"Tatort" aus Köln:So fesselnd wie ein fast leerer Drink

ARD zeigt Kölner 'Tatort: Kaputt'

Die Kommissare Freddy Schenk (Dietmar Bär, l.) und Max Ballauf (Klaus J. Behrendt, r.) vor dem Andenken an einen getöteten Beamten.

(Foto: dpa)

"Kaputt" handelt von Mobbing und Leistungsdruck bei der Polizei. Was daran spannend sein könnte, macht die Tatort-Routine zunichte.

Von Claudia Tieschky

Diese Rezension wurde erstmals im Juni 2019 veröffentlicht. Nun wird der Tatort am Sonntag, 25. Juli, im Ersten wiederholt, weswegen wir den Text erneut publizieren.

Dieser Kölner Tatort ist wie ein laues Getränk auf der Terrasse, und wenn fast nichts mehr drin ist, packt jemand Eiswürfel drauf. Ja, da ist kurz Gänsehaut zum Schluss, zweifellos, ansonsten ist die Folge "Kaputt" (Regie: Christine Hartmann, Buch: Rainer Butt und Christine Hartmann) zwar thematisch ambitioniert, aber extrem unmuskulös in der Umsetzung.

Es besteht auch keine Gefahr, in dieser Kolumne zu spoilern. Denn der Täter, okay, er wird gefunden - aber bis sich eine schlüssige Spur ergibt, das dauert und dauert. Es dauert genau gesagt fast 75 Minuten. In der Zwischenzeit spekulieren die Ermittler Max Ballauf (Klaus J. Behrendt) und Freddy Schenk (Dietmar Bär) wild herum über Vorgänge, die der Zuschauer teilweise schon kennt, weil er dank wackeliger Bilder zu Beginn einen kleinen Wissensvorsprung hat, der aber auch nicht weiterhilft.

Die Frage ist, wer da nach und nach die jungen, kaputten Drogenkonsumenten erschießt, die am Anfang den Polizisten Frank Schneider in einem verlassenen Haus totgeprügelt haben, während seine Kollegin bewusstlos geschlagen im Garten lag. Die Ermittler haben keine Ahnung, die Zuschauer auch nicht. Und die Täter werden Opfer. Könnte spannend sein. Ist es aber leider nicht.

Es geht, wie schon in der vorletzten Kölner Folge "Weiter, immer weiter", um die innere Befindlichkeit der Polizei, um Leistungsdruck, um Mobbing gegen Frauen und Schwule. "Polizei ist Familie", sagt Schenk. "Nach außen hin vielleicht", antwortet Ballauf. "Nach innen ist sie genauso kaputt wie die meisten anderen Familien." Konkret heißt das: Der erschlagene Frank Schneider und sein Kollege Stefan Pohl waren seit Langem ein Paar, aber auf die Frage der Ermittler, ob der Tote Familie hatte, sagt der Dienststellenleiter: Nein.

Max Simonischek spielt Pohl, den ausgegrenzten, wütenden und trauernden Polizisten, spielt mit seiner stattlichen Körpergröße eine kindlich direkte Verletztheit. Auch Behrendt und Bär machen das alles sehr furchtlos. Das Problem sind hier nicht die Schauspieler. Es sind die üblichen reichen Verdächtigen. Vorlesungen auf dem Revier aus der Akte des kaputten Drogenkonsumenten, über den sowieso längst alles klar ist. Und Nebenfiguren, die bei der Nachricht vom Tod ihres Kindes den Satz aufsagen müssen: "Das kann doch alles nicht sein! Sagen Sie mir, dass das nicht wahr ist."

Es ist aber wahr: routinierte Langeweile, nur zu empfehlen für unerschütterliche Liebhaber von Tatort-Folklore.

Das Erste, Pfingstmontag, 20.15 Uhr.

© SZ vom 08.06.2019/tmh
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