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Pirat Ponader bei Maischberger:Wie Ponader der Hartz-IV-Debatte geschadet hat

Doch was bedeutet das nun? Wie immer, wenn Ponader irgendwo auftaucht, kommt die Runde rasch auf seine persönliche Situation zu sprechen. In den vergangenen zweieinhalb Jahren, so berichtet Sandra Maischberger, habe er zehn Monate Hartz IV bezogen. "Wie alt sind Sie und wie viel Steuern haben Sie schon bezahlt? Wahrscheinlich gar nix", hält ihm Millionärin Obert entgegen. "Was Sie über Wirtschaft sagen, ist viel zu kurz gesprungen", geht Roßmann Ponader an. "Der Sozialstaat ist nicht für Leute wie Sie erfunden worden", ruft Köppel.

Und da ist er dann, der Moment, in dem in Ponaders Gesicht irgendetwas zerbricht. Gerade jetzt, wo es nicht nur um sein ureigenstes Thema sondern auch noch um ihn persönlich geht, versagt ihm plötzlich die Stimme. Er ringt nach Luft und man sieht ihm deutlich an, wie ihm alles zu schaffen macht: Dass das ganze Land, inklusive führender Vertreter der Agentur für Arbeit, seit Wochen über seine Einkünfte und seinen Lebensstil debattiert. Dass er für viele zum Sinnbild des Sozialschmarotzers, des arbeitsscheuen Künstlers, geworden ist.

"Was mich ärgert, ist diese Fokussierung auf eine Person", stößt er irgendwann hervor. Man kann ihn gut verstehen. Doch auf der anderen Seite zeigt diese offensichtliche Verwunderung auch die Naivität des Piraten Ponader. Denn immerhin war er es, der als seinen ersten großen Coup als politischer Geschäftsführer der Piraten in der FAZ einen vielbeachteten Essay mit dem Titel "Mein Rücktritt vom Amt" schrieb - und so seine Person in der Hartz-IV-Debatte in den Vordergrund rückte.

Das bedingungslose Grundeinkommen, für das Ponader leidenschaftlich kämpft, ist ein ebenso komplexes wie umstrittenes Thema - ein Thema, das eine sensible, differenzierte Herangehensweise erfordert. Man hätte viel darüber schreiben können: über die Gründe, warum Menschen Hartz IV beziehen. Über verschiedene Schicksale, über Gerichtsverfahren, nicht zuletzt über Alternativen zum System. Doch Ponader entschied sich in erster Linie für seine persönliche Geschichte, ehrlich aufgeschrieben in dem ihm eigenen, selbstbewussten, originellen, manchmal trotzigen Tonfall.

Das hätte gutgehen können - ist es aber nicht. Das zeigte sich deutlich in den vergangenen Tagen: Einige wohlmeinende Parteifreunde hatten eine Spendenaktion für ihren politischen Geschäftsführer gestartet. Die Parteibasis lief Sturm. Die Spendenaktion roch für viele zu sehr danach, als wolle da ein prominentes Parteimitglied seine Popularität ausnutzen, während andere umsonst buckeln. Denn die Piratenvorstände arbeiten grundsätzlich ehrenamtlich.

Ponader hat vielen Munition geliefert

Es zeigt sich nun auch in jenen Momenten bei Maischberger, in denen der Einser-Abiturient Ponader von der rosa gekleideten Millionärin Obert gedemütigt wird - und es nicht schafft, der eher einfach gestrickten Dame Paroli zu bieten. Zwischen dem Mann, der hier bei Sandra Maischberger in seinem Pulli versinkt und jenem frechen Freak, der einst Günther Jauch mit anarchistischem Getwitter und stoischem Grinsen aus der Fassung brachte, liegen eigentlich nur wenige Monate.

Und doch ist der politische Geschäftsführer der Piraten kaum wiederzuerkennen. Zwar bekommt er es noch irgendwie hin, einen Mindestlohn und die Abschaffung der Hartz-IV-Sanktionen zu fordern, doch beim Mindestlohn stimmt ihm sogar die Geht-doch-arbeiten-Millionärin Obert zu. Über die Sanktionen will jetzt, fünf Minuten vor Schluss, auch keiner mehr reden.

Ponader, so viel ist inzwischen klar, hat all jenen Munition geliefert, die Künstler für verdächtige Objekte und Hartz-IV-Empfänger pauschal für arbeitsscheue Taugenichtse halten. Doch das ist vielleicht noch nicht einmal besonders schlimm. Denn wer den Wert von Arbeit allein am Verdienst misst, der wird wohl niemals ein bedingungsloses Grundeinkommen gut finden - ganz egal, welche Argumente die Piraten auffahren.

Doch er hat mit seiner Kampagne auch viele verprellt, die eigentlich wie er Hartz IV kritisch gegenüberstehen: eben mit jener Herausstellung seiner Person, für die er sich selbst mit einem Artikel in der Ich-Perspektive entschieden hat. Denn nun will zwar jeder mit Ponader über sein persönliches Einkommen, seine Ausbildung, seine Werte und das Recht der Kreativen auf Sozialleistungen diskutieren.

Aber niemand über jene Menschen, die diese nicht nur gelegentlich beziehen wie Ponader, sondern ständig. Die keinen Weg mehr aus der Armut finden. Die krank sind, sich alleine um eine Familie kümmern müssen, die keine Ausbildung haben. Kurz: Um diejenigen, die noch immer auf die ein oder andere Weise ohne Hoffnung gefangen sind im System Hartz IV.

© Süddeutsche.de/mikö

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