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Biopic: "Genius: Aretha" bei Disney Plus:Die Wahnsinnsstimme

Cynthia Erivo kommt dem Genie von Aretha Franklin in dem Biopic ziemlich nahe.

(Foto: National Geographic/Kwaku Alston)

Disney Plus beleuchtet das Leben von Aretha Franklin und konzentriert sich dabei auf den Wendepunkt: den Durchbruch der Sängerin zur Ikone. Kann man ihr so gerecht werden?

Von Annett Scheffel

In einer der schönsten Szenen geht es um einen Pizzakarton. Wir sind im Studio in Muscle Shoals, Alabama. Hier entwickelt Aretha Franklin, begleitet von jungen weißen Musikern und Produzent Jerry Wexler, von 1967 an jenen tiefschwarzen Sound, der sie zu Aretha Franklin macht: zur Queen of Soul, zur Lady Soul, zu einer der wichtigsten schwarzen Sängerinnen des 20. Jahrhunderts. Aretha hört in den Raum hinein. Irgendwas stimmt nicht, Stille, alle blicken sie gebannt an, hinter der Glasscheibe Wexlers Gesicht, über das ein ängstlicher Schauer huscht. Aretha zeigt auf ihr Piano, ohne eine Miene zu verziehen, aber mit dieser ruhigen Selbstgewissheit, die auch ihre besten Songs ausstrahlten. "Da war ein Pizzakarton", sagt sie. "Wo ist der?" Er wird aus dem Müll geholt und wieder auf das Piano gestellt. Alles soll ganz genauso klingen wie vorher.

Es sind kleine Momente wie diese, in denen "Genius: Aretha" die titelgebende Frau, Künstlerin und Bürgerrechtsikone am hellsten aufscheinen lässt. In den USA sind die acht Folgen schon seit März zu sehen, nun starten sie in Deutschland bei Disney Plus. Diese dritte Staffel der biografische Serienreihe beleuchtet Leben und Karriere der großen Soul-Sängerin. Nach zwei weißen Männern in Staffel eins und zwei - Einstein und Picasso - ist das nicht nur ein Statement, sondern spiegelt auch Franklins eigenes Ringen um ihre kulturhistorische Rolle wider, schließlich wollte sie mehr sein als nur Interpretin von Songs, nämlich Songwriterin, Produzentin, Schöpferin, politische Stimme. Und filmreif ist ihr Leben ohnehin. Parallel zur Serie wurde nach ihrem Tod 2018 auch ein Spielfilm angekündigt, der in diesem Jahr noch mit Jennifer Hudson in der Hauptrolle in die Kinos kommen soll.

"Wenn ich alles locker wegspielen würde, wäre es wahnsinnig langweilig", sagt Cynthia Erivo über ihre Rolle

Die Aretha, die wir in "Genius" sehen - und vor allem hören - wird von Cynthia Erivo gespielt. Erivo weiß um die ungeheure Größe der Aufgabe - wie soll das gehen, die Unvergleichliche verkörpern? "Es gibt bei jeder Rolle diesen Moment, in dem ich denke: Krieg ich das hin? Das war diesmal auch so", sagt die britische Schauspielerin und Sängerin im Interview per Videokonferenz. "Aber ich glaube, dass diese Art von Herausforderungen genau der Grund sind, warum ich meinem Beruf mache und liebe. Wenn ich alles locker wegspielen würde, wäre es wahnsinnig langweilig." Und Erivo, die als Musical-Darstellerin bekannt wurde ("The Color Purple") und für ihre Darstellung der Sklavenbefreierin Harriet Tubman in "Harriet" 2020 eine Oscar-Nominierung erhielt, ist der Rolle tatsächlich mehr als gewachsen: Sie ist der Star, der Genius der Serie. Sie lässt Aretha Franklin erstrahlen.

