht. Es wäre in der Tat schon etwas gewonnen, wenn man diesen Gegnern der Corona-Politik zugutehält, dass sie überzeugt sind von dem, was sie sagen - wie überhaupt es ein Wert an sich ist, wenn man anderen bis zum Beweis des Gegenteils dieselbe Integrität unterstellt, die man auch für sich selbst in Anspruch nimmt.

Nur: Das macht es in dem Fall nicht weniger betrüblich. Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier erinnerte in seiner Weihnachtsansprache daran, dass dies das gemeinsame Land aller ist, dass "wir auch nach der Pandemie noch miteinander leben wollen". Zum zweiten Mal in sechs Jahren macht die Gesellschaft die Strapazen eines Großkonflikts durch. Die Strapazen bestehen zum einen darin, dass sich zwei Lager unversöhnlich gegenüberstehen, zum anderen darin, dass Uneinigkeit über die Form besteht, in der ein Konflikt ausgetragen werden muss.

In der Flüchtlingsdebatte und in der Corona-Debatte geht es um ganz unterschiedliche Dinge - und aus dem Umstand, dass Rechtspopulisten und -extremisten bei Corona versuchen, ihre Erfolge aus den Jahren seit 2015 zu wiederholen, sollte man eines nicht schließen: dass jede Corona-Demonstrantin eine Spinnerin ist, die noch dazu der AfD auf den Leim geht. Was sich aber kaum übersehen lässt: Bei beiden Themen offenbart sich - in unterschiedlichen Milieus - dasselbe Phänomen, nämlich die Angst vor Kontrollverlust. Dass die Nachbarschaft demnächst nur noch aus Arabern besteht. Dass man etwas gespritzt bekommt, was einen erst recht krank machen wird.

Was tun: Vertrauen schenken oder ans große Böse glauben?

Große Krisen sind für die Einzelnen kaum noch zu übersehen, im Grunde gibt es nur zwei Möglichkeiten, für sich selbst deren Komplexität zu reduzieren. Entweder man ist der Meinung, dass die Handelnden zu grundsätzlichem Misstrauen keinen Anlass geben - also schenkt man ihnen Vertrauen, nach der Devise: Wer sonst sollte denn die Dinge wieder unter Kontrolle kriegen? Oder aber man ist grundsätzlich voller Misstrauen, was deren Kompetenz und Integrität betrifft. Oft sind davon Menschen erfüllt, die sich grundsätzlich nicht anerkannt und wahrgenommen fühlen. "Um Realitätskontrolle wiederzugewinnen, werden ,Erklärungen' für die Vorgänge gesucht", schreibt der Soziologe Wilhelm Heitmeyer - Komplexität wird also von diesen Menschen reduziert, indem sie sich eine große Verschwörung ausmalen, von Staat, Medien, Pharmaindustrie oder Gott weiß wem.

Was daraus folgt? Bei Letzteren mitunter die Annahme, ihr Zweck rechtfertige ihre Mittel: Polizisten anzugreifen, vor das Haus einer Gesundheitsministerin zu ziehen, ohne Maske in der Fußgängerzone zu demonstrieren. Das ist vermutlich die Preisfrage für 2022: Wie findet man wieder zu einer Form des Gesprächs? Und auf welcher inhaltlichen Grundlage? Dass man über ein Virus überhaupt streiten kann - für all diejenigen, die sich impfen lassen und die Regeln befolgen, ist allein schon dieser Gedanke leicht bizarr. Einander verstehen wollen, das ist wohl das, was nun als Erstes zu schaffen ist.

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