Süddeutsche Zeitung

Pirat Ponader bei Maischberger:Er macht da nicht mit

"Reiche, zur Kasse bitte!" schreit es bei Sandra Maischberger: rechts gegen links, Millionäre gegen Wohltäter, Zyniker gegen Idealisten. Nur einer schreit nicht mit: Johannes Ponader, politischer Geschäftsführer der Piraten. Orientierunglos und deprimiert wirkt der Hartz-IV-Kritiker - und kommt bei seinem selbstgewählten Kernthema erst kaum zu Wort und schließlich mächtig ins Schleudern.

Hannah Beitzer

Ganz zu Beginn der Sendung von Sandra Maischberger erzählt Johannes Ponader, politischer Geschäftsführer der Piratenpartei, Künstler und bekennender Nonkonformist, von seinem Lieblingsbuch aus dem Kindergarten. Es ist die wunderschöne, verträumte Geschichte von der kleinen Maus Frederick. In der Geschichte sammeln fleißige Feldmäuse das ganze Jahr Nahrungsmittel für den Winter. "Und Frederick macht da nicht mit", erzählt Ponader mit kindlicher Begeisterung. Denn Frederick sammelt andere Dinge: Sonnenstrahlen, Farben, Geschichten, mit denen er seinen Mäuse-Freunden die kalten Winterabende versüßt.

Fast könnte man meinen, Ponader habe sich an diesem Abend Frederick zum Vorbild genommen. Denn auch er sitzt da, während die Diskussion zum Thema "Reiche, zur Kasse bitte!" um ihn tobt, und macht erst einmal: nichts. Auf Twitter hagelt es Häme: "Eines muss man ihm lassen: #Ponader vertritt die Wirtschafts- und Haushaltspolitik der #Piraten konsequent. Indem er schweigt", spottet es dort und: "Gibt es wirklich keine Worte für das, was da gerade passiert!? #Ponader #Maischberger Sprich!"

Doch erst einmal sprechen hier die anderen, die im Wesentlichen die üblichen Verdächtigen sind. Für die Reichen: Der Unternehmer Dirk Roßmann ("Kein Land der Erde hat so hohe Sozialleistungen wie Deutschland") und Weltwoche-Chefredakteur Roger Köppel ("In Deutschland sehe ich keinen Missstand in der Umverteilung"). Für die Armen: Linken-Ikone Sahra Wagenknecht ("Der Reichtum ist größer geworden. Die Mittelschicht ist kleiner geworden.") und der Chef des Paritätischen Wohlfahrtsverbands, Ulrich Schneider ("Wir haben die Möglichkeit, Umverteilung vorzunehmen, ohne, dass irgendwer auf sein Butterbrot verzichten muss").

Und natürlich gibt es auch einen skurrilen Paradiesvogel in der Runde - und diesmal ist diese Rolle nicht Ponader zugefallen, an dessen Sandalen man sich inzwischen gewöhnt hat. Sondern der Unternehmerin Claudia Obert, die ihr Vermögen mit Luxusmode zu Discounterpreisen verdient hat: "Wenn man Hunger hat, muss Brot und Butter auf den Tisch oder ein Schnitzel, und mit so einem Gefasel kann man nichts anfangen", tut die Selfmade-Millionärin die niedliche Mäuse-Geschichte Ponaders ab.

Spätes Erwachen Ponaders

"Ich bin sowieso der Meinung, dass es in Deutschland keine Arbeitslosen gibt, sondern nur Arbeitsscheue", teilt sie der pikiert dreinblickenden Runde mit, um gleich darauf ungeniert vom "Glück des Spermas" zu schwadronieren, genauer: "Wenn ich einen reichen Vater hätte, hätte ich vielleicht auch nur mein Geld verbraten."

