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"Anne Will" zu Corona-Lockerungen:"Wer Angst hat, soll zu Hause bleiben"

Wolfgang Kubicki zu Gast bei "Anne Will"

Wolfgang Kubicki bei "Anne Will"

(Foto: NDR/Wolfgang Borrs)

FDP-Politiker Wolfgang Kubicki klopft wie immer in einer Talkshow deftige Sprüche. Dennoch wird bei "Anne Will" klar, dass das neue Leben mit dem Coronavirus eine Fahrt ins Ungewisse ist.

Wolfgang Kubicki ist eigentlich ein Geschenk für das Format Talkshow. Der 68-Jährige macht den Eindruck, kleine Provokationen bereiten ihm Vergnügen. Kubicki ist einer, der sich nichts vorschreiben lässt, in diesem Sinne ein Parade-FDPler. Dabei schlittert er gerne an die imaginäre Grenze des Gerade-noch-so-Sagbaren heran. Manchmal überschreitet er sie auch. Seine Anhänger lieben ihn vermutlich dafür, der Rest schüttelt den Kopf oder regt sich fürchterlich auf. Beides dürfte ganz in seinem Sinne sein.

Beispiel aus der Anne-Will-Sendung mit der Frage "Deutschland macht sich locker - ist das Corona-Risiko beherrschbar?". Kubickis Antwort lautet durchgehend: Ja. Unter anderem deshalb, weil die Menschen in Deutschland eigenverantwortlich handeln könnten. Konkret: "Wenn jemand Angst hat, soll er zu Hause bleiben."

Der Norddeutsche Kubicki spricht schnell, er rattert die Wörter aneinander. Vielleicht bleibt dieser Satz deshalb so freischwebend in der Luft hängen, ohne dass jemand im Studio daran Anstoß nimmt. Auch Anne Will ist wohl überrumpelt, es folgt keine Nachfrage. Im ersten Moment klingt es ja auch ganz logisch: Wer Angst hat, bleibt daheim. Bei genauerem Hinsehen allerdings gibt es Dutzende, Hunderte, Hundertausende Situationen, wo ein Daheimbleiben schwierig bis unmöglich ist. Mechaniker müssen in die Werkstatt, Bauarbeiter auf den Bau, Ärzte ins Krankenhaus, Pfleger ins Pflegeheim, Schüler bald wieder in die Schule. Und wollten die Gesellschaften das Virus nicht so weit zurückdrängen, dass man sich wieder frei bewegen kann - ohne große Angst vor Ansteckung?

Kubickis Aussage trifft einen Nerv bei manchen Leuten. Dass der Staat ihnen so viele Rechte entzieht wegen einer Pandemie, das führt bei einigen zu Unbehagen. Ein paar wenige wollen das nicht mehr hinnehmen. Die Radikalsten unter ihnen haben sich am Wochenende in einigen Städten zu Demonstrationen versammelt. Peter Dabrock, Professor für Systematische Theologie und ehemaliger Vorsitzender des Deutschen Ethikrates, spricht von einem "kruden Gebräu", das sich da vermischt habe. Verschwörungstheoretiker, Nazis, Linksradikale standen unter anderen auf Marktplätzen, in Gera war auch Kubickis Parteifreund Thomas Kemmerich dabei, der in der Welt vor Corona berühmt wurde, weil er sich mit fünf Prozent der Wählerstimmen im Rücken unter anderem von der AfD zum Ministerpräsidenten von Thüringen wählen ließ.

"Das ist wie Einzelhaft"

Kubicki fährt fort: "Wenn jemand Sorge hat, dass im Altersheim was passiert, soll er seine Angehörigen nicht besuchen." Auch dieser Satz klingt fantastisch, bis man die Bilder sieht, von einsamen, isolierten Senioren. Kubicki ist sogar selbst betroffen, seine demente Schwiegermutter durfte sieben Wochen lang ihr Zimmer nicht verlassen, aufgrund der Krankheit kann sie auch nicht telefonieren. "Das ist wie Einzelhaft", sagt Kubicki. Da beschreibt er auch das Dilemma, in dem Angehörige stecken, wenn sie Angst haben, das Virus in ein Heim zu tragen, aber gleichzeitig Mutter oder Vater nicht alleine lassen wollen.

