"Babylon Berlin" Eine im deutschen Fernsehen bislang unerreichte Eleganz

Sky hatte die 16 Episoden von Staffel eins und zwei im Oktober vergangenen Jahres in Doppelfolgen ausgestrahlt. Abonnenten konnten damals schon am ersten Abend einen der Höhepunkte erleben: das Finale des Pilotfilms. Es beginnt mit dem Auftritt der Sängerin Nikoros (Severija Janušauskaitė), einer androgynen Erscheinung, die ein hypnotisches Neo-Chanson vorträgt, "Zu Asche, zu Staub", irgendwo zwischen Marianne Rosenberg, Kraftwerk und Rammstein, und den Saal in rauschhafte Verzückung versetzt. Das Moka Efti als "Berghain" von Babylon Berlin. In dieser Massenchoreografie zeigt sich die Serie in ihrer ganzen, im deutschen Fernsehen tatsächlich bislang unerreichten Opulenz und Eleganz.

Die Folge endet dann mit einer meisterhaften Parallelmontage, die drei Schauplätze miteinander verwebt: Zu unheilvoll dräuender Musik der Tanzkapelle beobachtet der Russe Kardakov (Ivan Shvedoff) vom Hinterhof-Plumpsklo aus, wie bewaffnete Männer die geheime Trotzkisten-Druckerei stürmen, Nikoros sitzt vor ihrem Garderobenspiegel, inmitten des Trubels im Moka Efti wird Charlotte Ritter sich mit einem Freier handelseinig, gemeinsam verschwinden sie im Keller.

Die bewaffneten Männer eröffnen das Feuer, die Musik schlägt um ins Ekstatische, Trotzkisten sterben, Nikoros nimmt ihr Bärtchen ab, Charlotte Ritter legt sich ein Halsband um und dann ihrem Freier, im Moka Efti steppt mehr denn je der Bär. Ein letzter Schuss in der Druckerei, Charlotte Ritter bläst im Keller die Kerze aus, die Musik erstirbt, die tanzende Menge friert in der Bewegung ein. Überwältigend schön.

Doch das ist nur die halbe Wahrheit über Babylon Berlin. Denn so bildgewaltig die Serie ist, so schwer fällt es ihr, die Zuschauer wirklich zu berühren. "Willkommen in der Stadt der Sünde", steht auf den Plakaten, doch die Serie hat bei all ihrem Stilwillen etwas Abweisendes. Die Zeit, von der sie erzählt, mag sinnenfreudig gewesen sein, die Serie ist es nicht. Die Welt von Babylon Berlin liegt hinter Glas.

"Babylon Berlin" löst keinen Sog aus

Das ist mit Sicherheit kein Unfall, sondern entspricht der Handschrift der Macher Tom Tykwer, Henk Handloegten und Achim von Borries, die gemeinsam die Bücher geschrieben und verfilmt haben. Doch für eine Serie ist dieses Reservierte eine Hypothek: Es wimmelt von großartigen Schauspielern mit überzeugenden Auftritten (außer den bereits genannten Matthias Brandt, Lars Eidinger, Karl Markovics, Jeanette Hain, Jens Harzer, Christian Friedel, und das sind wirklich nur einige), und trotzdem mangelt es rätselhafterweise an Identifikationsfiguren, für deren Schicksal man echte Empathie entwickeln würde. So gern man den Schauspielern zusieht - Babylon Berlin löst keinen Sog aus. Und das ist ein Problem, denn worauf sonst kommt es bei einer Serie an, als dass man als Zuschauer angefixt wird, süchtig, wie Kommissar Rath nach seinen Ampullen?

Das ist das große Paradoxon von Babylon Berlin: Die Serie spielt in einer Zeit, der wir uns auch knapp hundert Jahre später nah fühlen, vermag es aber nicht, diese Offenheit und Neugier in echte Begeisterung für ihre Geschichte zu verwandeln.

Im vergangenen Herbst startete noch eine andere große deutsche Serie, Das Verschwinden von Hans-Christian Schmid, ein Familien- und Drogendrama in der provinziellen Enge des Bayerischen Walds. Es spielt in einer Region, an die man keine Fragen zu haben glaubt - bis einen die Geschichte packt und nicht wieder loslässt. Das ist die Macht des seriellen Erzählens, und diese Macht ist nicht mit Babylon Berlin.

Babylon Berlin, Das Erste, in Doppelfolgen, donnerstag, 20.15 Uhr.

Lesen Sie mit SZ Plus
TV-Serien Süchtig nach mehr

TV-Serien

Süchtig nach mehr

Serien sind das neue Kino. Warum bestehen deutsche Sender darauf, weiter nur biedere Polizeikrimis zu zeigen? Über das System der Langeweile und die Frage, ob mit der neuen Serie "Babylon Berlin" endlich alles anders wird.   Von Karoline Meta Beisel und Katharina Riehl, Fotos: Joachim Gern

Anm. d. Red.: Dieser Text wurde anlässlich der Premiere von Babylon Berlin auf Sky im Oktober 2017 erstmals veröffentlicht. Anlässlich der Ausstrahlung der Serie im Ersten haben wir ihn erneut publiziert.