Abgesehen von den interessanten Ansichten der Frau Obert verläuft die Diskussion jedoch in gewohnten Bahnen: Wagenknecht fordert eine höhere Erbschaft- und eine Vermögensteuer. "Wir müssen Reihe von Dingen bewältigen, für die uns die Mittel fehlen", findet hingegen Schneider und nennt als Beispiele: Investitionen in Bildung, aber auch in die Pflege. "Wer soll diese Dinge finanzieren?" fragt er seine Mitdiskutanten und gibt die Antwort gleich selbst: die, die Geld haben.

Unternehmer Roßmann singt unterdessen ein Loblied auf Schröders Hartz-IV-Reformen und beschwört unaufhörlich die Wettbewerbsfähigkeit Deutschlands. Sein Gesinnungsgenosse Köppel sieht einen "Kreuzzug gegen die Erfolgreichen" in ganz Europa - und prophezeit das Ende allen Wohlstands, das damit einhergeht. Beide sind sich einig, dass der Staat die üppigen Mittel, die er durch Steuereinnahmen erhalte, nicht richtig einzusetzen wisse.

"Die Steuergeschenke für Reiche haben die öffentlichen Haushalte verarmt", gibt Wagenknecht zurück - denn immerhin sei immense Staatsverschuldung gerade in Zeiten des Sozialabbaus geschehen. Und überhaupt: "Wer nicht haushalten kann, das sind ja wohl die Banken", ruft sie, auf die Bankenrettungen der Finanzkrise hinweisend, "und was wurde damit gerettet? Das Geldvermögen der Reichen!" Der Rest geht unter in wütendem Geschrei.

Erst jetzt, nach fast einer Stunde, fährt Ponader aus dem Ruhezustand hoch - doch ganz anders als die Feldmaus Frederick kann er die Anwesenden nicht mit seinen Geschichten bezaubern, geschweige denn überzeugen. Er will die ganze Sache grundsätzlicher angehen, nämlich "was Wirtschaft im Kern bedeutet": "Dass es allen gutgeht. Wir wollen Armut verhindern. Wir wollen nicht Reichtum verhindern."

Wie Ponader der Hartz-IV-Debatte geschadet hat

Doch was bedeutet das nun? Wie immer, wenn Ponader irgendwo auftaucht, kommt die Runde rasch auf seine persönliche Situation zu sprechen. In den vergangenen zweieinhalb Jahren, so berichtet Sandra Maischberger, habe er zehn Monate Hartz IV bezogen. "Wie alt sind Sie und wie viel Steuern haben Sie schon bezahlt? Wahrscheinlich gar nix", hält ihm Millionärin Obert entgegen. "Was Sie über Wirtschaft sagen, ist viel zu kurz gesprungen", geht Roßmann Ponader an. "Der Sozialstaat ist nicht für Leute wie Sie erfunden worden", ruft Köppel.

Und da ist er dann, der Moment, in dem in Ponaders Gesicht irgendetwas zerbricht. Gerade jetzt, wo es nicht nur um sein ureigenstes Thema sondern auch noch um ihn persönlich geht, versagt ihm plötzlich die Stimme. Er ringt nach Luft und man sieht ihm deutlich an, wie ihm alles zu schaffen macht: Dass das ganze Land, inklusive führender Vertreter der Agentur für Arbeit, seit Wochen über seine Einkünfte und seinen Lebensstil debattiert. Dass er für viele zum Sinnbild des Sozialschmarotzers, des arbeitsscheuen Künstlers, geworden ist.

"Was mich ärgert, ist diese Fokussierung auf eine Person", stößt er irgendwann hervor. Man kann ihn gut verstehen. Doch auf der anderen Seite zeigt diese offensichtliche Verwunderung auch die Naivität des Piraten Ponader. Denn immerhin war er es, der als seinen ersten großen Coup als politischer Geschäftsführer der Piraten in der FAZ einen vielbeachteten Essay mit dem Titel "Mein Rücktritt vom Amt" schrieb - und so seine Person in der Hartz-IV-Debatte in den Vordergrund rückte.

