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TV in den USA:Botschaften für das verstörte Amerika

USA: Die Talkmaster Trevor Noah und Tucker Carlson

Das Prinzip Talkshow zielte noch nie auf die Versöhnung der Gegensätze, nicht einmal, wenn im Land geschossen wird: Trevor Noah (l.) und Tucker Carlson.

(Foto: AP (2))

Die Schüsse von Kenosha und das Prinzip Talkshow: Der Fox-News-Moderator Tucker Carlson verteidigt die Selbstjustiz, Trevor Noah von der "Daily Show" schaltet Anzeigen gegen Trump.

Von Willi Winkler

Tucker Carlson verfügt über einen ordentlichen Studienabschluss, eine Frau und vier sicherlich sehr brave Kinder, und er ist ein deadhead, das heißt, er ist bekennender Fan der gründlich bekifften kalifornischen Band Grateful Dead. Er kann also kein ganz schlechter Mensch sein, obwohl er sich wirklich viel Mühe gibt.

Der 51-Jährige hat mit seiner Sendung Tucker Carlson Tonight die beste Quote beim Kabelsender Fox News, wo er mit der Miene des besorgten Staatsbürgers das Evangelium des Trumpismus manchmal sogar noch eindrücklicher verbreitet als der Begründer dieser Lehre. Wie die Werbetrommler auf dem parallel stattfindenden Nominierungsparteitag der Republikaner beklagte Carlson am vergangenen Mittwoch wortreich die Ausschreitungen in amerikanischen Städten wie zuletzt in Kenosha.

Die Unruhen, die mit dem gewaltsamen Tod George Floyds im Mai begonnen hätten, so erzählte er es seinen Zuschauern, "haben jetzt ihren unausweichlichen, blutigen Abschluss erreicht". Ein minderjähriger Waffennarr, der sich selbst zum Hilfssheriff befördern wollte, hatte auf drei Demonstranten geschossen und zwei von ihnen getötet. Carlson ging nonchalant über den Anlass der Straßenkämpfe und Plünderungen hinweg, nämlich dass die Polizei auch in Kenosha zuerst auf einen Schwarzen geschossen hatte, denn er hatte eine Botschaft für das verstörte Amerika: "Warum schockiert es uns, wenn 17-Jährige, die ein Gewehr besitzen, beschließen, sie müssten die Ordnung aufrechterhalten, weil es sonst niemand tut?"

Tucker Carlsons Verteidigung der Selbstjustiz ist wie seine Behauptung, in den USA sehe es bereits aus wie im Kosovo, kein Zufall, sondern ein Grund für seine Popularität. Für seine vier Millionen Zuschauer kann er nichts falsch machen, und für den Fox-News-Besitzer Rupert Murdoch garantiert er genug Werbeeinnahmen, dass er dem Moderator ein Jahresgehalt von zehn Millionen Dollar bezahlt. Nur auf die Werbekunden, die neben den Kabelabonnenten das Programm finanzieren, ist nicht immer Verlass: Wie schon öfter, wenn sich der Moderator wieder einmal zu rassistisch geäußert hat, wurden auch dieses Mal Aufträge storniert. Carlsons Anhänger stört das keineswegs, es ist schließlich Wahlkampf, und der wird in der großen Politik wie im Fernsehen mit größter Erbitterung geführt.

Auch Trevor Noah, Carlsons Konkurrent bei der Daily Show ging auf seine Art auf Kenosha ein. Er fragte sich und sein Publikum, ob die Polizei nicht auf den bewaffneten Jugendlichen geschossen hätte, wenn er nicht weiß, sondern schwarz gewesen wäre. Trevor Noah, ein verlässlicher Kritiker des Präsidenten, nimmt den Kampf ums Weiße Haus leichter. In der New York Times und weiteren Zeitungen hat er eine Anzeige aufgegeben, mit der er dem "baldigen Ex-Präsidenten" unter der Nummer 1-210-WH-CRIME anwaltliche Hilfe anbietet. Uganda böte sich als Fluchtziel an, da sei er vor Auslieferung wegen Steuervergehen und Bereicherung im Amt sicher.

Das Prinzip Talkshow - Quote und Zuspitzung - zielte noch nie auf die Versöhnung der Gegensätze, und noch nicht einmal, wenn im Land geschossen wird.

Ernster reagierte ausgerechnet die Boulevardzeitung New York Post, die ebenfalls zum Murdoch-Imperium gehört und als Donald Trumps regelmäßige Morgenlektüre gilt. Das Vigilantentum, wie es sich in Kenosha vor aller Augen zeigte, hieß es in einem Leitartikel am Freitag, sei "verheerend" für das Land: "Wie die Ausschreitungen bedeutet Selbstjustiz eine Verletzung der vernünftigen Gesellschaftsordnung."

© SZ/cag/tyc
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