TV-Kritik: Menschen bei Maischberger:Von Möpsen und Windhunden

Was sollen wir essen und wie viel? Mit Maischberger diskutierten eine Size-Zero-Millionärsgattin, eine Diätgegnerin und drei Ärzte die massenkompatible "Wunderdiät" - und wundersamerweise verdienen fast alle Geld damit.

Ruth Schneeberger

Ob Dioxin-Skandal, Schweinepest, unaufhaltsame Diät-Empfehlungen oder sich ständig gegenseitig widersprechende Ratgeberliteratur: Es kann einem das Essen derzeit wahrlich im Halse stecken bleiben. Was sollen und können wir noch essen, wie uns gut ernähren, und das nicht nur im Ausnahmefall, sondern immer, alle?

Leute-News: Sandra Maischberger

"Speck weg, Wampe weg - Gibt es die Wunderdiät?", fragte TV-Moderatorin Sandra Maischberger die Gäste ihrer Talkshow. Eine durchaus brisante Frage nach den Feiertagen.

(Foto: ddp)

Eine Antwort auf die Frage, wie man essen soll, wenn man weniger wiegen möchte, suchten in der Nacht zu Mittwoch Sandra Maischberger und ihre fünf Gäste - und so viel darf vorab verraten werden: Sie fanden sie nicht.

Ob es an dem 30-Kilogramm-Fettberg lag, der im Studio aufgetürmt war und den statistischen Durschnittswert an Fettmenge mahnen sollte, den ein Deutscher im Laufe eines Jahres zu sich nimmt, an der Auswahl der Gäste oder daran, dass sich Maischberger mit ihrer ersten Sendung im neuen Jahr auf gezielt boulevardeskes Terrain begeben wollte unter dem Motto "Speck weg - Wampe weg - Gibt es die Wunderdiät?": Im Schweinsgalopp arbeiteten sich die Gäste am Thema Ernährung ab, um am Ende ach so schlau zu sein als wie zuvor.

Eine bunte Truppe von "Experten" hatte sich da gefunden: Auf der einen Seite die als "Diätgegnerin" angekündigte Managementtrainerin und Buchautorin (Das Leben ist zu kurz für Knäckebrot) Sabine Asgodom, in ihrer vollen rubensschen Pracht neben der als "Unternehmerin" angekündigten Millionärsgattin Gisela Muth platziert: Frau Muth trägt auch jenseits der 40 noch Modelmaße und mit der in Hollywood begehrten Kleidergröße "Size Zero" - nach Ansicht von Moderatorin Maischberger "Kindergröße" - in jedem Fall viel nackte Haut zur Schau.

"Ich habe schon als junges Mädchen viele Komplimente für meine Figur bekommen und wollte sie behalten", erklärt die Düsseldorferin, die mit "Kaviar Line" ihre eigene Kosmetiklinie vermarktet, sich auch schon mal medienwirksam per Laser das Dekolleté straffen lässt und selbst in der Küche mehrere Trimm-dich-Geräte platziert.

Hingegen hat die Münchnerin Asgodom, die mit 13 Jahren ihre erste Diät startete, nach eigenen Angaben "jeden Mist, den es auf dieser Welt gab", also von der Atkins- über die Bananen- bis zur Mayo-Diät alles ausprobiert. Sie hat acht Mal 20 Kilo abgenommen und genauso oft danach noch mehr zugenommen und sagt heute: "Ich werde nie wieder Kalorien zählen. Und ich werde mich nie wieder dafür entschuldigen, dass ich dick bin."

Und natürlich Bewegung

Daneben "Tagesschau"-Sprecher Marc Bator, der vor sechs Jahren innerhalb von neun Monaten 15 Kilo abgenommen hat, was gleich mehrere Vorher-Nachher-Einspielfilme belegen sollten, und der nicht müde wurde, zu betonen, dass neben der richtigen und bewussten Ernährung auch die Bewegung eine Rolle spiele und man eben wissen müsse, was man zu sich nehme.

Auf der anderen Seite saßen drei wissenschaftlich ausgebildete Ärzte, die sich alles andere als einig waren: Allen voran Ernährungsmediziner Detlef Pape, der mit "Insulin-Trennkost" und seinem Buch Schlank im Schlaf dem Übergewicht zu Leibe rücken will, in der Bild-Zeitung dafür gerne mal rät, beim Hamburger nur das Brötchen wegzulassen und sich auch hier zitieren ließ:

"Mindestens drei Brötchen zum Frühstück, zum Mittag Schnitzel, Wurst, Käsebrot, Kuchen. Das kann der Körper verkraften." Dicke würden nicht zu viel essen, sondern zu viele Mahlzeiten am Tag, von denen sie nicht satt würden. Wer sich an seine Diät halte, verbrenne über den kontrollierten Insulinspiegel die Kalorien im Schlaf. Genau wie man bei Kranken Blutdruck und Blutzucker einstelle, müsse "endlich" eine Insulinspiegel-Kontrolle eingeführt werden.

