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"Anne Will" zu Trumps Außenpolitik:"Die Geschichte des Nahen Ostens ist eine Geschichte verpasster Chancen"

Anne Will

Stefan Niemann (Leiter des ARD-Studios Washington), Michael Wolffsohn (Historiker und Publizist) und Jean Asselborn (Außenminister von Luxemburg) bei Anne Will.

(Foto: NDR/Wolfgang Borrs)

Bei Anne Will wollen die Teilnehmer über die US-Außenpolitik unter Trump diskutieren. An der Zwei-Staaten-Lösung für Israel und Palästina verbeißen sich die Experten - und verschenken einen Abend, an dem mehr möglich gewesen wäre.

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Es ist wie an einem dieser Abende, wenn man mit Freunden zusammensitzt und irgendjemand auf den Nahostkonflikt zu sprechen kommt. Alle haben dazu eine Meinung, trotzdem reden am Ende nur noch zwei. Meistens zwei Männer. Nach und nach stehen dann alle auf, gehen nach Hause oder ins Bett, nur die zwei bleiben sitzen und diskutieren bis tief in die Nacht. Jean Asselborn, luxemburgischer Außenminister, und der deutsch-israelische Historiker Michael Wolffsohn sind zwei solche Männer.

Natürlich ist es spannend, ihnen zuzuhören. Zumal sie sich mit der Materie tatsächlich auskennen. Trotzdem konnten sie nicht verhindern, dass die gestrige Sendung von "Anne Will" bis zum Schluss vage geblieben ist und kaum einen Erkenntnisgewinn gebracht hat.

"Jerusalem-Streit und Nordkorea-Konflikt" - eigentlich zwei spannende Themen. Aber die Leitfrage der Sendung, "Wie gefährlich ist Trumps Außenpolitik?", wollte niemand so recht beantworten. Grünen-Chef Cem Özdemir sagt an einer Stelle nur lapidar, natürlich sei Trumps Außenpolitik gefährlich. Widerspruch gibt es keinen. Die Frage einer ganzen Sendung, beantwortet in einem einzigen Satz.

Der Nahostkonflikt, reduziert auf die Zwei-Staaten-Lösung

Vielleicht war es einfach die falsche Frage. Hätte man sich wirklich auf Trumps Außenpolitik konzentrieren wollen, dann hätte man neben Nordkorea und dem Nahostkonflikt auch Iran thematisieren und andere Gäste einladen müssen. Eine komplette Sendung über die jüngsten Veränderungen in der US-Außenpolitik, das hätte durchaus seinen Reiz.

So aber kreiste die Debatte fast ausschließlich um den Nahostkonflikt - und dafür war die Runde nicht entsprechend besetzt. Mit Jean Asselborn und Michael Wolffsohn saßen da zwar zwei Experten und auch Cem Özdemir ist durchaus ein kompetenter Außenpolitiker. Aber Stefan Niemann, Leiter des ARD-Studios in Washington und Irene Dische, deutsch-amerikanische Schriftstellerin, gingen in der Diskussion völlig unter.

Für eine Grundsatzdebatte über den Nahostkonflikt und die Zwei-Staaten-Lösung, zu der die Sendung dann ohnehin geriet, hätte man die Runde nicht nur entsprechend ergänzen, sondern auch andere Fragen stellen können - etwa, ob es Alternativen zur Zwei-Staaten-Lösung gibt, denn der Ansatz ist offensichtlich gestorben.

Es ist tatsächlich an der Zeit, nach neuen Lösungen zu suchen. Eine Talkshow wäre genau der richtige Ort für solche Gedankenexperimente, die nicht zu irreparablen Schäden und Gewalt führen wie die US-Außenpolitik.

"Wie kann man nach knapp 70 Jahren noch immer an dieser Idee festhalten?"

Wolffsohn hätte hier interessante Ideen einbringen können: In seinem Buch "Zum Weltfrieden" beschreibt der Historiker seine Vision von einem föderalen Staat auf dem Gebiet von Israel und Palästina, in dem die beiden Völker jeweils ein eigenes Bundesland bekämen. Nicht besonders realistisch, könnte man einwenden. Aber auch die Zwei-Staaten-Lösung hat sich bislang als nicht sehr praktikabel erwiesen.

Doch anstatt neue Ansätze zu thematisieren, lässt Anne Will die Diskussion friedlich vor sich hinplätschern. Jean Asselborn - ein Meister des "Ich erzähl euch jetzt mal, wie das alles wirklich ist" - berichtet weltmännisch aus den Kreisen der Außenminister, Cem Özdemir gibt im Ton äußerster Dringlichkeit politische Plattitüden von sich. Beide halten strikt an der Idee der Zwei-Staaten-Lösung fest. Dafür gibt es gute Gründe. Nicht zuletzt, dass die internationale Gemeinschaft den Bruch des Völkerrechts nicht einfach so hinnehmen kann. Aber: "Man kann doch nicht Erfolglosigkeit zum Prinzip machen", empört sich Wolffsohn schließlich. "Wie kann man nach knapp 70 Jahren noch immer an dieser Idee festhalten?" Kurz hat man die Hoffnung, dass die Debatte doch noch über das Für und Wider einer zerbrochenen Idee hinauswächst. Doch die Sendung mäandert unbeeindruckt weiter.

Asselborn erzählt, warum die EU sich nicht zu einer geschlossen Haltung durchringen kann. Schuld, sagt der Luxemburger mit süffisantem Lächeln, seien Staaten, die teilweise "nicht in Westeuropa liegen". Die hätten ein Problem mit der Zwei-Staaten-Lösung. Und Michael Wolffsohn erklärt, dass es in der Vergangenheit häufig rechte Hardliner gewesen seien, die den Friedensprozess im Nahen Osten vorangebracht hätten. Das zeige der Blick auf die ehemaligen israelischen Ministerpräsidenten Menachem Begin und Ariel Sharon. Beide waren als Hardliner bekannt, dennoch gingen beide auch als Friedensstifter in die Geschichte ein.

Beides nicht uninteressant. Aber damit hat sich der inhaltliche Mehrwert der Sendung auch schon erschöpft. "Die Geschichte des Nahen Ostens ist eine Geschichte der verpassten Chancen", sagt Wolffsohn an einem Punkt der Debatte. Eine verpasste Chance - das ist auch diese Sendung.

© SZ.de/ees/fued
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