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Tatort aus Ludwigshafen:Von den dreien wird man noch hören

Tatort: Leonessa; SWR Tatort Ludwigshafen Leonessa

Zwei sind wütend und traurig, der dritte ist irgendwie von ihnen adoptiert: Samir (Mohamed Issa, l.), Vanessa (Lena Urzendowsky) und Leon (Michelangelo Fortuzzi).

(Foto: SWR/Jacqueline Krause-Burberg)

In den Betonblocks von Oggersheim-West geschieht ein Mord. "Leonessa" klingt nach Wohnungsbau-Tristesse, erzählt aber unerwartet zart von einer Freundschaft.

Dieser sehr gute Tatort aus Ludwigshafen wurde in den Blocks von Oggersheim-West gedreht; ein Ort aus Beton, mit Kästchen für Wohnen und Kästchen für Einkaufen und Kästchen fürs Sichbetrinken. In dieser engen Ordnung funktionieren in der Folge "Leonessa" Aufzüge nicht und Eltern auch nicht. Es ist die Bronx vom Südwesten, aber es herrscht fader Stillstand wie in einer Kleinstadt. Die Kneipe in der Ladenpassage heißt Hanne & Hans. Hans wird morgens um acht hinterm Tresen erschossen, es läuft Country-Musik. Hans war der Sheriff im Beton.

Da kann man fragen: Und was soll daran jetzt sehr gut sein? Tausendmal gesehen. Böser sozialer Wohnungsbau im deutschen Fernsehfilm mit trister Handlung. Noch nie geweint deswegen.

"Leonessa" aber erzählt eine unerwartet zarte, versponnene, rau-romantische und maximal unsentimentale Geschichte von drei Freunden, Vanessa, Leon und Samir. Nachbarskinder, die keine Kinder mehr sind, sondern eine Art überbesetztes Paar namens Leonessa. "Leon und Vanessa - Brangelina für Arme, Samir ist das dritte Rad am Wagen", sagt die Wirtin Hanne zu Lena Odenthal (Ulrike Folkerts) und Johanna Stern (Lisa Bitter). Den Kommissarinnen fallen die drei komischen Vögel auf, keiner blickt da durch. Wie auch?

Zwei von den dreien sind wütend und traurig auf eine Art, wie Menschen manchmal in britischen Filmen der Achtziger wütend und traurig waren: Exzentrisch gekleidet und geschminkt, die Verletzlichkeit verdeckt unter überdrehter Lebenslust. Samir haben sie irgendwie adoptiert. Regisseurin Connie Walther und Autor Wolfgang Stauch finden großartige Bilder für dieses Verschworensein: Samir klopft mit einem Besenstil an die Decke, wo Vanessa wohnt. Genau über ihm. "Wenn die Decke ein Loch hätte", sagt Johanna Stern, und man ahnt sehr genau, was diese Vorstellung in Samir anrichtet, "würde sie in dein Bett fallen."

Das alles muss man erst einmal spielen können. Und das ist das Geheimnis von "Leonessa" - es ist ein Ensemblefilm der jungen Schauspieler: Lena Urzendowsky, die man aus der Moshammer-Satire Der große Rudolph kennen kann; Mohamed Issa, der Samir als schüchternen guten Jungen spielt; Michelangelo Fortuzzi, der verlorene Leon mit Kajal um die Augen, den gefärbten Haarsträhnen und der betrunkenen Mutter. Lena Urzendowsky spielt Vanessa mit verblüffender Sicherheit, sie hält Strebsamkeit und rücksichtslose Energie in der Balance, Ekel und Vernunft und manchmal eine bestürzende Kindlichkeit. Von den dreien wird man noch hören, nun profitiert die Outsider-Story aus Oggersheim-West von ihrem Talent. Anschauen!

Nebenbei entwickeln sich Odenthal und Stern langsam zu einem Team, in dem die Rollen gut verteilt sind, was der Figur Odenthal Luft zum Altern lässt. Das ist schön. Aber als es einmal Geld vom Hochhaus regnet, kommen sie zu spät.

Das Erste, Sonntag, 20.15 Uhr.

© SZ vom 07.03.2020/cag
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