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Brief von Helmut Dietl:Chronisch depressiv seit dem vierten Lebensmonat

Regisseur Helmut Dietl vor dem Siegestor in München

Helmut Dietl vor dem Siegestor in München. Am 30. März 2015 starb der Regisseur.

(Foto: Rolf Hayo/imago)

Von Filmemacher Helmut Dietl taucht ein bisher unbekannter Brief aus dem Jahr 1982 auf - der Text ist Dietl in Reinform: komödiantisch, verführerisch, verräterisch.

Vieles, was man über den Menschen Helmut Dietl zu wissen glaubt oder zumindest ahnt, steckt in seiner Kunst. In Fernsehserien wie Münchner Geschichten, Der ganz normale Wahnsinn oder Monaco Franze, in Kinofilmen wie Schtonk oder Rossini. Man spürt eine große Verwunderung über die Menschen, man freut sich am Münchner Sprachwitz und an der Ironiebegabung des Autors, der durch seine Figuren spricht. Man erinnert sich noch nach Jahren an die Situationskomik, die haarklein geplant war. Nicht wenige Fans können ganze Dialoge aus seinem Werk nachsprechen - was dafür spricht, dass die Drehbücher von Helmut Dietl (und seinem Co-Autor Patrick Süskind) in mühsamer Feinarbeit entstanden.

Am heutigen Montag ist es fünf Jahre her, dass der Erfinder dieser großartigen Geschichten im Alter von 70 Jahren starb. Wer in der Corona-Zeit nach intelligenter Unterhaltung sucht, ist im Dietl-Kosmos genau richtig. Aber es gibt neben den Klassikern auch eine kleine Novität zu besichtigen: einen bisher unbekannten Brief, den zwei Historiker am Institut für Bayerische Geschichte der LMU, Ferdinand Kramer und Claudia Schemmer, kürzlich bei ihren Recherchen zur Bedeutung der Medien in Bayern im Unternehmensarchiv des WDR gefunden haben. Helmut Dietl hat das zweiseitige Schreiben im Oktober 1982 an seinen Ansprechpartner bei dem Sender, den späteren WDR-Fernsehdirektor und Degeto-Chef Jörn Klamroth, geschickt.

Dieser Brief ist Dietl in Reinform: komödiantisch, verführerisch, verräterisch, subtil und scharfzüngig. Dietl spricht von den "Lusttötern" bei den deutschen Sendern. "Es gibt Kollegen von Dir, mit denen habe ich oft mehrstündige Schweigekonferenzen abgehalten", schreibt er an Klamroth. "Du kennst das sicher: Erst schläft dir der eine Fuß ein, dann der andere, dann denkst du über die Nahost-Krise nach, über Langstreckenraketen und schnelle Brüter, über ehemalige Frauen und künftige Geliebte, über die düstere Zukunft deiner Kinder sowie Steuervoraus- und nachzahlungen, und schließlich verkrallst du dich dann in die Frage, warum du es immer noch nicht geschafft hast, endlich das Rauchen aufzugeben. Spätestens zu diesem Zeitpunkt bist du dann so deprimiert, daß sogar der öffentlich-rechtliche Lusttöter von der Abteilung Programmabwehr, der dir gegenüber sitzt, diese schwarzen Strömungen auch spürt, falls er nicht ganz bescheuert ist oder zufällig beim ZDF fest angestellt. Und unter solchen Voraussetzungen soll dann die super-komische Super-Komödie entstehen - das ist ungefähr so wahrscheinlich wie die erfolgreiche Anpflanzung von Südfrüchten am nördlichen Polarkreis."

Als Dietl diese Sätze schreibt, steckt er mitten in den Vorbereitungen für Kir Royal , eine Satire auf die klatschsüchtige Medienhalbwelt und die Münchner Schickeria. Anders als bei seiner Vorgängerserie Monaco Franze war nicht der BR Auftraggeber, sondern der WDR. Dietl, der spektakulär aufbrausend sein konnte, wenn jemand kein Verständnis für seine Genialität aufbrachte, hatte zu Jörn Klamroth ein besonderes Vertrauensverhältnis. Offenbar war Klamroth in der Lage, ihm die richtigen "klimatischen Verhältnisse" zu bieten, die er brauche, "damit etwas zustande kommen kann, was unterhält und amüsiert - sowohl das Publikum, wie einen selbst".

In dem Brief aus dem Jahr 1982 wird noch eine weitere Facette von Dietls Persönlichkeit sichtbar. Dietl setzt Klamroth subtil unter Druck, indem er sich selbstironisch als einen Ausnahmeregisseur präsentiert, der für seine Werke entsprechend entlohnt werden möchte. "Jetzt noch ein paar Gedanken zu dem nicht minder interessanten Bereich von Geld, Geschäft und Gegenleistung", schreibt er listig. "Erschrick' bitte nicht, wenn ich Dir sage, daß ich zu den Menschen gehöre, deren Geldgier nur noch übertroffen wird von ihrer Genußsucht. Mein größter Genuß ist, zu machen, was mir Spaß macht. Daß ich dafür auch noch bezahlt werde, habe ich stets als ein wunderbares Geschenk und fast obszönes Privileg betrachtet. Aber allmählich habe ich mich daran gewöhnt, mit dieser schweren Belastung und diesem schlechten Gewissen leben zu müssen.

Mehrfach geschieden, häufig in die kostspieligsten Frauen verliebt und mit ein paar reizenden Kinderchen gesegnet (David, der Dreijährige, wünscht sich z.B. zu Weihnachten ein Sportauto, ein Reitpferd, eine Segeljacht, ein Landhaus und ein Bilderbuch - das Bilderbuch habe ich ihm allerdings ausgeredet, weil irgendwo muß ja mal Schluß sein), muß ich meine künstlerischen Neigungen wohl oder übel immer mit einem Mindestmaß an materieller Absicherung koordinieren." Heißt im Klartext: Dietl will mehr Geld, zumal er auch erwähnt, dass er gerade wegen Kir Royal Bernd Eichinger durch seine Absage verärgert habe: Der Münchner Produzent wollte Dietl als Regisseur für den zweiten Teil der Unendlichen Geschichte  gewinnen.

Der "liebe Jörn" darf sich am Ende auf die weitere Zusammenarbeit freuen. Nach 38 Jahren sei er endlich wieder guter Laune, schreibt Dietl - "die depressive Phase setzte bei mir nämlich genau vier Monate nach meiner Geburt ein und wurde dann chronisch". Ein ferner Gruß ist das, aus einer anderen Zeit des deutschen Fernsehens. Nach der Lektüre möchte man gleich wieder sehen, was aus dem Projekt geworden ist: Kir Royal spricht für sich.

© SZ vom 30.03.2020/tmh
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