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Dschihadisten in Libyen, Irak und Syrien:Trainingslager für Militante

Was tun gegen die IS-Islamisten? Nicht nur das von ihnen ausgerufene Kalifat wird zu einer wachsenden Gefahr für den Westen, sondern auch der Zerfall mehrerer arabischer Staaten. Lösen lässt sich das Problem nur mit Hilfe regionaler Mächte.

Kommentar von Tomas Avenarius

Libyen, der Irak, Syrien - überall toben Kriege und Konflikte, in denen die militanten Islamisten auf dem Siegeszug zu sein scheinen. In Libyen hat jetzt eine Extremisten-Miliz den wochenlang umkämpften Flughafen der Hauptstadt Tripolis erobert, sie haben den wichtigsten Airport des Landes zerstört, samt der Jets. Libyan Airlines ist nun fast so etwas wie eine Airline ohne Flughafen und ohne Flugzeuge.

Die gegnerischen Kämpfer sind fürs Erste geflohen. Sie werden wiederkommen, um die Scharte auszuwetzen. Neue Gefechte, noch mehr Opfer, eine zerschlagene Infrastruktur - so wird Libyen drei Jahre nach dem Ende der Gaddafi-Diktatur kaum den Weg finden zu einem Staatswesen mit einer Regierung, die das Gewaltmonopol innehat und den Bürgern Sicherheit und Wohlstand garantiert.

Libyens Islamisten haben bei den Wahlen schlecht abgeschnitten. Also lassen sie ihre Milizen von der Leine, erklären das neu gewählte Parlament für illegitim. Ihre Gegner sind kein bisschen besser, auch ihre Kämpfer schießen um sich. Und im Osten des Landes hat ein säkularer General "die Operation Würde" gestartet. Sozusagen als Joker in diesem Spiel ohne Regeln lässt General Khalifa Haftar seine Jets nach Herzenslust bombardieren. Er sagt, er wolle das Land von der Milizen-Willkür befreien, konzentriert sich vorerst auf die Islamisten. Die Ziele des Generals mögen sich von denen der Milizenführer unterscheiden. Seine Methoden tun es nicht.

Irak-Konferenz zu einer "globalen Strategie"

Das neu gewählte Parlament tagt unterdessen weit ab vom Geschehen. Nur in der Provinzstadt Tobruk am östlichsten Ende des Landes fühlen sich die Abgeordneten noch sicher. Mit der Neuwahl sollte ein politischer Prozess vorangetrieben werden, an dessen Ende Regierung, Verfassung und Normalität stehen. So wie es aussieht, wird es vorerst aber keine Normalität geben. Welchen Weg Libyen nehmen wird, lässt sich schwer abschätzen. Ein Bürgerkrieg oder eine Zukunft als gescheiterter Staat sind reale Szenarien. Es wäre ein Land, das als riesiges Trainingslager zur nordafrikanischen Basis für die Militanten wird. Die brechen dann von dort aus zum Dschihad auf - nach Ägypten, Tunesien, Algerien. Aussöhnung und Frieden sind derzeit in Libyen jedenfalls nicht zu erwarten.

Der französische Staatschef François Hollande will eine Irak-Konferenz zusammenrufen, auf der er "über eine globale Strategie" sprechen will, mit der dem ultra-radikalen Islamischen Staat im Irak entgegen getreten werden kann. Es ist höchste Zeit, der Kalifatstaat kontrolliert schon beträchtliche Teile des Irak und Syriens. Aber in Libyen zeichnet sich nun Ähnliches ab wie im Irak: ein Militanten-Paradies. Hollande und seine Konferenzpartner - es dürften neben den USA die EU-Staaten sein - müssen also weiter denken.

Mögliche Zusammenarbeit mit Iran, Algerien, Ägypten

Der Kampf kann sich nicht auf den Islamischen Staat beschränken. Militärisches Eingreifen westlicher Staaten allein ist jedoch die falsche Antwort. Erstens sind zu viele Länder vom Dschihadismus infiziert, von Libyen bis Afghanistan. Zweitens hat sich gezeigt, dass der Kampf mit Jets oder Bodentruppen allein nicht zu gewinnen ist. Drittens bringen Bombardements die Einheimischen rasch gegen den Westen auf, selbst wenn gleichzeitig Hilfe in Milliardenhöhe fließt: siehe Irak, siehe Afghanistan.

Eine mögliche Lösung wäre die Zusammenarbeit mit regionalen Mächten wie Iran, Algerien, Ägypten. Allerdings hat die Kooperation mit Regimen, die nicht salonfähig sind, einen unanständig hohen Preis: Ihre Methoden sind brutal, sie erkaufen sich mit der Hilfe das Schweigen in Menschenrechtsfragen. So bleiben Hollande und seinen Konferenzpartnern wenig erfreuliche Aussichten: Der Kampf gegen den Kalifatstaat und seine Nachahmer in anderen Staaten wird Jahre dauern - und sie zu üblen Zugeständnissen zwingen.

© SZ vom 25.08.2014/fran

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