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Britische BBC und ihre Gegner:Die Tante kann es noch

BBC / Johnson / Harris

Großbritanniens Premier Boris Johnson (r.) und der scheidende BBC-Chef Tony Hall haben sehr unterschiedliche Vorstellungen davon, was die BBC leisten soll.

(Foto: AFP, Getty; Collage: SZ)

Corona bringt dem Sender Zulauf wie nie. Doch die Regierung würde sie am liebsten zerschlagen. Hat die BBC das verdient?

Von Cathrin Kahlweit

Bereits an dem Tag, an dem in Großbritannien zuerst Geschäfte und Kneipen schlossen, dann alle Großveranstaltungen abgesagt wurden und Schulen und Universitäten auf Online-Unterricht umstellten, machte Tony Hall eine wichtige Ankündigung. Es war der 18. März; viele Briten hielten die Pandemie immer noch eher für eine ausländische Problematik, der Premierminister witzelte bei einer Besprechung zur Beschaffung von Beatmungsgeräten über die "Operation letzter Seufzer", aber die Dramatik der Lage war deutlich erkennbar. Der Generaldirektor der BBC, Tony Hall, erklärte: "Als nationale Sendeanstalt spielt die BBC eine besondere Rolle in Zeiten nationaler Not. Wir müssen da jetzt alle gemeinsam durch." Die BBC werde ihr gesamtes Programm umstellen, um das Land "zu informieren, zu bilden und zu unterhalten". So steht es wörtlich in der Charta, quasi dem Grundgesetz des Senders: "informieren, bilden, unterhalten".

Im Radio wurde eine Sendung für besorgte Anrufer eingerichtet, mehrere Formate konzentrieren sich jetzt auf Wissenschaft, Forschung - und Corona; ein tägliches Programm mit Gesundheitstipps hält jene Briten auf dem Laufenden, die sich in der Selbstisolation befinden, lokale Radiostationen bieten Expertenratschläge an, das Schulfernsehen für Kinder wurde intensiviert, ein virtueller Gottesdienst eingerichtet. Die Liste ist weit länger, aber Hall hatte seinen Punkt gemacht: Er hatte bereits im Januar seinen Rücktritt für diesen Sommer angekündigt, um seinem Nachfolger mehr Vorbereitungszeit für die zu erwartenden harten Auseinandersetzungen mit der Regierung über die Zukunft der BBC zu geben. Aber vorher wollte er noch zeigen, was die BBC in seinen Augen ist: nicht nur ein öffentlich-rechtlicher Sender, sondern eine nationale Institution mit einem umfassenden Auftrag.

Halls Pathos dürfte bewusst eingesetzt gewesen sein, denn die BBC ist massiv unter Druck. Wer BBC schaut oder BBC iPlayer (die Mediathek) nutzt, zahlt derzeit im Jahr 157,50 Pfund. Nicht zahlen ist strafbar. Downing Street will das ändern, Zahlungsverweigerung soll entkriminalisiert werden. Die BBC befürchtet dadurch massive Finanzierungsprobleme. Aber das ist nur der Anfang: Die Regierung von Boris Johnson hat angekündigt, das ganze Modell in zwei Phasen - rund um einen "Review" 2022 und bei Auslaufen der Generalcharta 2027 - auf den Prüfstand zu stellen; die Gebührenfinanzierung, die Unabhängigkeit, die Struktur, die Reichweite. Die radikalste Idee: verkleinern, teilprivatisieren, die Gebühren abschaffen und durch ein freiwilliges Abomodell finanzieren.

Premier Boris Johnson will die Gebührenpflicht durch ein freiwilliges Abo-Modell ersetzen

Das eingängigste Schlagwort: Aus der BBC soll eine Art Netflix werden. Die härteste Kritik: Die BBC ist zu teuer, zu schwerfällig, zu bürokratisch, zu voreingenommen, zu abgehoben, zu altbacken, zu links, zu wenig glaubwürdig, zu frauenfeindlich, zu städtisch, zu elitär. Die Tories haben ihre Auftritte in mehreren BBC-Sendungen auf ein Minimum reduziert. Sie fühlen sich viel zu oft nicht nett genug behandelt.

Auch anderswo sägen vor allem rechte Parteien seit Jahren am Finanzierungsmodell der Öffentlich-Rechtlichen herum, aber bei der BBC geht es jetzt um alles. Boris Johnsons Chefberater Dominic Cummings hatte den 1922 gegründeten Sender schon vor Jahren als "tödlichen Feind der Konservativen" bezeichnet und gefordert, ihn zu zerschlagen und einen freundlicher gesinnten Kanal zu installieren. Fox News für die Downing Street, sozusagen.

