"Begegnung mit Brasilien" im Ersten WM-Moderator im Gleichgewicht

Reinhold Beckmann begegnet den Brüchen im WM-Gastgeberland Brasilien kritisch.

(Foto: NDR/Maike Möller/beckground tv)

Wie viele Male zuvor wird Reinhold Beckmann wieder als Berichterstatter für die ARD bei der Fußball-WM dabei sein. Aber diesmal ist er schon vorher nach Brasilien gereist - um dem echten und dem falschen Fußball nachzuspüren. Das Ergebnis ist ein schöner, ehrlicher Film.

Von Ralf Wiegand

Ein paar Tage noch, dann werden die schönen Bilder an die Macht zurückkehren, live und in Full HD. Heldenverehrung in Superzeitlupe, Tore wie Gemälde, fliegende Kameras über den Köpfen ekstatisch jubelnder Fans: Alles super in Brasilien, werden diese Bilder suggerieren. Ein paar Tage noch und die Welt wird taumeln vor Glück, weil Fußball-Weltmeisterschaft ist.

Reinhold Beckmann, 58, wird dann Teil dieses Spiels sein, er gehört als Moderator zur WM-Mannschaft der ARD, ist Stammspieler seit vielen Jahren. Als solcher wird er sich wie all die anderen Berichterstatter in der künstlichen Welt der Fifa bewegen müssen, abgeschottet vom echten Leben, das Akkreditierungskärtchen des Weltverbandes um den Hals. Nichts wird wichtiger sein als das nächste Spiel. So hätte es die Fifa gern, die der ganzen Welt ihr klebrig buntes Sendesignal liefert. Proteste werden weggeblendet - die Macht der Bilder.

Man darf gespannt sein, wie Beckmann mit diesem Turnier umgehen wird, wenn es erst einmal läuft, denn er macht diese Dienstreise nicht als unbefangener Sportreporter. Zusammen mit Co-Autor Marc Schlömer hat er das Land bereits besucht, bevor die Fußball-Weltregierung Fifa ihr Bilder-Diktat errichtet hat. Beckmanns 76-minütige Reportage Begegnung mit Brasilien ist ein schöner, ehrlicher Film geworden. Der Late-Night-Talker ist einem Land begegnet, das "nicht im Gleichgewicht" sei, sagt er. Er zum Glück schon. Er ist als Journalist gereist, nicht als Fan.

Wo das Spiel noch den Menschen gehört

Keine Frage, der Fernsehmann aus Hamburg liebt das Spiel, den Ball, die großen Jungs, die damit jonglieren wie im Zirkus. Er begegnet dem Fußball in Brasilien mit großer Leidenschaft, aber vor allem nähert er sich den Brüchen im Land des WM-Gastgebers. Sein Film arbeitet fein heraus, warum die Weltmeisterschaft ausgerechnet dadurch zum großen Risiko wird, dass sie dorthin geht, wo die Menschen Fußball am meisten lieben. In Brasilien gehört den Menschen das Spiel noch, sie spielen es an jeder Ecke, sie leben damit. Und nun kommt die Fifa mit ihren Komplizen, den Großkonzernen, und nimmt es ihnen weg.

"Sie lieben den Fußball und sind gegen die WM", heißt es im Film an einer Stelle, an der man längst verstanden hat, dass das kein Widerspruch ist. Fußball kann - gerade in Südamerika - Arme reich und Zwerge zu Riesen machen. Der Fifa-Fußball aber spaltet statt zu versöhnen; er macht die Reichen reicher und die Riesen größer. Der Rest? Kann nicht einmal zusehen, weil die Karten zu teuer sind.

Die Reportage zeigt, wie sich Brasilien an seiner großen Liebe verschluckt. Beckmann spürt, lässig wie ein Tourist und aufmerksam wie ein Reporter, dem echten und dem falschen Fußball nach. Hoffentlich hält er auch als WM-Moderator dieses Gleichgewicht.

Begegnung mit Brasilien, ARD, Samstag, 18.30 Uhr.