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Urlaub:Die SUV-isierung des Strandurlaubs

Sonnenanbeter auf Usedom

Die Eltern reservierten noch mit dem Handtuch die Liege am Hotelpool. Wir bauen Strandmuschel, Grill und Plastiksofa auf.

(Foto: dpa)

Die Eltern reservierten noch mit dem Handtuch die Liege am Hotelpool. Heute unterstreicht man den Anspruch auf eigenes Terrain mit aufblasbaren Sofas, Elektrogrills und LED-Fackeln. Warum?

Wahrscheinlich hat das jeder so ähnlich in Erinnerung: Erster Feriensamstag, Start in den Familienurlaub und Papa bekommt noch an der Garage den ersten Anfall, weil Kofferraum und Dachbox voll sind, Kühltasche und Schlauchboot aber noch mitmüssen und zusätzlich zwei bis drei unangemeldete Taschen auftauchen. Etwas später im Leben weiß man: Ein bisschen Übergepäck gehört zu richtigen Ferien einfach dazu. Und am Ende hat ja auch immer alles reingepasst, und Papa hat sich spätestens am Brenner über etwas anderes aufgeregt.

Den kleinen Stauraumanfall gibt es heute natürlich trotzdem noch. Der Unterschied ist nur: Die Autos sind heute viel größer. Und das Übergepäck stapelt sich nicht nur für zwei Wochen Rimini, sondern auch dann schon, wenn es nur für einen Tag an den Badesee geht.

Der vergangene Dauersommer ließ jedenfalls allerorten den Verdacht zu, dass Familien heute mehr Freizeitausrüstung besitzen, als ihnen eigentlich Freizeit zur Verfügung steht. Es muss mittlerweile der ganze Hausrat inklusive Garage mit: die diversen Ein- und Zweiräder und Bretter, allerlei Aufblas- und Wurfwohnobjekte, Spielzeug für jede Altersstufe, neuartige Wasserfahrzeuge, der ganze moderne Akku- und Solarklimbim und so weiter. Auch das Wort Grillen meint nicht mehr das kleine Lagerfeuer von früher, sondern eher: massiven Edelstahlsmoker, Spezialkohlen und Aroma-Salzstein.

Noch nie wurde so viel Gerümpel an Strand und Seeufer verstreut, vieles davon Dinge, die man eigentlich nie vermisst hat. Oder wer braucht noch mal riesige Pizzastück-Floats oder Wasserpistolen, groß wie Mopeds? Keiner, aber wir sind irgendwie alle Funatiker und Ausrüstungsopfer geworden. Es herrscht eine Lust an individueller Ausdehnung und Outdoor-Bestückung, die auf unheimliche Art und Weise mit der anhaltenden SUV-Mode auf den Straßen korrespondiert: Alles braucht mehr Material und Platz als notwendig. Alles ist bequem oder auch nur "nice to have".

Jede Familie ihr eigener Meterorit

Zum Beispiel diese großen Polyamidsäcke, aus denen laut Werbung in Sekunden ein Outdoor-Sofa werden soll. Sieht toll aus, will man sofort haben. In echt ist es aber nur noch halb so schön und halb so einfach mit Luft zu füllen. Und richtig notwendig ist eine lebensgroße Couch am Strand auch nicht. Aber hey, lass mal zwei mitnehmen!

Von oben werden die Strände in den kommenden Monaten jedenfalls wieder sehr avantgardistisch aussehen. Jede Familie ihr eigener Meteorit, der am Wasser eingeschlagen ist und ein imposantes Streufeld hinterlassen hat, bestehend aus Badesachen, Schwimmspielzeug, bunten Kühl-, Stau- und Soundboxen, diversen Matten und Decken, Hüten, Helmen, Schirmen, Stühlen, Slacklines, Lampionketten und einem 20-Quadratmeter-Sonnensegel, mit dem Papa vorhin eben mal der Sonne ihre Grenzen aufgezeigt hat. Hoppla, hier lagern wir!

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Auf der Suche nach den einfachen Glücksmomenten kehrt unser Autor immer wieder an den Strand zurück, obwohl man damit schnell als Langweiler und Gewohnheitstier gilt. Ein Lob auf die Horizontale.   Von Christian Mayer

Und im Auto warten für später noch tragbare Leuchten, Feuerkörbe und ein Solar­lademodul für die Akkugeräte und die GoPro-Ausrüstung. Gerade die klein geschrumpfte LED- und die neue Akku­technologie hat die Mitnahme-Mentalität zusätzlich angeheizt. Was früher nur für drinnen und empfindlich war, ist inzwischen wasserdicht und zum Runterwerfen geeignet. Es macht Spaß, diese Gadgets zu kaufen, sie zahlen schon an der Kasse auf die zukünftige Ferienqualität ein. Manchmal allerdings auch nur da.

Vielleicht ist es nur ein Hilferuf gegen die Enge der Wohnung und Großraumbüros

Ziel einer Reise ist vordergründig weiterhin: die schöne Natur. In Wirklichkeit aber wird ein Spielplatz gesucht, auf dem man den Krempel ausprobieren kann, der einem zwischenzeitlich in den Warenkorb gehüpft ist. Und soll keiner auf die Idee kommen, man hätte einfach nur faul rumgefläzt. Derlei ging vielleicht mal als Urlaub durch, heute ist Multisport angesagt. Alle, bis hin zum Jüngsten, gehen deshalb mehreren Urlaubssportarten nach, für die passendes Equipment eingepackt ist (Stand-up-Paddling, Tauchen, Klettern, Volleyball, Bogenschießen, Angeln, Surfen etc.). Falls die neue Umgebung nicht genug Abenteuer bietet, macht man diese mit Hilfsmitteln eben selbst. Und irgendwann fällt einer mit der selbst geschmiedeten Axt den Baum, an dem der andere gerade seine Balancierleine befestigt hat und unter dem der dritte seine Pfifferlinge sucht. Im Grunde ist das die Gentrifizierung der Natur. Und die ganze neue Ausrüstung ein Ausdruck der großen urbanen Unruhe, die uns bis in den Urlaub verfolgt.

Vielleicht ist es auch ein Hilferuf. Ein Aufschrei gegen die Enge unserer Wohnungen und Großraumbüros in den Städten. Dahinter steht die Sehnsucht nach Freiräumen. Und weil man mit dieser Sehnsucht nicht allein ist, muss der Freiraum vor Ort irgendwie in Besitz gebracht, markiert und verteidigt werden. Zelt, Float, Boat, Bulli mit Vordach und Feuerchen - das ist heute die Landnahme des kleinen Mannes. Meins! Die Eltern reservierten noch mit dem Handtuch die Liege am Hotelpool. Wir unterstreichen mit unserem ausgedehnten Familienlager den Anspruch auf ein bisschen eigenes Terrain in der Welt.