Die von Corona erschöpfte Bevölkerung sehnt sich nach Besserung, die Bundesländer lockern jetzt nach und nach die strikten Ausgangs- und Kontaktbeschränkungen. Dass es aber nicht so einfach ist, geschweige denn vorbei, darauf dringt Viola Priesemann. Sie leitet am Max-Planck-Institut eine Forschungsgruppe für Dynamik und Selbstorganisation und hat mit anderen Wissenschaftlern untersucht, wie die Gesellschaft am besten mit diesem vermaledeiten Virus umgehen soll. Das Ergebnis ist eindeutig und widerspricht den Freiheitsslogans Kubickis sowie den Lockerungsmaßnahmen der Politik. Nach ihrer Theorie wäre es am besten, den Lockdown noch ein paar wenige Wochen weiterzuführen, bis die Fallzahlen so weit runtergehen, dass die Gesundheitsämter jede einzelne Infektionskette nachverfolgen können. Dann könne Deutschland mehr oder minder zum alten Leben zurückkehren, dann habe man das Virus unter Kontrolle.

Derzeit stecken sich im Land täglich fast 1000 Menschen neu an. Experten wie Priesemann bezweifeln bei einer solchen Zahl, dass die Ämter es schaffen, alle Kontaktpersonen ausfindig zu machen und in Quarantäne zu schicken. Ute Teichert spricht für die Gesundheitsämter und ist sich auch nicht sicher. "Es hängt natürlich von der Menge ab", sagt sie. Sowohl der Menge der Neuinfizierten als auch der Menge an Mitarbeitern, die die Ämter haben. Es ist und bleibt ein Weg ins Ungewisse. Malu Dreyer, SPD-Ministerpräsidentin von Rheinland-Pfalz, bestätigt das auf ihre offenherzige Art: "Ich sage nicht, dass ich alles weiß. Ich glaube auch nicht, dass jemand den Weg ganz genau kennt." Sie habe sich auf die Ratschläge der Berater verlassen.

Das vermeintliche Aufregerthema Fußball-Bundesliga

Kubickis Beitrag dazu ist kubickihaft: Er zweifelt einfach die Zahlen des Robert-Koch-Instituts an. Von dort hieß es, dass die Reproduktionszahl des Virus wieder über dem kritischen Wert 1,0 liege, bei 1,13. Das heißt, dass ein Infizierter mehr als einen Menschen ansteckt. Das könnte als Ergebnis der ersten Lockerungen vor zwei Wochen interpretiert werden. Kubicki erklärt, er wisse nicht, was er mit dieser Zahl anfangen solle. Diese sei eine Schätzzahl und als Jurist müsse man prüfen, ob die Annahmen für die Schätzung plausibel seien. Seine Antwort: Nein! Leider ist niemand in der Sendung, der diesen Vorwurf einordnet. Dass ein Politiker sonntagabends vor einem Millionenpublikum eine Bundesoberbehörde unwidersprochen so diskreditiert, ist irritierend. Auch Malu Dreyer erklärt, Wochenend-Zahlen seien zuletzt mitunter fehlerhaft gewesen.

Wäre noch das vermeintliche Aufregerthema Fußball-Bundesliga. Ethiker Dabrock, Dauerkarteninhaber auf der Dortmunder Südtribüne, kritisiert die gefühlte Vorzugsbehandlung. Wenn Kindergärten oder Altenheime verschlossen seien, aber die Fußballer spielen dürfen, "dann besteht die große Gefahr, dass die gesellschaftliche Solidarität bröckelt". Ute Teichert gibt dazu einen Einblick, warum das Kölner Gesundheitsamt nach Covid-19-Fällen beim 1. FC Köln nicht die ganze Mannschaft plus Mitarbeiter in Quarantäne schickte (wie die Kollegen in Dresden). Die Mitarbeiter seien zum Training erschienen, hätten sich ein Bild gemacht und so entschieden, es sei alles regelkonform gewesen.

Das Sprachrohr des Mannes, der sich daheim auf der Couch langweilt, ist natürlich Wolfgang Kubicki: "Mich nerven die Konserven der letzten Fußball-Weltmeisterschaften ganz mächtig." Fußball live muss her, aber schnell. Und vielleicht beruhigt das auch die Nerven einiger, die zuletzt in den Innenstädten den Verschwörungstheoretikern applaudierten.

© SZ.de/jael
Anja Reschke

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