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Polit-Talk "Hart aber fair":Moralisches Torwandschießen auf einen Erdoğan-Fanboy

Recep Tayyip Erdoğan bei seinem Besuch in Deutschland

Missstöne waren beim Besuch des türkischen Präsidenten Erdoğan am Wochenende in Deutschland inklusive.

(Foto: REUTERS)

Plasberg und seine Gäste arbeiten sich an einem Befürworter des türkischen Präsidenten ab. Doch der AKP-Politiker lässt die Kritik an sich abprallen - notfalls fordert er einfach mal Respekt ein.

"Er ist wieder weg", sagt Frank Plasberg zu Beginn von Hart aber fair. Aber natürlich ist er nach seinem Deutschlandbesuch am Wochenende noch immer da: der, um den es an diesem Montagabend geht, der türkische Präsident Recep Tayyip Erdoğan. Er wohnt, einem Phantom gleich, auch nach seiner Abreise immer noch in den Köpfen jener, die ihn verehren. Und er beherrscht nach wie vor das Denken jener, die ihn fürchten. Plasberg sagt, Erdoğans Besuch habe sich angefühlt wie ein mehrtägiger Polterabend, was als Bild ein bisschen in der Schräge hängt, aber wegen der Scherbenanalogie wohl trotzdem verstanden wird. Da hat jemand was zerdeppert.

Wie vor allem manche Türken in Deutschland Erdoğans langen Arm fürchten, macht der Moderator der Sendung früh deutlich, als er berichtet, welche Schwierigkeiten die Redaktion hatte, zum Thema "Spalten statt einen - Welche Folgen hat der Erdoğan-Besuch?" Gäste mit einem Bezug zur Türkei ans Pult zu bekommen. Sehr viele hätten abgesagt, weil sie doch noch irgendwann mal in die Türkei reisen wollten und nicht wüssten, wie sich kritische Worte in einer Talkshow auf die Qualität ihres Aufenthalts dort auswirken würden.

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Von Normalität seien Berlin und Ankara immer noch weit entfernt, sagt der frühere Grünen-Chef. Neben Menschenrechtsverletzungen kritisiert er auch unverfrorene Aktivitäten der Türkei in Deutschland.

Es ist eine der wenigen tiefgreifenden Erkenntnisse an diesem Abend: Erdoğan ist nicht nur türkischer Präsident, er bestimmt auf seine Weise auch das Programm des öffentlich-rechtlichen Fernsehens in Deutschland mit. Im Ergebnis führt das dazu, dass sich, den Moderator eingerechnet, fünf Erdoğan-Gegner an einem Erdoğan-Befürworter abarbeiten.

Es ist, als würden alle auf eine Gummiwand schießen

Mustafa Yeneroğlu ist Mitglied im Präsidium der türkischen Regierungspartei AKP, doch an diesem Abend steht er als Fanboy seines Präsidenten sehr allein, und die Sendung dauert noch keine fünf Minuten, da hat das moralische Torwandschießen seiner Gegner schon begonnen. Zu denen gehören der CDU-Abgeordnete Jürgen Hardt, Tuğba Tekkal, ehemalige Spielerin des 1. FC Köln, und der frühere Kölner OB Fritz Schramma. Allerdings bleiben Treffer bis zum Ende der 75-minütigen, etwas orientierungslos vor sich hin dröppelnden Partie aus. Es ist, als würden alle auf eine Gummiwand schießen, die den Bällen entweder die Wucht nimmt und sie einfach abtropfen lässt.

Die Gummiwand ist natürlich Yeneroğlu, der kaum eine Frage wirklich beantwortet. Als guter Rhetoriker, der er ganz offensichtlich ist, fordert er einfach mal Respekt ein. Das geht immer. Mit Respekt kann man immer punkten. Oder er verweist auf angebliche Missstände in Deutschland, die denen in der Türkei ja nun in nichts nachstünden. Er spricht vorwurfsvoll von mangelnder Recherche der Redaktion oder von Überreaktion. Er kann sich das leisten, weil er weiß, dass der Faktencheck erst am nächsten Morgen vorliegt.

Als es um die Frage geht, warum etwa die Kölner Oberbürgermeisterin nicht zur Eröffnung der Zentralmoschee in ihrer Stadt eingeladen wurde, wie auch andere, die sich um den Bau verdient gemacht haben, fragt Plasberg: "Ist das blöd gelaufen, oder müssen sie sagen: Das war falsch."

"Natürlich war vieles falsch", sagt Yeneroğlu und windet sich auf seinem Allgemeinplatz. Für einen Moment bekommt er es mit einem Plasberg zu tun, der sich an das "Hart" im Sendungstitel erinnert. "Wer hat's verbockt?", fragt er, und als er keine angemessene Reaktion wahrnimmt, wiederholt er sich: "Wer hat's verbockt?"

Allein, es nützt nichts. Einen Profi wie Yeneroğlu lockt man nicht aus der Reserve. Er spricht schwammig von Schwierigkeiten in der Kommunikation und dass man vieles aufholen müsse. Was man halt so sagt.

Als einzigen Big Player gegen den Erdoğan-Adlaten kann Plasberg Cem Özdemir aufbieten. Von dem hat er einen Filmausschnitt, der zeigt, wie der Grüne Erdoğan beim Empfang etwas mitteilt. Natürlich will man wissen, was die Botschaft war. Und natürlich verrät Özdemir sie. "Der jetzige Erdoğan hat mit dem früheren Erdoğan nichts mehr gemein", hat er gesagt, und dann ist noch die Rede davon, dass ihn Bodyguards zu dem Empfang begleiten mussten.

"Das zeigt, dass nicht alles so normal ist, wie es manche gerne darstellen", sagt der Bundestagsabgeordnete und beharrt dann darauf, dass man nichts daran ändern könne, wenn Erdoğan die Türkei zu einem offenen Gefängnis mache. Aber es sei wichtig, hierzulande den Kampf um die Deutschtürken aufzunehmen. "Hier spielt die Musik und nicht in der Türkei."

"Zu sagen, die Türkei sei nicht mehr rechtsstaatlich, trifft nicht zu"

Yeneroğlu kontert ihn immer wieder aus, notfalls auch nur mit einem gütigen Lächeln und einem gönnerhaften Nicken. Aber in der Sache bleibt er auf Kurs. "Es gibt sicherlich Probleme, aber zu sagen, die Türkei sei nicht mehr rechtsstaatlich, das trifft nicht zu", behauptet er.

Als Plasberg ihn dann noch in eine Falle führen will und fragt, in welchem Land er sich denn lieber aufhalten wolle, sollte er mal in Rage geraten und etwas Böses über Erdoğan sagen, geht ihm der Profi natürlich nicht auf den Leim. Anstatt die Frage "Türkei oder Deutschland?" zu beantworten, beginnt er plötzlich von deutschen Flüchtlingsproblemen zu reden.

Als Plasberg schließlich von den Gästen in der Schlussrunde wissen will, wer denn wen mitnehmen würde, sollte mal eine Einladung zum Hausbesuch beim Präsidenten Erdoğan ins Haus flattern, driftet es komplett ins Absurde. Da will Yeneroğlu gleich alle Diskutanten mitnehmen zum Präsidenten. Ein Schelm wer dabei Gutes denkt.

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