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Prominente zur Gleichberechtigung:Gregor Gysi, Politiker

"Ich habe mal gesagt, Männer könnten keine Feministen sein, es gebe da nur eine Ausnahme: Nämlich mich. Das habe ich ironisch gemeint, das haben nur zu wenige verstanden. Ich bin mit dem Begriff vorsichtig, weil der Feminismus eine Bewegung der Frauen ist. Man sollte ihn als Mann nicht vereinnahmen. Auf ihre Art aber können Männer Feministinnen unterstützen, indem sie sich für Gleichstellung einsetzen.

Seit Jahrzehnten rede ich nicht mehr von "Bürgern", ich sage "Bürgerinnen und Bürger". Bei öffentlichen Reden, aber auch privat kann ich nicht mehr anders quatschen. Dass das wichtig ist, wurde mir klar, als ich einen Leserbrief in einer Tageszeitung las. Eine Frau schrieb, man habe jahrtausendelang nur die männliche Form verwandt, als ausgleichende Gerechtigkeit solle man im nächsten Jahrtausend nur die weibliche verwenden. Sie schrieb: 'Ab heute heißt es dann Herr Rechtsanwältin Gysi.' Ich wollte nicht 'Rechtsanwältin' heißen. Umgekehrt habe ich also auch kein Recht, Frauen mit der männlichen Form anzusprechen.

Dass wir bei der Gleichstellung noch viel tun müssen, zeigt ein einfaches Beispiel. Es gibt in der Regel bei Volksfesten immer einen Toilettenwagen für Frauen und einen Toilettenwagen für Männer. Da Frauen mehr Toiletten benötigen, ist das Ergebnis, dass es bei den Männern keine Schlange gibt, und bei den Frauen 50 anstehen müssen. Wenn die Männer mehr bräuchten - glauben Sie mir, seit tausend Jahren stünden drei Männer- und ein Frauenwagen auf jedem Volksfest.

Die DDR war in manchen Dingen weiter - aber eben nur in manchen. 90 Prozent der Frauen waren berufstätig. Aber für die Führungspositionen galt das nicht. An den Kreisgerichten wimmelte es von Richterinnen, an den Bezirksgerichten wurden sie schon weniger, und am Obersten Gericht waren sie eine absolute Rarität. Das Politbüro, das Machtzentrum der DDR, hatte überhaupt keine weiblichen Mitglieder. Im Ministerrat gab es bis zu Modrow nur eine, Margot Honecker, ausgerechnet die Frau des obersten Chefs.

Im Politikbetrieb in der Bundesrepublik sind wir inzwischen auf einem guten Weg. Früher hatten Frauen nur etwas zu sagen, wenn sie scheinbar die besseren Männer waren, besonders hart, besonders durchsetzungsstark. Siehe zum Beispiel Frau Thatcher. Das ist heute anders. Schauen Sie sich mal die Bundesregierung an, zum Beispiel Frau Nahles. Die hat ja durchaus weibliche Züge, und die will sie gar nicht ablegen. Aber das soll nicht heißen, dass schon alles gut wäre. Es gibt zum Beispiel noch eine Männerdominanz in der Außen-, der Finanz- und der Wirtschaftspolitik. Ich denke aber, das wird sich entwickeln."

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