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Ausstellung "Unter Druck!" in Leipzig:Vom coolen Baron zur verlorenen Ehre

Medienausstellung 'Unter Druck'

Pflastersteine, die während der "Osterunruhen" 1968 als Wurfgeschosse eingesetzt wurden.

(Foto: dpa)

Spannender gerät die Ausstellung dort, wo sie keine dieser gewiss anschaulichen Zirkusnummern aufführt, wo sie stattdessen versucht, Zusammenhänge und Verläufe sichtbar zu machen. "Florida-Rolf" lächelt noch einmal von der Titelseite, seinerzeit zum Vorzeige-Schmarotzer stilisiert: "ER lacht uns alle aus!" Die Zeile verpufft, schaut man auf die Zahlen darunter, sie stammen aus dem Jahr 2002.

25 Milliarden Euro Sozialhilfe zahlte der Staat damals aus, 4,3 Millionen Euro davon ins Ausland. Macht 0,017 Prozent. An solche Zusammenhänge darf sich erinnern, wer gerade von goldenen Armaturen in Flüchtlingsunterkünften träumt oder sich von anderswie unruhigem Schlaf geplagt fühlt.

Einfache Idee, große Wirkung, das gilt auch für die besonders verblüffende mediale und politische Karriere des KTG. In einem Rondell aus Titelseiten lässt sich der Weg Karl-Theodor zu Guttenbergs nachvollziehen, der als "Der coole Baron" begann und dem irgendwann nicht viel mehr blieb als "Die verlorene Ehre". Wirklich alles ist eitel. Und fast schon gehässig stapelt sich nebenan eine Auswahl von 21 Büchern, aus denen der Baron auf seinem Weg zum zwischenzeitlichen Doktor abgeschrieben hatte.

Hundefutter als Nebengeschäft

Die Ausstellung belehrt nicht, sie lässt jedem seine Sicht. Wer unter Journalismus die kritische wie notwendige Begleitung und Kontrolle von Politik versteht, dem wird dies genauso wenig ausgeredet wie anderen eine gegenläufige Wahrnehmung. "Unter Druck!", das bedeutet aber nicht nur den Rücktritt von Politikern oder von Journalisten aufgedeckte Skandale. Es bedeutet auch, in nicht unerheblicher Weise: Hundefutter. Drei Dosen "Rocco classic" stehen im Zeitgeschichtlichen Forum, daneben eine Packung tazpresso und eine Flasche Rotwein.

Es geht um die Nebengeschäfte großer Verlagshäuser und deren Versuch, sich auch darüber zu finanzieren. In den hinteren Räumen der Ausstellung wird es gefühlt denn auch ein paar Grad kälter, zu sehen ist etwa ein bislang unbeantwortetes Transparent, mit dem Redakteure der Financial Times Deutschland deren Sterben begleitet hatten. Weiß auf schwarz ist da zu lesen: "Unabhängiger Journalismus kostet Geld! Aber wer zahlt?" Eine Frage wie ein Palliativum.

Wall Street Journal "Wall Street Journal Deutschland" steht vor dem Aus
US-Medienkonzern

"Wall Street Journal Deutschland" steht vor dem Aus

Erst Anfang 2012 ging sie online, doch schon Ende des Jahres soll die Website "Wall Street Journal Deutschland" eingestellt werden. So will es der US-Medienkonzern Dow Jones. Der deutsche Service zähle laut Chef Gerard Baker nicht mehr zum Kerngeschäft der Firma.

Die Ausstellung (noch bis zum 9. August) gibt darauf natürlich keine Antwort, wie könnte sie? Verlässt man sie, wünscht man sich dennoch, dass es nach dem letzten noch einen allerletzten Raum gäbe. Einen, der die Reise vom Volksempfänger bis zu den Youtube-Kommentaren der Nutzer "Leck mich" und "XX 76536" fortschreibt, in eine wie auch immer gestaltete Zukunft. Die Ausstellung aber endet im Heute, jede Sekunde wieder, mit drei Bildschirmen, auf denen n-tv läuft.

Für das Sicherheitspersonal ist das ein geht-so-interessanter Pausenfüller, für die nach Bezahlmodellen fahndende Branche nicht einmal eine Anregung. Wer zahlt? Die Frage werden in jeglicher Hinsicht andere beantworten müssen. Der Eintritt in Leipzig, er ist frei.