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"Dunja Hayali" über Anti-Corona-Demo:Zurück bleibt der Eindruck von Wut

01.08.2020,Berlin,Deutschland,GER,Großdemonstration gegen Corona-Auflagen,durchgeführt von der Stuttgarter Initiative Q

"Querdenker"-Demonstration am vergangenen Samstag in Berlin.

(Foto: Stefan Zeitz/imago images)

In ihrer Sendung zeigt Dunja Hayali Ausschnitte eines selbstgedrehten Handyvideos von einer "Querdenker"-Demo. Ist das eine neue Form des Journalismus?

TV-Kritik von Philipp Bovermann

Wie schön so ein Fernsehstudio aussehen kann. Wie behaglich und sicher. Das Licht ist dort, wo es hingehört, die Mikrofone sind ordentlich eingepegelt. Armin Laschet hat Puder im Gesicht. Katja Kipping will auch was sagen. Die Zuschauer hören und sehen die beiden Politiker, sie hören und sehen das, was die Redaktion sich überlegt hat, und keiner ruft dazwischen, nichts stört den Sendeablauf - in den Ohren mancher Menschen klingt das bereits nach Medien, die sich wahlweise von der politischen Führung an der Nase herumführen lassen oder eine eigene Agenda verfolgen.

Vielleicht haben einige, die so denken, am Donnerstagabend die Sendung von Dunja Hayali im ZDF eingeschaltet. Weil sie wissen wollten, was nun mit dem Material passiert ist, das die Journalistin und ihr Team bei der "Querdenker"-Demo am vergangenen Samstag in Berlin gedreht haben. Dort war Hayali unterwegs, um mit den Demonstrierenden ins Gespräch zu kommen, musste den Dreh aber irgendwann abbrechen. Die Stimmung kippte, sie wurde beschimpft und bedroht. Zu sehen ist das auf einem Handyvideo, das Hayali auf ihrem Weg durch die Menge drehte und später bei Instagram veröffentlichte: "Lügenpresse"-Rufe, immer wieder Menschen, die sie bitten - mal mehr, häufig weniger freundlich - objektiv zu berichten, nicht wieder alles zurecht zu schneiden, um die Demonstranten zu diffamieren. Die Wahrheit zu sagen.

In dem Beitrag, der in der Sendung eingespielt wird, beschreibt Hayali nun ganz nüchtern - wie auch sonst? - die bunte Mischung aus Verschwörungsgläubigen, Hippies, Rechtsextremen, Impfgegnern und anderen Menschen, die sich etwa durch die Maskenpflicht gegängelt fühlen. Sie spricht mit einer Expertin für Rechtsextremismus, die vor der Offenheit dieser Bewegung nach ganz rechts warnt und eine neue "Unübersichtlichkeit" attestiert. Sie spricht mit Gegendemonstranten. Vor allem aber kommen die Demonstranten selbst zu Wort.

Eine Frau, die in dem Instagram-Video angekündigt hatte, die Sendung sehen zu wollen, darf nun in Hayalis Sendung live von ihren negativen "Erfahrungswerten" mit den Öffentlich-Rechtlichen berichten. Dass sie die Dreharbeiten und ihren Abbruch live dokumentiert hat, erwähnt Hayali am Donnerstagabend nicht. Etwa sechs Minuten dauert der Demo-Beitrag. Dann dürfen wieder Laschet und Kipping reden.

Ist das eine neue Form des Journalismus - und ist sie sinnvoll?

Es lohnt, sich das Video von der Demo anschließend nochmal anzuschauen - und sich dann zu fragen, was Hayali da mit ihrem Handyvideo, das sie auf Instagram postete, eigentlich gemacht hat. Ist das eine neue Form des Journalismus? Ist sie sinnvoll - und sollte es mehr davon geben?

Das Video passt in das, was es dokumentiert: eine entfesselte, chaotisch-bunte, "unübersichtliche" Menschenmenge. Es ist buchstäblich aus der Hüfte geschossen, ein Gewirr von Stimmen gelangt ungerichtet in das Mikrofon, verstehen tut man Hayali häufig nicht, die Kamera dreht sich rastlos hin und her. Man nimmt nicht viel mit außer einem Eindruck, der durch Mark und Knochen geht: die Wut. Zu sehen sind weniger Menschen als vielmehr eine Masse an Körpern, auch weil Hayali die Kamera häufig eher tief hält und so die Köpfe der Menschen abschneidet.

Hayali wird ihrerseits von den Demonstranten gefilmt und interviewt, was zum Teil wie eine Machtdemonstration wirkt: "Wir haben dich auch auf Band, wie du uns". Die Moderatorin antwortet, behauptet sich, schimpft, freut sich anschließend auf ihren "Köter" zuhause, wie sie sagt. Jeder redet gleichzeitig. Jeder will noch ein bisschen mehr influencen als der andere.

Hayalis Video dokumentiert so das Scheitern eines Versuchs: einen neutralen medialen Raum zu schaffen, in dem ein Gespräch zwischen dem öffentlich-rechtlichen Rundfunk und den Anhängern "alternativer", "freier" Medien möglich wäre.

Zwei Frauenstimmen - und keiner, der sie niederbrüllt

Deswegen ist es so wichtig, dass das Video in den Kontext von Hayalis Sendung eingebettet wurde und nicht nur verloren auf Instagram herumsteht. Der Donnerstagabend zeigte, wie schön es sein kann, ein Gespräch total elitär und exklusiv zu führen. Nur zwei Stimmen, die zufällig zwei Frauen gehören, und keiner weit und breit, der sie niederbrüllt. Hayali spricht mit Manuela Schwesig. Die Ministerpräsidentin von Mecklenburg-Vorpommern hat am Montag als erste Landeschefin die Schulen nach den Sommerferien wieder eröffnet, außerdem hat sie jüngst eine Brustkrebs-Erkrankung überstanden. Sie wirkt stark und gefasst, gibt aber fein dosiert auch Einblicke in das, was die Diagnose mit ihr und ihrer Familie gemacht hat.

"Mein Sohn ist 13, der versteht, was eine Krebsdiagnose bedeutet", sagt sie, die vierjährige Tochter habe unentwegt ihren Teddybär verarztet. Auf die Frage, wie viel Schwäche man sich in der Politik erlauben dürfe, "gerade auch als Frau", sagt Schwesig: "Man darf sich gar keine Schwäche in der Politik erlauben." Eine kurze Ahnung von dem, was es bedeutet, Ministerpräsidentin zu sein, rauscht da vorbei.

Der ungeschnittene Videobeweis, die totale, ungefilterte Nähe kann so etwas nicht herstellen. Dafür braucht es eine gute Frage in einem schön ausgeleuchteten Studio.

© SZ.de/jobr
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