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"Hart aber fair" zum Coronavirus:Sprechstunde bei Professor Kekulé

"Hart aber fair" zum Coronavirus

Hatte hohen Sprechanteil bei "Hart aber fair": der Virologe Prof. Alexander Kekulé. Hörte viel zu: Karl-Josef Laumann (CDU, Gesundheitsminister des Landes NRW)

(Foto: © WDR/Oliver Ziebe; WDR/Oliver Ziebe)

Die Talkshow "Hart aber fair" wandelt sich in Zeiten des Coronavirus zu einer Fragerunde. Ein Virologe erweist sich als Stargast, während Politiker Laumann die Augenbrauen nach oben zieht.

Nachtkritik von Thomas Hummel

Karl-Josef Laumann verfügt über durchaus buschige Augenbrauen, nicht ganz auf Theo-Waigel-Niveau, aber immerhin. An einem Punkt der "Hart aber fair"-Sendung, da zieht Laumann seine Brauen so weit nach oben, dass seine Augen darunter kugelrund in den Raum hineinblicken. Der Gesundheitsminister aus Nordrhein-Westfalen schwankt zwischen verblüfft und entgeistert - so etwas hat er offensichtlich noch nicht gehört. Sein Nachbar erzählt gerade die Geschichte, wie das Coronavirus in die Welt gekommen ist.

Laumanns Nachbar in der Gästerunde ist Alexander Kekulé, Professor und Facharzt für Virologie. Kekulé berichtet: "Menschen haben irgendwelche Tiere im Wald gefangen, ihnen bei lebendigem Leib die Kehle durchgeschnitten und das Blut dann auf ihr Essen tropfen lassen, weil das so Kultur ist." Man sieht dem 62-jährigen Laumann an, dass diese Form der Ernährung bei ihm zu Hause in Birgte, im Tecklenburger Land, eher nicht Kultur ist.

Der CDU-Politiker lernt in der Sendung am Montagabend dazu und damit ist er nicht der Einzige. Kekulé hat nicht nur Essensrituale aus aller Welt zu bieten, auch sonst ist er der Stargast der Sendung, die offiziell den Titel "Zwischen Hysterie und begründeter Angst: Wie gefährlich ist das Coronavirus?" trägt - eigentlich jedoch "Sprechstunde bei Professor Kekulé" heißen müsste. Die zweistündige Sonderausgabe von "Hart aber fair" soll "Orientierung geben" rund um das neuartige Virus, das sich in Deutschland und der Welt ausbreitet. Diese Orientierung kommt in Person von Alexander Kekulé, Direktor des Instituts für Medizinische Mikrobiologie an der Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg.

Fragestunde statt Streitrunde

Dabei lernt Fernseh-Deutschland zum wiederholten Male, dass so ein Virus die gewohnte Talkshow-Dynamik verändert. Diese dienen sonst zum Streit über Themen wie Migration, Tempolimit oder Wahlergebnisse. Über ein Virus lässt sich offenbar nicht streiten oder diskutieren, da geht es um Aufklärung, um Expertise. Und so macht Moderator Frank Plasberg aus seiner Talkshow eine Fragstunde.

Dabei wird wie zuletzt zwei Mal bei der Kollegin Maybrit Illner deutlich, dass zu viele Gäste in der Runde sitzen. Denn eigentlich kann nur Professor Kekulé auf die Fragen der Zuschauer antworten. Der Rest macht Nebengeräusche. Laumann spielt den fürsorglichen Onkel aus der Politik, der auf den Experten nur so lange hört, wie er es für richtig hält. Schließlich müssten die Maßnahmen "verhältnismäßig" sein. Was verhältnismäßig ist, entscheidet er. Den Vorschlag Kekulés, für 14 Tage alle Kinderkrippen, Kindergärten und Schulen zu schließen, wie es die Japaner gerade machen, hält er für übertrieben. Genauso das Absagen aller Großveranstaltungen, wie es die Schweizer tun. Man wolle schließlich keine Hysterie in der Bevölkerung.

Laumann vertritt Entscheidungskraft mit (seinem) Augenmaß und preist das "gewaltige Gesundheitssystem" im Land. Die Ärzte-Vertreterin Susanne Johna kritisiert hingegen eben dieses System, weil seit Jahren nur noch auf Effizienz gesetzt werde. Doch Plasberg hat keine Lust auf Streit und würgt sie ab. Als Letztes kommt Borwin Bandelow ins Spiel, Professor für Psychiatrie und Psychotherapie und Experte für Angsterkrankungen. Bandelow gibt den Stammtisch-Besucher, hat wenig Ahnung von dem Virus, bringt aber viel Lebenserfahrung mit. Ob die gegen Corona hilft, weiß niemand. Aber Herr Bandelow lächelt freundlich und sieht vertrauenswürdig aus. Er spricht von "Nationalpanik und Hysterie", und das sei doch wirklich nicht nötig.

Der Virologe als Stargast

Der Rest der Sendung sind Antworten von Kekulé. Er spricht einerseits von einem äußerst geringen Ansteckungsrisiko derzeit in Deutschland ("Wenn Sie abends über die Straße gehen, denken Sie auch nicht ständig, jetzt könnte ein Hund aus dem Gebüsch kommen und mich ins Bein beißen."). Andererseits gibt er sich beunruhigt, weil es keine Medizin, keinen Impfstoff und keine Immunität in der Bevölkerung gegen das Virus gibt und man deshalb nicht wisse, was in der Zukunft passiere.

Schützen Masken? Nur in bestimmten Situationen. Wer trägt ein höheres Risiko für einen schweren Krankheitsverlauf? Ältere und Vorerkrankte, wie immer. Sind Produkte aus China verseucht? Nein, der Virologe lache da drüber. Braucht man wieder mehr Plastikverpackung für Nahrungsmittel? Nein, für Kekulé sei das Panikmache. Wieso ist Deutschland in der Forschung häufig nicht mehr vorne dabei? Weil die Amerikaner viel mehr Geld investierten.

Und wieso gehen nun bald 300 Medikamente bei den Apothekern aus? Hier antwortet ein weiterer Professor, der Gesundheitswissenschaftler Joachim Kugler. Weil man sich vor Jahren für "Geiz ist geil" und "Just in time" entschieden habe, lautet seine Diagnose. Weil es billiger sei, beziehe man die Pillen aus China, Indien oder Brasilien und dort gebe es jetzt teilweise Produktionsprobleme. Kugler würde sich fair gehandelte Arzneimittel wünschen, dazu eine Bevorratung von Medikamenten. An dieser Stelle der Sendung ziehen wohl viele Zuseher die Augenbrauen nach oben. Engpässe bei Medikamenten? Laumann will eine europäische Initiative dagegen starten. Wie es so weit kommen konnte, will er lieber nicht erklären.

Das Ende der Sendung offenbart, dass keiner der Teilnehmer seine Haltung geändert hat. Und der Zuseher nur bei Kekulé etwas lernen kann. Er sagt, dass er weiterhin Hände schüttle, es komme nur darauf an, dass man diese danach unter Kontrolle habe und nicht im Gesicht herumstochere, wo ein Virus über eine Schleimhaut in den Körper gelangen kann. Ärztin Johna bedankt sich bei Kekulé für die vielen Informationen. Politiker Laumann hofft, dass die Sendung die Sorgen der Bevölkerung verringert habe. Und Angstforscher Bandelow? Rät zu "gesundem Fatalismus", es werde schon nichts passieren. Na dann, ab ins nächste Fußballstadion, danach ins Bierzelt oder in die Großraumdisco. Wird schon gut gehen.

© SZ.de/mxm
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