#WerkstattDemokratie Schlafen über dem Hafen von Helsinki

Wohnen im konstruktiven Tragwerk von Verladekränen

(Foto: Illustration Jessy Asmus)

Was Gerhard Matzig dazu meint: Ein genialer Plan - Wohnungen dort einrichten, wo Strukturen nicht mehr genutzt werden. Zum Beispiel könnte man auf einem zum Teil stillgelegten Werftgelände das konstruktive Tragwerk von Verladekränen, die man nicht mehr braucht, zum Wohnungs-Um- und Neubau benutzen. Das ist radikal ökologisch, ökonomisch vernünftig und sehr smart. Für mich, der ich in der vorgestrigsten und spießigsten aller Wohnformen lebe, im Einfamilienhaus am Rande der Stadt, ist das die schönste Vorstellung von einer Zukunft, in der das Wohnen postindustrielle Strukturen wie im Ritzenbiotop überwuchert. Konversion statt Gentrifizierung!

Wie Leserin Sylvia Markert ihre Idee beschrieb: Ich wohne in Helsinki und es gibt im Süden der Stadt ein Werftgelände, welches nur noch in Teilen genutzt wird. In dem unbenutzten Teil stehen zwei alte circa 30 Meter hohe Kräne. Immer wenn ich unter diesen Kränen durchgehe, träume ich davon, einen davon in ein Wohnhaus umzubauen. Der Kran hat unter der Führerhausebene zwei weitere Ebenen, welche circa 20 mal 20 Meter groß sind. Ich würde beide Ebenen mit Glas verkleiden und diese mit einer Treppe in der Mitte verbinden. Die Führerhausebene wäre eine Terrasse mit viel Grün.

Asterix trifft Buckminster Fuller

Ein Palisadendorf in einem alten Lagerhaus

(Foto: Illustration: Jessy Asmus)

Was Gerhard Matzig meint: Nicht daheim und doch nicht an der frischen Luft - was eigentlich eine alte Literaten-Definition für das Wiener Kaffeehaus ist, macht sich dieser Entwurf für das Wohnen zunutze: "Schlechtes Wetter bleibt draußen und trotzdem kann man flanieren." Das könnte zwar auch auf eine simple Shopping Mall zutreffen, aber in diesem Fall wird eine alte Fabrikhalle zum Stadtraum umgewidmet. Das Leben in diesem Raum wird als malerisch beschrieben, Stichwort "Bierchen genießen". Im Grunde ist das die Verbindung aus dem Dorf von Asterix mit der Raumdefinition von Richard Buckminster Fuller. Und das Ganze in einer alten Fabrik - eine schöne Utopie.

Wie Leser Postit seine Idee beschrieb: Ich würde gerne eine modulare, mehrgeschossige Wohnanlage in eine große, alte Fabrikhalle packen. Eine mit einem alten Glasdach, durch das die Sonne scheint. Die Anlage sollte einen kleinen Stadtplatz in der Mitte haben, an dem sich die Bewohner treffen können. Kleine Wege mäandern zwischen den Stelzen von Palisadenhäusern. Sie sind mit weißem Kies gestreut und bilden einen schönen Kontrast zu den dunkelgrünen Hecken. Oben, zwischen den Häusern, gibt es kleine Hängebrücken und frei schwebende Rundgänge, auf denen man von einem Nachbarn zum anderen spazieren kann. Auf Terrassen kann man sich treffen und Brettspiele spielen oder ein gemeinsames Bierchen genießen. Überall gibt es verschwiegene Ecken mit kleinen Gärten, verwunschenen Teichen, Orten zum Verweilen.

Die Anlage ist aus Containern aufgebaut, an die immer weitere angeflanscht werden können. Hochkant, quer, schräg. Entweder wenn jemand neu dazu kommt, oder wenn man sich verändern möchte. Ganz oben gibt es einen halben Container mit Wasser gefüllt, dort treffen sich die Leute, wenn sie mal ein paar Bahnen schwimmen möchten. Aber das meiste Leben spielt sich draußen, außerhalb der Halle ab. Auf einem alten Fabrikgelände mit Werkstätten, Sportplätzen, auf verwitterten Betonplatten, zwischen denen schon die ersten Grashalme vorbrechen. Alles atmet den verwunschenen Charme früherer Größe, als hier noch gearbeitet wurde.

Ich mag Zweckentfremdung und Neuverwendung. Dinge, die einmal wichtig für etwas ganz Spezielles waren und jetzt wieder wichtig für etwas ganz Anderes sind. Mit gefällt auch die Idee, den natürlichen Schutzraum von großen Hallen zu nutzen. Schlechtes Wetter bleibt draußen und trotzdem kann man flanieren und sitzt nicht in einer Wohnung fest. Die bitterste Kälte bleibt auch draußen, man müsste mal die Energiebilanz durchrechnen, wenn man draußen Solarplatten aufstellt.

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