Aretha Franklin war ein "Weltstar, den alle liebten, und eine Mutter, die nebenbei drei Kinder großzog"

Die Aretha, die uns die Serie zeigt, befindet sich mitten in der Verwandlung von einer begabten Sängerin zur Ikone. Der Moment des Durchbruchs, der mit dem Wechsel zu Jerry Wexler und Atlantic Records kam, und die Suche nach dem eigenen Sound, einer eigenen Stimme - das bildet den Kern der Erzählung. Das Drehbuch stammt von der Autorin und Pulitzer-Gewinnerin Suzan Lori-Parks, die diese Aufgabe auch schon für das Biopic "The United States vs. Billie Holiday" übernahm. Ausgehend vom Handlungsstrang der Transformation in Wexlers Studio, lässt sie die Erzählung zeitlich ziemlich wild vor und zurück springen: in die Kindheit in den Vierzigern und Fünfzigern, in denen eine junge Aretha (gespielt von Shaian Jordan) mit ihrem Vater die ersten Gospelsongs auf Bühnen der großen Baptistenversammlungen singt, in die frühen Sechziger zu den Anfängen ihrer Karriere bei Columbia Records in New York, in die Hochphase der Bürgerrechtsbewegung, und dann in die Siebziger, als sie nach einer beeindruckenden Serie von 21 Singles in den US-Top-20 ihr Gospelalbum "Amazing Grace" aufnimmt.

Diese Zeitsprünge sorgen zwar für eine Beweglichkeit der Erzählung, führen aber stellenweise auch zu einigen Ungereimtheiten. Wann und wo genau man sich gerade in der Biografie der Sängerin bewegt, das erkennt man manchmal am ehesten an Cynthia Erivos glamourösen Kostümen und Frisuren.

Neben den künstlerischen werden auch ausgiebig die privaten Kämpfe verhandelt. "Es gab einige Aspekte, die mich überrascht haben", sagt Erivo. "Zum Beispiel wusste ich nicht, wie tief Aretha Franklin in die Bürgerrechtsbewegung verwoben war und was für ein enges Verhältnis sie zu Martin Luther King hatte. Ich glaube, was viele zudem nicht zusammenbringen, ist ihre öffentliche und private Seite. Sie war ja beides gleichzeitig: ein Weltstar, den alle liebten, und eine Mutter, die nebenbei drei Kinder großzog." Erivo spielt Franklin als ernste, junge Frau bei dem Versuch, sich aus der Kontrolle der Männer in ihrem Leben zu befreien: Mit Jerry Wexler streitet sie sich um angemessene Produktions-Credits, mit ihrem ersten Mann und Manager Ted White, der trinkt und gewalttätig ist, um ihre Selbstbestimmung als Frau. Im Zentrum steht aber der dominante Vater, ein charismatischer Prediger und ein Schwergewicht der Bürgerrechtsbewegung, der - wie es einmal heißt - die Samstagabende genauso liebt wie die Sonntagmorgen. Reverend C.L. Franklin, den Courtney B. Vance als einen flammenden, getriebenen Schwerenöter spielt, ist Arethas größter Unterstützer und zugleich Verursacher vieler Verletzungen.

Dieser Versuch, Franklins Leben als Generationsdrama und Verwicklung von privaten und künstlerischen Ermächtigungsbewegungen zu erzählen, gelingt nicht immer komplett. Wie viele Biopics tappt auch "Genius: Aretha" hier in die Falle, zu viel erzählen zu wollen und deswegen zu wenig in die Tiefe zu gehen. Am klarsten stechen die Szenen heraus, die Franklin als geniale Musikerin zeigen: bei der Arbeit im Studio oder auf der Bühne. Szenen, in denen Pizzakartons zu wichtigen Details werden und sich Cynthia Erivo zu spektakulären Auftritten aufschwingt. Natürlich klingt Erivo nicht wie Franklin - niemand tut das. Was sie in diesen Momenten aber gut zu fassen bekommt, ist Franklins Entschlossenheit, die fast schon wichtiger war als ihre Wahnsinnsstimme.

"Genius: Aretha" startet am Freitag auf Disney Plus

© SZ/beg
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