Journalismus Wie unabhängig ist die "Washington Post"?

Baut sich eine "Partyhöhle epischen Ausmaßes" in Washington und hat auch sonst offensichtlich Gefallen gefunden an seiner neuen Rolle als Verleger: Amazon-Chef Jeff Bezos.

(Foto: Emmanuel Dunand/AFP)
  • Vor fünf Jahren hat Amazons CEO Jeff Bezos für 250 Millionen Dollar die Washington Post gekauft.
  • Damit ist er nicht der erste Milliardär, der sich eine Zeitung zulegt.
  • Was bedeuten solche Übernahmen für den Journalismus?
Von Alan Cassidy

Nein, gesehen hat sie den neuen Eigentümer noch nicht. "Aber die Paparazzi, die waren schon da", sagt die Frau, die einen Kinderwagen über die Straße schiebt. Ein nasser Septembertag in Kalorama, einem Nobelviertel Washingtons, wo die Obamas leben, wo Ivanka Trump und Jared Kushner zu Hause sind - und wo es nun auch Jeff Bezos hinzieht: Derzeit lässt er hier das größte Anwesen der Stadt umbauen. 25 Badezimmer, elf Schlafzimmer, zwei Fahrstühle, ein Solarium und ein riesiger Ballsaal. Zwölf Millionen Dollar steckt er laut dem Magazin Washingtonian alleine in die Renovierung, zusätzlich zu den 23 Millionen, die ihn der Kauf des ehemaligen Textilmuseums gekostet hat.

Bezos kann sich das leisten, er ist mit einem Vermögen von mehr als 150 Milliarden Dollar der reichste Mann der Welt. Hier in seiner Villa, hinter der Fassade aus rotem Backstein und weißen Säulen, will er bald den Gastgeber für Washingtons Reiche und Mächtige geben. Eine "Partyhöhle epischen Ausmasses" nannte es der Washingtonian, der die Baupläne im Frühjahr veröffentlichte. Das passt zum Fußabdruck, den Bezos inzwischen in Washington hinterlassen hat. Fünf Jahre ist es her, seit sich der Amazon-Gründer für 250 Millionen Dollar die Washington Post kaufte, am 1. Oktober 2013 wurde der Besitzerwechsel von der legendären Familie Graham vollzogen. Und Bezos hat offensichtlich Gefallen gefunden an seiner neuen Rolle als Verleger in Amerikas Hauptstadt.

Mehr Leser, mehr Mitarbeiter, schärferes Profil: Der Zeitung geht es deutlich besser als zuvor

Unter dem neuen Eigner, so viel lässt sich sagen, geht es der Post viel besser als zuvor. Detaillierte Zahlen über den Geschäftsgang veröffentlicht das Unternehmen zwar selbst auf Nachfrage keine, die Pressestelle lehnte mehrere Anfragen für Interviews ab. Aber dank großem Wachstum auf dem digitalen Markt hat die Zeitung deutlich an Lesern gewonnen, sie war 2017 nach einer langen Zeit der Verluste bereits im zweiten Jahr in Folge profitabel - und sie hat ihr publizistisches Profil geschärft. Mit der New York Times liefert sie sich einen fieberhaften Wettkampf um Pulitzerpreise und um die besten Scoops zur Regierung von US-Präsident Donald Trump. Viele Leser schätzen an der Post, dass sie, was die Trump-Berichterstattung betrifft, aggressiver daherkommt als die Times mit ihrem nüchternen, oft sehr institutionellen Ton.

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Inzwischen beschäftigt Bezos' Blatt mehr als 850 Journalisten, wovon es 200 neu eingestellt hat, sowie 350 IT-Spezialisten. Das ist bemerkenswert in einer Zeit, in der in den USA fast wöchentlich neue Meldungen über Zeitungen auftauchen, die Journalisten entlassen oder gleich ganz dichtmachen. Dan Kennedy, Journalismus-Professor an der Boston University, hat über die Entwicklung der Post unter Bezos eine Studie geschrieben. Die wichtigste Amtshandlung von Bezos sei es gewesen, einen langjährigen internen Konflikt über die Ausrichtung des Blattes zu beenden: Soll die Post eine lokale Zeitung sein oder eine nationale? Bezos entschloss sich für den zweiten Weg - und für die Expansion über die digitalen Kanäle. "Diese Weichenstellung zu Beginn erlaubte es der Zeitung, sich aus einer schrecklichen Abwärtsspirale zu befreien", sagt Kennedy.

