ÜberLeben zu Adoption:Ein Kind soll das Glück zurückbringen

Der Zeitpunkt für die künstliche Befruchtung war gekommen: Ein Kind sollte nach der schweren Krankheit das Positive in mein Leben zurückbringen. Nach dem dritten Versuch waren die Anzeichen deutlich: Herzrasen, Übelkeit, Heißhunger und Stimmungsschwankungen. Ich hatte einen riesigen Bauch, konnte kaum atmen.

Ich fühlte mich furchtbar schwanger, doch ich war es nicht. Mein Körper hatte wohl nur auf die Hormonspritzen und -tabletten reagiert, die ich vor der künstlichen Befruchtung bekommen hatte. Solche Überreaktionen kommen häufiger vor, aber in der Regel nicht so stark. Wieder war eine Hoffnung geplatzt.

Doch auch nach diesem Tiefschlag machten wir weiter. Wir entschlossen uns zur Adoption, wollten ein Kind aus dem Ausland aufnehmen. Pflegeeltern wollten wir nicht sein. Das Besuchsrecht der Eltern, alle zwei Wochen zu ihnen fahren und sich mit ihnen auseinandersetzen, obwohl sie dich oder die Kinder womöglich nicht mögen - für mich eine schwierige Vorstellung.

Den obligatorischen Kurs für Pflegeeltern machten wir dennoch, das Amt drängte uns dazu, für alle Fälle. Im Kurs stellten wir uns einigen schweren Fragen: Wie nimmt man Abschied vom Wunschkind, das nie geboren wurde? Wie damit umgehen, dass das angenommene Kind bereits Eltern hat? Wie akzeptieren, dass das Kind eine eigene Persönlichkeit mitbringt? Man kann diese Dinge nicht lernen, aber man kann vorbereitet sein. Vorbereitet auf den Anruf, der dann plötzlich wie aus dem Nichts kommt und bedeutet: Es gibt da ein Kind.

Mariam aus Gambia

Mariam, dreieinhalb Jahre alt, aus Afrika. Das Mädchen lebte zu dem Zeitpunkt bei seiner Großmutter in Gambia. Der Vater, ein Gambier namens Ousman mit deutschem Pass, lebte und arbeitete in Deutschland. Die Mutter - seine "Zweitfrau" - war bei der Geburt von Mariams kleinem Bruder gestorben. Der Vater wohnte inzwischen mit seiner neuen Lebensgefährtin in Stuttgart. Sie sagte: "Ich bin einfach kein Kindermensch". Er sagte: "Ich nix will diese Kinder."

Also war Mariam bei der Großmutter in der gambischen Stadt Basse Santa Su geblieben. In Gambia sind drei von vier Frauen zwischen 15 und 49 beschnitten. Das grausame Ritual wird oft gleich nach der Geburt vollzogen. Ein zweiter Eingriff erfolgt, bevor die Menstruation einsetzt.

Ousmans Lebensgefährtin erklärte dem Jugendamt, sie wollten das Kind nach Deutschland holen und bei Pflegeeltern unterbringen. Damit es zur Schule gehen könne und von der Verstümmelung verschont bleibe. Der kleine Bruder solle zunächst in Gambia bei seiner Großmutter bleiben.

Bei einem ersten Treffen sagten sie uns, sie suchten Pflegeeltern, die das Kind auch irgendwann adoptieren würden. Nach einer Probezeit sozusagen. Fabian und ich konnten uns vorstellen, auch Mariams kleinen Bruder aufzunehmen. Wir redeten Ousman aus, die Kinder alleine in Gambia abzuholen und am Flughafen in unsere Hände zu übergeben. Wir wollten, dass sie ihre zukünftigen Eltern in ihrer Heimat Afrika kennenlernen konnten und nicht an einem Flughafen. So, hofften wir, würde sich der Bruch in ihrer Biografie möglichst sanft gestalten.

Also nahmen wir uns Zeit, flogen mit nach Gambia, lernten die Großfamilie kennen, mit der wir nun irgendwie verbunden sein würden. Große Augen bei Mariam und ihrem Bruder, große Anspannung bei Fabian und mir. Die erste Nacht verbrachten wir gemeinsam in einem Hotel. Wir schliefen in einem Zimmer, Mariam wurde schnell zutraulicher. Ihr kleiner Bruder war bereits eingeschlafen, da versuchte sie mit uns zu reden, in ihrer Sprache. Am nächsten Morgen tapste Mariam zu dem großen Bett und kroch zu mir unter die Decke.

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