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Flucht aus Nigeria:"Victor, lauf so weit du kannst"

Flüchtlingsgeschichte Serie Überleben

Victor N., geboren in Nigeria, wohnt jetzt in München.

(Foto: Sarah Raich)

Sie wollten ihn töten, weil er nicht gehorchte. Weil er eine Frau heiratete, die sie verstoßen hatten. Die Geschichte eines Flüchtlings.

"Vor sieben Jahren lernte ich ein Mädchen aus einem Nachbardorf kennen, Jecinta. Sie war gut zu mir, kümmerte sich um mich. Wie etwas weniger als die Hälfte aller Einwohner von Nigeria bin ich Christ, allerdings nur auf dem Papier. Erst Jecinta hat mir den wahren Glauben gezeigt. Wir waren verliebt. Sie wurde schwanger. Wir wollten heiraten.

Ich bin aus Imo, das ist eine Region im Süden Nigerias. Dort muss ein Mädchen vor einer Heirat erst eine Zeremonie durchlaufen, die dauert sieben Tage. Sie muss sich den Ältesten präsentieren, es ist ein großes Fest für viele Frauen. Sie malen sich an, sie tanzen. Erst dann darf das Mädchen heiraten. Ich brachte meine Freundin in mein Heimatdorf, damit wir die Zeremonie dort abhalten und heiraten können. Aber die Ältesten sagten: 'Sie ist schwanger, sie kann die Zeremonie nicht durchlaufen. Sie ist ausgeschlossen aus unserer Gemeinschaft. Sie muss gehen.' Ich sagte: 'Aber ich will sie heiraten! Sie trägt mein Kind in ihrem Bauch!' Die Ältesten sagten: 'Das ist egal. Sie ist schwanger. Wir verstoßen sie.' Und ich sagte: 'Aber das Kind! Es ist doch mein Kind! Soll es etwa auf der Straße sterben?'

Wir hatten nicht viel, aber wir waren glücklich

Es war nichts zu machen. Also sagten wir: Gut, wir beginnen woanders ein neues Leben. Sie drohten mir. Aber das war mir egal. Wir gingen nach Lagos, die größte Stadt in Nigeria. Eigentlich bin ich gelernter Schweißer, aber dort arbeitete ich als Busfahrer. Wir lebten in einer kleinen Wohnung. Wir hatten nicht viel. Aber wir waren glücklich. Es ging uns gut.

Meine Frau brachte 2010 ein Mädchen zur Welt. Ich war so glücklich! Mein Baby-Girl. Wir haben sie Treasure genannt. Denn sie ist unser Schatz. Im Jahr 2012 bekamen wir noch einen Sohn, Christopher. An die Leute aus meiner Heimat dachte ich gar nicht mehr. Wir gingen oft in die Kirche. Aber die heilige Kommunion bekamen wir nicht, weil wir nicht verheiratet waren. Dafür hatten wir kein Geld. Aber der Priester in unserer Gemeinde schlug vor: 'Victor, wir machen eine Massenhochzeit für die armen Familien. Heiratet doch auch!' Aber vorher sollte ich ein Dokument in meine Heimatstadt bringen. Dort sollten sie die Möglichkeit erhalten, Einspruch zu erheben. So ist das in Nigeria. Damit niemand zweimal heiraten kann. Weil ich nicht nach Hause gehen konnte, brachte ein Cousin von mir das Dokument dorthin. Die Kirche richtete eine Feier aus, mit Kuchen und Getränken. Es war sehr schön. Es war der 27. Dezember 2013 als wir heirateten.

In der zweiten Januarwoche, ich war gerade bei der Arbeit, die letzte Fahrt des Tages, da schrien auf einmal meine Fahrgäste. Ein Auto mit maskierten Männern in Schwarz verfolgte uns. Ich fuhr wie ein Irrer. Doch die Verfolger kamen immer näher. Irgendwann stellte ich den Kleinbus ab und wir liefen um unser Leben. Die Angreifer zündeten meinen Bus an und verletzten einige meiner Fahrgäste, die nicht schnell genug wegkamen. Ich dachte, es handele sich um einen Überfall. Das passiert manchmal. Erst später hörte ich, dass die Angreifer es auf mich abgesehen hatten.