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Corona-Politik:Eine Dosis Egoismus

Corona-Schutzimpfung in einem Seniorenheim

Corona-Impfung in Rietberg.

(Foto: Kirchner-Media/Imago)

Außenminister Maas fordert Lockerungen für Geimpfte. Doch Grundrechte an eine Impfung zu knüpfen, baut einen ungehörigen Druck auf. Eine breite Impfbereitschaft erreicht die Politik nur durch Transparenz und Solidarität.

Kommentar von Kristiana Ludwig

Diese Pandemie in Schach zu halten, alte und vorerkrankte Menschen vor einer Coronavirus-Infektion zu schützen und die Krankenhäuser vor Überlastung, ist eine Aufgabe für die gesamte Gesellschaft. An diesem Fakt hat sich seit Beginn der Krise nichts geändert. Zu Hause bleiben bedeutet vor allem, solidarisch mit Schwächeren zu sein - so lange, bis genügend Impfstoff zur Verfügung steht, um alle Menschen, die es wünschen, vor einer schweren Covid-19- Erkrankung zu schützen.

Die Forderung von Außenminister Heiko Maas (SPD), dass die Menschen, die eine Corona-Impfung erhalten haben, wieder ins Kino oder Restaurant gehen sollen, ist das Gegenteil von Solidarität. In einer Situation, in der bei Weitem noch nicht genügend Impfstoff zur Verfügung steht, um jeder Bürgerin und jedem Bürger in Deutschland eine Dosis anzubieten, würde eine solche Sonderbehandlung Neid und Konkurrenz begünstigen. Wenn der Impfstoff zur Eintrittskarte wird, wird er für jüngere, weniger gefährdete Menschen sehr attraktiv. Ihr Verständnis dafür, dass Risikopatienten, Pfleger, Ärztinnen oder Erzieher früher geimpft werden als andere, würde schwinden.

Zumal bis jetzt noch gar nicht erwiesen ist, ob eine geimpfte Person nicht trotzdem noch ihr Umfeld anstecken kann. Sollte der heutige Impfstoff nur vor schweren Verläufen, nicht aber vor Infektiosität schützen, könnte auch ein Geimpfter auf dem Heimweg vom Kino das Coronavirus weiter übertragen - und dessen Verbreitung befördern.

Zu den Grundrechten, die der ehemalige Justizminister Maas in seinem Interview mit der Bild-Zeitung anspricht, gehört auch das Recht auf körperliche Unversehrtheit. Ob sich ein Mensch dafür entscheidet, ein Medikament zu sich zu nehmen oder nicht, ist immer seine freie Entscheidung. Im Fall der langjährig erprobten Masernimpfung hat sich der Staat entschlossen, sie zur Voraussetzung für einen Kitaplatz zu machen. Hier handelt es sich um eine gut erforschte Krankheit und besonders vulnerable Betroffene: um Kinder. Bei der Corona-Impfung hat es die Gesellschaft dagegen nicht nur mit einer völlig neuen Erkrankung, sondern auch mit Impfstoffen zu tun, die in höchster Eile entwickelt und frisch zugelassen sind. Grundrechte oder auch nur Kneipenbesuche daran zu knüpfen, dass sich Bürger dieses neue Vakzin verabreichen lassen, baut einen ungehörigen Druck auf.

Eine Impfkontrolle in jedem Restaurant würde Arbeitgeberinnen und Arbeitgeber geradezu einladen, auch ihren Mitarbeitern eine dringende Impfempfehlung aufzuerlegen. Wie ließe sich denn noch rechtfertigen, dass Betriebe ihren Angestellten die freie Wahl lassen, während an Deutschlands Kinokassen der Impfpass gezückt werden muss? Eine breite Impfbereitschaft in der Gesellschaft erreicht die Politik aber nicht durch Druck, sondern nur durch Transparenz und, wiederum, Solidarität.

Das heißt nicht, dass es in gesundheitlich oder sozial besonders wichtigen Situationen gar keine Vorteile für Geimpfte geben dürfte. Wenn beispielsweise Demenzkranke und ihre Angehörigen und Pflegekräfte immunisiert sind, kann es sehr sinnvoll sein, diesen Menschen den engeren Kontakt ohne Maske sofort wieder zu erlauben - weil es den Betroffenen hilft. Daraus aber abzuleiten, dass bald auch Restaurantbesitzer Immunität kontrollieren, schießt über das Ziel hinaus. Gesundheit ist Privatsache. Auch in einer Pandemie sollte man das nicht vergessen.

© SZ
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