Lesen Sie auf Seite 2, wer am Ende noch für wen Werbung machte.

Der ständige Kampf

Spätestens an diesem Punkt wurde Kollege Gunter Frank wild: Ebenfalls Arzt, ebenfalls mit vielen Diätpatienten konfrontiert, landen bei ihm viele Fälle, die als austherapiert gelten - und nicht mehr wissen, was sie noch machen sollen. "Wer dieses Problem löst, bekommt den nächsten Nobelpreis", prophezeite er, und bat den Kollegen Pape, seine Ergebnisse auf wissenschaftlich fundierte Beine zu stellen. Denn: "Es gibt keinen Beleg dafür, dass irgendeine Diät langfristig wirkt", so der Allgemeinmediziner. Doch der ständige Kampf gegen das eigene Gewicht habe Schäden bei den Patienten hinterlassen. Weshalb auch er unter die Buchautoren gegangen ist (Lizenz zum Essen), ein sofortiges Ende aller Diätprogramme fordert und dafür auch mit der AOK streitet, wenn sie Kindern unter dem Namen PowerKids ein Gewichtsreduktionsprogramm empfiehlt. Übergewicht liege in den Genen, und es sei der ständige Jo-Jo-Effekt, der die Dicken wirklich krank mache.

Schluss damit!

"Dicksein ist ein Killer" meint hingegen der Dritte im Bunde, Arzt und Betriebswirt Stefan Frädrich, der für eine grundsätzliche Ernährungsumstellung wirbt. Dicke seien nicht nur schlapp und unglücklich, sondern erkrankten auch häufiger an Diabetes, Schlaganfall und Herzinfarkt. Weshalb er sich vom Uni-Psychiatrie-Arzt zum Motivationstrainer gewandelt hat, und bei Pro 7, Sat.1 und im WDR als Life-Coach auftrat, der Abnehmwilligen "richtige" Essgewohnheiten beibringen möchte, indem er ihnen vorhält: "Sie bringen Ihre Kinder um - hören Sie auf damit." Mit seiner Merchandising-Figur Günter, der innere Schweinehund will er auch dem Raucher, dem Unsportlichen und dem Flirtunwilligen auf die Pelle rücken. Im Jahr 2009 erschien zeitgleich mit seinem Beststeller Die einfachste Diät der Welt sein Buch So kommen Sie als Experte ins Fernsehen. Wie Sie den Bildschirm erobern und sich als TV-Experte etablieren. Bei Maischberger stellte er seine Plus-Minus-Diät vor, bei der es auf die Gesamtbilanz ankomme.

Dieser wilden Truppe wurde auch die Moderatorin nicht Herr und fragte bei Frädrichs Präsentation hilflos nach, ob sie die Erdbeeren mit dem Minus und die Bananen mit dem Plus nun bedenkenlos essen dürfe. Dazu Frädrich: "Ja, dann haben Sie Obst, dann haben Sie etwas Gutes gegessen."

"Schluss damit", forderte Gunter Frank, "wir brauchen eine vernünftige Ernährung und keine Diäten." Der Einfluss der Ernährung auf die langfristige Gewichtsentwicklung sei marginal und werde total überschätzt. "Das Essen regelt das Stammhirn wie das Atmen. Das kann ich nicht einfach mit dem Willen angehen, sonst würden wir irgendwann jämmerlich verhungern." Dem Kollegen Frädrich warf er "Volksverdummung" vor, als er postulierte, es gäbe "wunderbare Tabellen" darüber, dass die Menschen früher sterben würden, je dicker sie seien. Diese Behauptungen seien wissenschaftlich nicht belegt - viele Dicke hätten im Alter Vorteile gegenüber Dünnen."Es gibt Möpse und es gibt Windhunde", schloss der Angegriffene seine Ausführungen. Das hänge mit der Muskelmasse zusammen - der beliebte Body Mass Index (BMI) dürfe daher nur als ungefährer Anhaltspunkt genommen werden.

Ganz am Ende durfte Ernährungswissenschaftler Pape noch erklären, wie sich der Körperfettanteil im Vergleich zur Muskelmasse bei Bator, Maischberger und Muth zusammensetze - und siehe da: Die Society-Lady hat zu wenig, der Nachrichtensprecher zu viel und die Moderatorin genau richtig viel auf den Rippen. Wer hätte das gedacht?

Das war am Ende der Moderatorin dann doch selbst unangenehm, und sie beeilte sich, noch Werbung für den Kollegen zu machen: In Marc Bators Sendung Mein gutes Recht sei in guten Händen, wer am Ende die falsche Diät ausprobiert habe.

Fazit der Sendung: Der Mensch muss essen. Was das Richtige ist, wieviel davon, zu welcher Zeit und in welcher Kombination, darüber wird noch viel gestritten werden. Bis dahin: Guten Appetit und viel Glück!

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