Rücktritt von Karl-Theodor zu Guttenberg Adel verzichtet

Deutschlands umjubelter Polit-Star stürzt über sich selbst. Der Rücktritt von Karl-Theodor zu Guttenberg war überfällig - Merkels strahlendster Minister ist in der Plagiatsaffäre an eigenen Ansprüchen gescheitert. Der Union droht eine Krise - doch am Ende könnte der Mann so seine Karriere retten.

Ein Kommentar von Thorsten Denkler, Berlin

Er galt als unangreifbar. Als Lichtgestalt, als Superstar, irgendwie nicht von dieser grauen politischen Welt in Bayern und Berlin.

Guttenberg tritt ab Die Rücktrittsrede

Verteidigungsminister zu Guttenberg hat seinen Rücktritt von allen politischen Ämtern erklärt. Der Druck der Plagiatsaffäre sei zu groß gewesen. Die Rücktrittsrede und Impressionen von Guttenbergs Auftritt - Eine Audioslideshow

(Video: Ruth Klaus, Foto: Getty)

Nun ist alles anders.

Karl-Theodor zu Guttenberg ist zurückgetreten - und nicht der politische Gegner hat ihn zu Fall gebracht, nicht Ungereimtheiten in der Kundus-Affäre oder bei Zwischenfällen in der Bundeswehr, nicht seine zuweilen selbstherrliche Amtsführung. Er ist über sich selbst gestürzt.

Der Mann, der auf nichts so sehr Wert legt wie seine Korrektheit, seinen Anstand, seine mit der Adelsherkunft aufgesogenen ritterlichen Tugenden, dieser Mann muss wegen seiner skandalösen Doktorarbeit zurücktreten - wegen kopierter Passagen und viel zu vieler nicht gesetzter Fußnoten und fehlender Anführungszeichen in seiner Dissertation. Auf vielen Seiten des Machwerks findet sich, was als Plagiat gelten muss.

Guttenberg hat abgekupfert, für seines ausgegeben, was die Gedanken anderer waren. Er hat mit seinem Dr.-Titel sich selbst, die Wissenschaftsgemeinde und seine Wähler betrogen, wenn nicht in juristischer, so doch in moralischer Weise. Doktor Guttenberg war mehr Schein als Sein, und nicht mal der publizistische Beistand von Bild konnte ihm helfen. Er dürfte der erste prominente Politiker der jüngeren Zeitgeschichte sein, den die aufrichtige Empörung von Wissenschaftlern und Intellektuellen das Amt gekostet hat.

Ein überfälliger Schritt

Der Rücktritt kommt spät - nicht zu spät. Überfällig war er, aber in der Art und Weise seines Abgangs hat Guttenberg jenen Mann gezeigt, nach dem sich viele seine Anhänger sehnen: eine gradlinige Führungspersönlichkeit, die Fehler zugeben, sich entschuldigen kann und trotzdem Glaubwürdigkeit behält.

Er sei am Ende seiner Kräfte, sagt er. Und er sagt auch, dass Politik eben so funktioniere. Am Ende kann er nicht auf Mitleid hoffen. Er selbst aber war es, der die Erwartungen an sich noch hochgeschraubt hat, sie waren und sind sein Kapital.

Am Anfang seines steilen Aufstiegs mag er noch erschrocken gewesen sein über seine öffentliche Wirkung. Doch rasch hat er sie sich zunutze gemacht. Mit Hilfe von Bild und Bunte haben er und seine Frau Stephanie den Namen zu Guttenberg zur Marke für maximale Glaubwürdigkeit und Integrität hochjazzen lassen. Dumm nur, wenn eine solche Marke das in sie gesetzte Vertrauen nicht rechtfertigen kann.

Schon im Oktober 2010 hat er in anderer Sache wohl halb im Scherz gemutmaßt, dass er nahezu stündlich seinen Fall erwarte. Dass es Anfang 2011 tatsächlich passiert, haben wohl nicht mal seine ärgsten Widersacher erwartet. Kanzlerin Angela Merkel wird alle Mühe haben, dass sich der Vertrauensverlust nach Guttenbergs Rücktritt nicht auf sie, die Union und die Regierung überträgt. Guttenberg war fest eingeplant in die Wahlkämpfe dieses Superwahljahrs.

Für viele Bürger war er ein guter Grund, noch ihr Kreuz bei der Union zu machen. Schnell kann sich das Gefühl einstellen: Wenn schon Guttenberg nicht zu trauen ist, wem dann? Sein Abgang könnte der Beginn einer tiefen Depression von CDU und CSU sein.

Oder aber die öffentliche Meinung entwickelt sich ganz anders - dann könnte Guttenbergs Rückzug auch eine Chance für ihn sein. Dieser Mann hat verkörpert, was gerade Stammwähler der Union so oft vermissen: glaubhaft konservativ und zugleich modern zu sein. Diese Klientel, keine kleine, wird die Gründe für Guttenbergs Rücktritt vielleicht nachvollziehen, aber nicht ernsthaft verstehen oder gar ihm zur Last legen. Die Umfragen der vergangenen Tage sahen trotz der erheblichen Vorwürfe blendend aus für den Minister.

Gut möglich, dass der gefallene Jungstar in wenigen Monaten eine Art Märtyrerstatus erlangt. Er wäre nicht der Erste in der CSU, dessen plötzlicher Sturz am Ende sich bloß als Stolpern entpuppte. Auch ein Franz Josef Strauß ist in der Spiegel-Affäre spektakulär zurückgetreten - um dann wiederzukommen und sehr, sehr lange zu bleiben.

Guttenberg ist 39. Er hat reichlich Zeit für ein Comeback.