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"Tatort" aus Köln:Als Sozialdrama wäre dieser Fall stark

Tatort - Niemals ohne mich

"In was für 'ner Welt leben wir denn?", fragt Ballauf (l.) schmerzhaft klassisch.

(Foto: dpa)

Der Kölner "Tatort" erzählt überzeugend von traumatisierten Kindern und Ehekriegen. Leider weichen ihn altbackene Dialoge, Wurstbude und ewige Rumfahrerei auf.

Auch beim WDR-Tatort war dem Traditionsermittlerduo Ballauf/Schenk vorübergehend ein moderneres Design verpasst worden, zum Beispiel wurde sogar auf den Einsatz der guten alten Wurstbude verzichtet, vor der die Kommissare gern standen und räsonierten.

Inzwischen allerdings, im Zeitalter der Experimente an allen Tatort-Standorten, steuern die Kölner den konsequenten Gegenkurs. "Niemals ohne mich" ist ein klassischer Whodunit, die klassische Wurstbude kommt sogar zweimal vor, die klassischen Kommentarfragen dieser Folge ("Wo waren sie gestern zwischen 20 und 23 Uhr?") stellte schon Harry Klein im Derrick der frühen Achtziger. Und Inspektor Ballauf (Klaus J. Behrendt) beschäftigt sich mal wieder gedanklich mit dem Elend des Lebens, kleidet seine Überlegungen aber in schmerzhaft klassische Wendungen: "In was für 'ner Welt leben wir denn?"

Andererseits - man sieht es ja gerade draußen vor der Tür - verliert diese Frage nie an Aktualität, und auch in diesem speziellen Tatort-Zusammenhang ist sie treffend gestellt. Eine Mitarbeiterin des Jugendamtes ist umgebracht worden, Regisseurin Nina Wolfrum und Autor Jürgen Werner erzählen eine bittere Geschichte über Sorgerechtsschlachten, traumatisierte Kinder, Ehekriege. Man grüßt sich standesgemäß: "Fick dich, Rainer!" Dem Ehepaar Hildebrandt (Katrin Röver und Peter Schneider) ist über die Jahre aller Respekt voreinander flöten gegangen. Die beiden lassen den Zuschauer sehr deutlich nachempfinden, was passiert, wenn aus Liebe nicht, wie üblich, Gleichgültigkeit wird. Sondern Hass.

Die Episode lebt von der Klasse solcher Darsteller und Darstellerinnen, und sie wird ausgerechnet da schwächer, wo sie in Traditionellem verfangen bleibt. Altbackene Dialoge der Kommissare, ewige Rumfahrerei mit dem Auto, und der Assistent Jütte (Roland Riebeling) ist so überdeutlich als schusselige Figur angelegt. Wenn er kommt, wird's leicht. Womöglich wird dieser Tatort konsumierbarer durch Rituale und Heiterkeit, was ja wichtig ist am Sonntagabend. Noch stärker wäre er gewesen, wenn er sich getraut hätte, ein hartes Sozialdrama zu bleiben.

Das Erste, Sonntag, 20.15 Uhr.

© SZ vom 21.03.2020/cag
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