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"Hart aber fair" zum NSU-Prozess:Ermittlungspannen, "Nazi-Bafög" und keinerlei Erklärung

Doch wessen Entscheidung war das angekündigte Schweigen eigentlich? Sturm spricht von einem "Vertrauensverhältnis" zwischen Verteidigung und Angeklagter: "Frau Zschäpe hat sich in enger Abstimmung mit uns dazu entschieden, sich nicht zu den Vorwürfen zu äußern." Natürlich habe sie Verständnis für die Angehörigen, die eine Erklärung vom einzigen überlebenden Mitglied der Terrorzelle erwarten ("Wir Strafverteidiger sind auch Menschen."). Doch ein Strafprozess könne eben nur ein Stück weit aufklären und die Opfer nur ein Stück weit das erfahren, was sie erfahren wollen.

Die Maximalanklage gegen Zschäpe, die zwar bei den neun Morden, die der NSU mutmaßlich an Migranten verübte, nicht selbst geschossen haben soll, sich aber als gleichberechtigte Mittäterin vor Gericht verantworten muss, fuße auf "Vermutungen der Generalbundesanwaltschaft". Das haben die Verteidiger schon öfter gesagt. Dann fragt Plasberg, wann die Anwältin ihren Job gut gemacht habe - und liefert die Antwort gleich mit: "Wenn Zschäpe eine geringe Strafe oder wenn sie ein faires Verfahren bekommt?" "Die Frage ist ja sehr einfach", antwortet Sturm nun selbst. Es gehe natürlich um ein faires Verfahren. "In der Hoffnung, dass am Ende das richtige Urteil dabei herauskommt." Was das richtige Strafmaß wäre, sagt Sturm natürlich nicht.

Darüber müssen nun die anderen Gäste der Sendung diskutieren. Was passiert, wenn die Beweise nicht reichen? Wenn es am Ende nicht die Höchststrafe für Zschäpe gibt? Wenn der Gerichtssaal von Mai an nicht nur voller Menschen, sondern auch voller Erwartungen sein wird? Wenn der NSU-Prozess nicht leisten kann, was viele sich davon erhoffen?

Und das wird schwierig, das macht dieser Abend erneut deutlich: Das richtige Strafmaß ist eben nur die eine Sache. Die andere Sache - und das nicht erst, seit der Prozess so plötzlich verschoben wurde - ist eine Erklärung für die Pannen, die sich Polizei, Verfassungsschutz und nun auch Justiz im Fall NSU geleistet haben. Eine Erklärung, die noch immer fehlt und die vielleicht nie geliefert wird.

50.000 Mark "Nazi-Bafög"

Die Pannen dagegen sind bekannt. Edathy kann sie plastisch schildern. Etwa, wenn er davon berichtet, wie ein verurteilter Mann, der versucht hatte, einen Nigerianer zu ertränken, sich selbst dem Verfassungsschutz anbot. Und der half bei der vorzeitigen Entlassung. 50.000 D-Mark habe der V-Mann bekommen. Genauso viel, wie seinem Opfer Schmerzensgeld zugesprochen worden war. Das Opfer sah nichts von dem Geld. "Nazi-Bafög", nennt Plasberg das. Das klingt flott, weiterbringen tut es die Diskussion über Kosten und Nutzen von V-Leuten nicht.

Dafür nimmt jetzt, nach fast einer Stunde, die Diskussion emotional doch noch Fahrt auf. Rainer Wendt von der Deutschen Polizeigewerkschaft schiebt die Schuld an den Ermittlungspannen auf die Politik. CSU-Politiker Herrmann tut alles, um sich ("Damals war ich noch nicht Innenminister") und die Arbeit der Ermittler ("Die ausländischen Mitbürger leben - so schlimm diese Mordserie war - in Deutschland sicherer als in allen anderen europäischen Ländern. Das ist auch die Wahrheit") zu verteidigen. Und die Kölner Bäckereibetreiberin Özdag wird immer empörter.

Es ist ein Abend mit Geschichten, die immer wieder aufs Neue fassungslos machen. Neue Erkenntnisse, warum Deutschland im Fall NSU so versagt hat, liefert er aber nicht. Dafür werden zu viele Themen angeschnitten, zu viele Einspieler gezeigt, zu viele Phrasen bemüht. Am Ende bleibt die Frage, ob Menschen mit Migrationshintergrund sich in Deutschland nach all den Pannen der Behörden noch zu Hause fühlen. Özdag kann darauf keine eindeutige Antwort geben.

© Süddeutsche.de/afis/leja
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