Aber große Krisen brauchen vertrauenswürdige Moderatoren, und die "alte Tante BBC" läuft, wie viele andere seriöse Medien auch, gerade mal wieder zu Hochform auf: super Quoten, verdoppelte Klickzahlen auf den Webseiten, preisgekrönte Podcasts. Die Pandemie wird für BBC-Fans zur Rechtfertigung dafür, was ein öffentlich-rechtlicher, in allen Ecken des Landes und der Welt vertretener Sender leisten kann. Jim Egan, Chef von BBC Global News, einer kommerziell geführten, internationalen Nachrichtentochter der BBC, sagt das genau so: Diese Krise sei eine Tragödie. Aber was die BBC angehe, habe sich die Debatte in dieser Krise weiterentwickelt. Viele notorische Kritiker erinnerten sich jetzt wieder daran, wie "wichtig die Rolle eines nationalen, unabhängigen Senders im öffentlichen Leben" sei.

Er berichtet im Telefon-Interview, das Vertrauen in die BBC - auch international - wachse stetig. Die Zahl der Visits auf der Homepage BBC.com sei in der Corona-Krise auf nie dagewesene 180 Millionen täglich gestiegen. Man habe eine Kooperation mit CNN und Euronews gestartet und kostenlos Anzeigenraum für staatliche Public-Health-Informationen und die Weltgesundheitsorganisation WHO bereitgestellt; bis zu 800 Millionen Menschen auf der Welt könnten so erreicht werden. Egan zitiert Studien, die BBC Global News eine besondere Vertrauenswürdigkeit zuschreiben, insbesondere in den USA.

Die BBC-Tochter, die Egan leitet, bietet TV und Online-Informationen nur außerhalb des Königreichs an, aber die Debatte daheim bringt ihn dennoch in Rage: "Man kann doch nicht sagen, Netflix hat mehr Geld und macht mehr Blockbuster - und bei der BBC gibt es weniger gute Leistung fürs Geld. " Der Vergleich hinke. "Was die BBC kann, wird besonders gut erkennbarer in der Krise: Sie bietet weit mehr als Unterhaltung. Sie hält ein Land zusammen, das gerade zu zerreißen droht. Über die BBC wird ein nationaler und auch ein kommunaler Dialog geführt."

Gleichwohl ist die Pandemie mit all ihren Bedrohungen nur eine Atempause für den Sender. Ein gerade erschienenes Buch mit der Fragestellung: "Is the BBC in Peril? Does it deserve to be?" (Ist die BBC in Gefahr? Hat sie das verdient?) versammelt etwa 20 Aufsätze von Medienmanagern, Politikern, Wissenschaftlern und Journalisten, und man kann nicht sagen, dass die alte Tante BBC sehr gut dabei wegkäme. Die überwiegende Meinung lautet: Der Sender muss die Reformen in die Hand nehmen, sonst tun es andere: sparen, fokussieren, über eine Alternative zur Licence Fee nachdenken, mehr Programm für die Jugend und die ländliche Bevölkerung, mehr Geld ins Programm, weniger Arroganz.

Aber es wird auch gewarnt: ein nationaler Anbieter mit einem ambitionierten Programm hinter einer Paywall - das sei der Tod all dessen, was die BBC ausmache. John Mair, Herausgeber des Buchs, macht sich den bitteren Spaß, die bei den Tories kursierenden Ideen als fiktiven Blog von Johnson-Berater Dominic Cummings zusammenzuschreiben. In diesem Blog ist die Bastion BBC längst gefallen - und Cummings als Vize-Premier für den Sender zuständig. Boris und er, schreibt da ein fiktiver Cummings, hätten die BBC im Griff, aber es habe länger gedauert, weil man die Bourgeoisie nicht verschrecken wollte.

Dann die Liste der Siege. Das Budget: um ein Drittel gekürzt. Die neue Gebühr von 100 Pfund: reiche nur noch für Nachrichten und ein paar Informationssendungen. Gute Filme: machen andere. Radioprogramme: zusammengefasst. BBC-iPlayer kostenpflichtig. Regionale Programme: gekürzt. BBC-Orchester: weg. Werbung: bitte gern. Personal: halbiert.

Der Nachfolger von Tony Hall, der in wenigen Wochen ernannt wird, kann sich schon mal einlesen.

© SZ vom 27.04.2020/khil

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