Afghanistan:Die Taliban können das Machtvakuum nicht füllen

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Afghanistan: Der Krieg aller gegen alle hat begonnen: ein Taliban patrouilliert in Kabul.

Der Krieg aller gegen alle hat begonnen: ein Taliban patrouilliert in Kabul.

(Foto: Khwaja Tawfiq Sediqi/AP)

Das Massaker von Kabul galt vor allem den neuen Herren im Land. Ihre Autorität wankt bereits. Islamisten aller Couleur werden Afghanistan als Aufmarschgebiet nutzen.

Kommentar von Stefan Kornelius

Keine zwei Wochen nach der blitzartigen Landnahme der Taliban zeichnet sich das eigentliche Machtchaos ab, das auf absehbare Zeit die Verhältnisse in Afghanistan prägen wird. Die Implosion der Staatsautorität und der Abzug der Ausländer haben ein Vakuum geschaffen, das die Taliban nicht füllen können. Die Terrorangriffe am Flughafen galten deswegen nicht nur den USA und den abziehenden Nationen. Sie galten vor allem den neuen Herren, die mit dem Flugzeug aus Katar angereist kamen und sich zur Beruhigung der Bevölkerung in sanftem Licht zeigten.

Die Taliban kontrollieren Afghanistan nicht. Sie kontrollieren nicht die Hauptstadt Kabul und nicht einmal ihre eigenen Kämpfer. Ihr Sprecher warnt Frauen davor, auf die Straße zu gehen, weil die Bewaffneten möglicherweise nicht mit den neuen Regeln vertraut sein könnten. Die Wahrheit ist: Es gibt keine Regeln. Die Interpretation des islamischen Lebens, der Umgang mit der modernen Gesellschaft, die Entscheidung zwischen der Rolle als Staatsmacht oder Terrororganisation - all das können die Taliban nicht leisten. Die Taliban gibt es nicht.

Im Land wird es in den nächsten Wochen zu wilden Machtkämpfen kommen zwischen dem moderateren Flügel der Taliban, ihren radikalen Rängen, den ungebildeten Fußtruppen, Tausenden herbeiströmenden islamistischen Kämpfern und den unterschiedlichen Terrorgruppen und Netzwerken, die entweder schon im Land warten oder jetzt einsickern.

Der Feind der Taliban ist auf einmal nicht mehr Amerika

Afghanistan ist wieder zum Kristallisationspunkt der Radikalisierung geworden. Die Schmach der USA nach 20 Jahren weckt Kräfte, die sich kaum bändigen lassen. Das Massaker am Flughafen wird zum Fanal für alle Kämpfer und Ideologen, die nun ihren Augenblick gekommen sehen. So wie der 11. September 2001 am Beginn unzähliger Terrortaten in aller Welt stand, so wird der Abzug in Chaos und unter Bombenrauch neue Attentäter inspirieren.

Die Führung der Taliban hat für diesen Augenblick keine Vorsorge getroffen. Ihre Reaktion auf die Terrortat zeigt, dass sie selbst getroffen ist. Ihre Autorität ist beschädigt, noch bevor sie sich entfalten konnte. Die Taliban wollten das Chaos am Flughafen bändigen, aber Gewalt vermeiden. Nun zahlen sie mit mehr Toten als die USA und ihr Feind sind nicht die abziehenden Truppen, es sind die Selbstmordattentäter und Hyperradikalen des sogenannten "Islamischen Staats". Al-Qaida und andere Milizen werden sich später dazugesellen. Als die Taliban nach ihrem Durchmarsch die Gefängniszellen leerten, fanden sie auch den Anführer des IS in Südostasien - und erschossen ihn.

Von Gesprächen mit den Taliban sollten sich weder die USA noch etwa Deutschland viel versprechen. Die Anführer der Organisation wollten Afghanistan wie Staatsmänner übernehmen. Viel Staat wird mit ihnen nicht zu machen sein.

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