Die Washington Post schaffte das, indem sie sich eine riesige digitale Leserschaft erschloss: Zwischen 80 und 100 Millionen Zugriffe verzeichnet die Website jeden Monat. Und sie schaffte es, einen ansehnlichen Teil dieser Leser dazu zu bewegen, für den Zugriff auf die Website zu bezahlen. Die Zahl der Digitalabonnenten stieg vergangenes Jahr erstmals über die Marke von einer Million. Daneben hat die Post neue Geschäftsfelder entdeckt. Ihre Entwickler bauten ein Redaktionssystem namens Arc auf, das inzwischen an andere Medienhäuser verkauft wird, zuletzt an das Redaktionsnetzwerk Deutschland, das der Madsack-Gruppe gehört.

Darüber hinaus vertraute Bezos an Schlüsselstellen auf viele Leute, die schon da waren, besonders auf Chefredakteur Marty Baron, den viele US-Journalisten für den Besten seines Fachs halten.

Den Kauf der Post finanzierte Bezos nicht aus den Kassen des Amazon-Konzerns, sondern aus seinem Privatvermögen. Eine rechtliche Verbindung besteht zwischen beiden Unternehmen nicht. Trotzdem profitierte die Zeitung von Bezos' Doppelrolle: Auf den Kindle-Fire-Geräten des Konzerns ist die App der Post vorinstalliert, Abonnenten des Premiumdiensts Amazon Prime erhalten die Digitalausgabe mit einem großem Rabatt. Auch wegen solcher Dinge schimpft Donald Trump schon länger über die "Amazon Washington Post". Die Zeitung, behauptet er, sei eine "Lobbyistin" für den Konzern. Das ist ein Vorwurf, den die Chefredaktion schon wiederholte Male bestritten hat. Doch angesichts der Tatsache, dass Amazon einer der mächtigsten Konzerne der Welt ist, der nicht nur den Großteil des elektronischen Handels in den USA kontrolliert, sondern etwa auch Cloud-Daten für den Geheimdienst CIA verwaltet, stellen sich viele die Frage: Wie unabhängig ist die Post wirklich?

Man bemüht sich um Distanz. Amazon-Produkte werden auch mal ausführlich verrissen

Mitarbeiter der Redaktion sagen, dass Bezos überraschend oft am Redaktionssitz im Zentrum von Washington auftauche. Mitte September eröffnete er dort feierlich eine Erweiterung des Newsrooms. Er habe aber nie den Eindruck erweckt, dass er sich inhaltlich einmische, dass ein Artikel abgeblockt oder indirekt beeinflusst worden wäre, sagt ein langjähriger Redakteur der Zeitung.

Auch Journalismus-Professor Dan Kennedy sieht keinen Beleg dafür, dass die Post ein Sprachrohr von Amazon sei. In der Berichterstattung über den Konzern gebe sich die Zeitung Mühe, kritisch zu sein. Beispiele dafür gibt es tatsächlich einige. Als Amazon vor einigen Monaten ein neues System vorstellte, das seine Lieferboten mit einem elektronischen Schlüssel zum Aufsperren von Wohnungen ausstattet, erschien darüber in der Post ein ausführlicher Verriss.

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Allerdings, sagt Kennedy, gebe es wohl auch blinde Flecken: "Die knallharte, ausführliche Recherche über die schlechten Arbeitsbedingungen bei Amazon habe ich in der Post noch nicht gelesen." Ein Thema sind die Arbeitsbedingungen auch bei den Angestellten der Post selber: Die Gewerkschaft der Zeitung streitet mit der Führung schon Monate über ein besseres Rentenpaket - und kommt dabei nicht weiter.

Die Frage nach der redaktionellen Unabhängigkeit der Zeitung von ihrem Eigner werde sich in naher Zukunft vermehrt stellen, glaubt Andrew Beaujon, der beim Magazin Washingtonian über Medienthemen schreibt. Derzeit sucht Amazon einen Standort für das neue Hauptquartier HQ2, an dem künftig 50 000 Angestellte arbeiten sollen, und Washington bemüht sich wie viele andere Orte um den Zuschlag. Aus Bezos' Sicht würde es wohl alleine schon aufgrund der Nähe zu den politischen Institutionen Sinn ergeben, in der Hauptstadt einen Sitz zu errichten, sagt Beaujon.

Doch das Projekt ist in Washington umstritten, weil es für die Stadt massive Änderungen zur Folge hätte, die nicht alle positiv sind: explodierende Immobilienpreise, noch mehr Druck auf die Infrastruktur, noch mehr Verdrängung von Alteingesessenen. Bisher gebe sich die Zeitung große Mühe, auch über diese Aspekte zu berichten, sagt Beaujon. Aber dass das in diesem speziellen Fall eher schwierig ist, dass die Interessenkonflikte ganz generell zunehmen werden: Es liegt auf der Hand.

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