"Nine Perfect Strangers" auf Amazon Prime:Alles wird besser

Lesezeit: 3 min

Episode One

Wer würde sich Masha (Nicole Kidman) in "Nine Perfect Strangers" im Tranquillum House nicht liebend gern anvertrauen?

(Foto: Amazon Studios)

Klangschale, Yoga, Microdosing. In "Nine Perfect Strangers" spielt Nicole Kidman eine Wellness-Heilerin, bei der man nicht weiß, ob man sie fürchten oder anbeten soll.

Von Aurelie von Blazekovic

Endlich mal runterkommen, rauskommen. Yoga machen, meditieren, gesunde Smoothies zum Entgiften serviert bekommen. So werben teuer in die Natur gepflanzte Wellness-Resorts von den Alpen bis nach Kalifornien - die ambitionierteren unter ihnen versprechen nicht nur Entspannung sondern "Heilung". Nach ein paar Tagen Aufenthalt soll man als neuer Mensch herauskommen, als besserer Mensch.

In Nine Perfect Strangers betreibt Nicole Kidman so ein Resort. Doch sowohl Kidman in der Rolle der russischen Guru-Figur Masha als auch ihr luxuriöses "Tranquillum House" versprechen sehr viel mehr als einen Wellness-Aufenthalt. Die zehn Tage bei Masha, das haben ihre Gäste vom Hörensagen erfahren, sollen nicht weniger als life changing sein.

Wer geheilt, gerichtet, gesund werden will, der muss sich Masha ergeben

Neun Wohlstandsgeplagte rücken zu Beginn der Serie also ins traumhaft mondäne Tranquillum House, architektonische Reinheit trifft friedliche Natur. Hier schwebt die von aller Weltlichkeit losgelöste Gastgeberin umher, die platinblonden Haare wellen sich über ebenso wallende Gewänder. Ihren Neuankömmlingen stellt Masha persönliche Berater zur Seite, die die Gäste während des Aufenthalts vollends umsorgen sollen, ihnen täglich eigens auf sie abgestimmte Smoothies bereiten.

Ob das eine Persiflage auf Gwyneth Paltrow ist und deren Wellness-Imperium? Paltrow, 48, Oscar-Preisträgern, gründete 2008 Goop, ein Unternehmen, das mit pseudowissenschaftlichen und sündhaft teuren Feel-Good-Artikeln zweifelhaften Erfolg hatte: Jade-Eier zum Einführen in die Vagina versprechen Kristallheilkraft, ätherische Öle sollen zu Schönheit und Selbstliebe führen - alles im cleanen Design, das sich auf Instagram so gut machte. Als ganzheitliche Wellness-Expertin verspricht Paltrow trotz harscher Kritik bis heute in Newslettern und in einer eigenen Netflix-Serie teils extreme Lösungen für allseits bekannte Probleme. Sie lässt sich absichtlich von Bienen stechen, um eine alte Verletzung zu behandeln, experimentiert mit der psychedelischen Wirkung von Ayahuasca, alles natürlich für Heilung und Selbstfindung.

Nicole Kidman dürfte die Welt der Hollywood-Spirituellen nicht fremd sein, mit Paltrow stand sie schon 1993 in Malice - Eine Intrige gemeinsam vor der Kamera. Doch Masha, die Resort-Leiterin in Nine Perfect Strangers, ist düsterer als alles, was man von Gwyneth Paltrow je gesehen hat. Masha kennt nicht nur die Blutwerte ihrer Schützlinge genauestens, sondern scheint auch sonst allwissend zu sein. Das Geheimnisvolle an ihrem Konzept macht für die mehr oder weniger verlorenen Seelen, die sich in ihre Hände begeben, gerade die Anziehungskraft aus. Wer geheilt, gerichtet, gesund werden will, der muss sich ihr ergeben, fordert Masha. Und Heilung ist ein bitterlicher Wunsch ihrer Gäste, die Wohlstand kennen, aber Frieden suchen.

Frances ist eine Schriftstellerin, die am sich wandelnden Zeitgeist scheitert (Melissa McCarthy). Die Ja-Sagerin Carmel (Regina Hall) wird von einer unzähmbaren Wut auf ihren Ex-Mann überwältigt. Die traurige Influencerin Jessica (Samara Weaving) befürchtet, dass ihre Ehe bald völlig eingeschlafen sein wird. Nicht alle hier sind traumatisch schwer geplagt, aber - und darum geht es bei Wellness ja - ein bisschen einfacher, ein bisschen glücklicher könnte das Leben für sie schon sein. Seelen und Körper können schließlich grenzenlos optimiert werden. "Die meisten Menschen, die hier herkommen, haben gute Leben," meint Masha dazu einmal, "sie kommen, um zu leiden".

Im "Tranquillum House" stößt man zwischen Sauna und LSD-Experimenten auf innerste Abgründe

Das Leiden, das kathartische Bewältigen größerer und kleinerer Wunden, ist das Ziel von Mashas Protokoll. Am Ende soll man wie neugeboren sein. Doch ob diese Frau wirklich weiß, was sie macht, oder einfach wahnsinnig ist, vermag hier niemand zu sagen. Kidman, auch Co-Produzentin von Nine Perfect Strangers, brilliert nicht nur in der Rolle, für die sie schon optisch wie geschaffen ist. Die Serie enthält gerade die richtige Dosis Seifenoper, zwingt einen mit gut gesetzten Cliffhangern, immer weiterzuschauen. Und ist gleichzeitig so gut besetzt (auch Michael Shannon und Luke Evans checken ins Tranquillum House ein) und liefert, ohne da mit In Therapie auf Arte mithalten zu können, so überzeugende Psychogramme der Figuren, dass sich das Weiterschauen auch lohnt. Es gibt diese hypnotische Finsternis in Nine Perfect Strangers; die Serie schafft es, das Gefühl zu vermitteln, dass hier jederzeit Schreckliches passieren kann.

Denn Grenzen scheint es für Masha nicht zu geben, neben traditionellerem Wellness-Programm wie Sauna, Klangschalen-Therapie oder Meditation lässt sie ihre Gäste auch ein eigenes Grab ausheben, und setzt sie unabgesprochenen Drogen-Experimenten aus, "man nennt es Microdosing," sagt sie grinsend. Während die Teilnehmer auf ihre eigenen Abgründe stoßen, stellt sich heraus, dass keiner der neun zufällig in die Gruppe gelangt ist.

Die Geschichte basiert auf dem gleichnamigen Bestseller der australischen Autorin Liane Moriarty, die auch schon die Romanvorlage für eine andere erfolgreiche TV-Serie, Big Little Lies, ebenfalls mit Nicole Kidman, geschrieben hat. In acht Folgen entspinnt sich in Nine Perfect Strangers ein packendes und kluges Drama um die Geheimnisse, die jeder in dieses Resort gebracht hat - nicht zuletzt die strahlende Anführerin.

Nine Perfect Strangers, 8 Folgen, bei Amazon Prime

Zur SZ-Startseite
Serien des Monats, im Bild: Schmigadoon!, Paris 1900, Loving her, Scott und Huutsch

Tipps im Juli
:Das sind die Serien des Monats

Der liebenswerte Fußballtrainer Ted Lasso ist zurück, die "Monster AG" bekommt eine eigene Serie und David Schalko hat sich im diskursiven Erzählen verirrt. Die SZ-Serientipps im Juli.

Lesen Sie mehr zum Thema