Das bedingungslose Grundeinkommen, für das Ponader leidenschaftlich kämpft, ist ein ebenso komplexes wie umstrittenes Thema - ein Thema, das eine sensible, differenzierte Herangehensweise erfordert. Man hätte viel darüber schreiben können: über die Gründe, warum Menschen Hartz IV beziehen. Über verschiedene Schicksale, über Gerichtsverfahren, nicht zuletzt über Alternativen zum System. Doch Ponader entschied sich in erster Linie für seine persönliche Geschichte, ehrlich aufgeschrieben in dem ihm eigenen, selbstbewussten, originellen, manchmal trotzigen Tonfall.

Das hätte gutgehen können - ist es aber nicht. Das zeigte sich deutlich in den vergangenen Tagen: Einige wohlmeinende Parteifreunde hatten eine Spendenaktion für ihren politischen Geschäftsführer gestartet. Die Parteibasis lief Sturm. Die Spendenaktion roch für viele zu sehr danach, als wolle da ein prominentes Parteimitglied seine Popularität ausnutzen, während andere umsonst buckeln. Denn die Piratenvorstände arbeiten grundsätzlich ehrenamtlich.

Ponader hat vielen Munition geliefert

Es zeigt sich nun auch in jenen Momenten bei Maischberger, in denen der Einser-Abiturient Ponader von der rosa gekleideten Millionärin Obert gedemütigt wird - und es nicht schafft, der eher einfach gestrickten Dame Paroli zu bieten. Zwischen dem Mann, der hier bei Sandra Maischberger in seinem Pulli versinkt und jenem frechen Freak, der einst Günther Jauch mit anarchistischem Getwitter und stoischem Grinsen aus der Fassung brachte, liegen eigentlich nur wenige Monate.

Und doch ist der politische Geschäftsführer der Piraten kaum wiederzuerkennen. Zwar bekommt er es noch irgendwie hin, einen Mindestlohn und die Abschaffung der Hartz-IV-Sanktionen zu fordern, doch beim Mindestlohn stimmt ihm sogar die Geht-doch-arbeiten-Millionärin Obert zu. Über die Sanktionen will jetzt, fünf Minuten vor Schluss, auch keiner mehr reden.

Ponader, so viel ist inzwischen klar, hat all jenen Munition geliefert, die Künstler für verdächtige Objekte und Hartz-IV-Empfänger pauschal für arbeitsscheue Taugenichtse halten. Doch das ist vielleicht noch nicht einmal besonders schlimm. Denn wer den Wert von Arbeit allein am Verdienst misst, der wird wohl niemals ein bedingungsloses Grundeinkommen gut finden - ganz egal, welche Argumente die Piraten auffahren.

Doch er hat mit seiner Kampagne auch viele verprellt, die eigentlich wie er Hartz IV kritisch gegenüberstehen: eben mit jener Herausstellung seiner Person, für die er sich selbst mit einem Artikel in der Ich-Perspektive entschieden hat. Denn nun will zwar jeder mit Ponader über sein persönliches Einkommen, seine Ausbildung, seine Werte und das Recht der Kreativen auf Sozialleistungen diskutieren.

Aber niemand über jene Menschen, die diese nicht nur gelegentlich beziehen wie Ponader, sondern ständig. Die keinen Weg mehr aus der Armut finden. Die krank sind, sich alleine um eine Familie kümmern müssen, die keine Ausbildung haben. Kurz: Um diejenigen, die noch immer auf die ein oder andere Weise ohne Hoffnung gefangen sind im System Hartz IV.

Bestens informiert mit SZ Plus – 4 Wochen kostenlos zur Probe lesen. Jetzt bestellen unter: www.sz.de/szplus-testen

URL:
www.sz.de/1.1446959
Copyright:
Süddeutsche Zeitung Digitale Medien GmbH / Süddeutsche Zeitung GmbH
Quelle:
Süddeutsche.de/mikö
Jegliche Veröffentlichung und nicht-private Nutzung exklusiv über Süddeutsche Zeitung Content. Bitte senden Sie Ihre Nutzungsanfrage an syndication@sueddeutsche.de.