Echthaar spenden Sich für andere ein Stück abschneiden

Einer, der seine Haare hergibt für andere: der zwölfjährige Fabian Harrer. Dazu inspiriert hat ihn der Geiger David Garrett.

(Foto: Harry Wolfsbauer)

Wenn Kinder wegen Krebs ihre Haare verlieren, kann eine Perücke helfen, zumindest psychisch. Doch ohne Haarspenden können sich viele ein wirklich schönes Modell nicht leisten.

Von Thomas Hürner, Freising

Valentina Staringer ist erst acht Jahre alt und weiß vermutlich gar nicht, dass sie am heutigen Tag das gleiche gute Werk tut wie vor ihr bereits die britische Herzogin Kate und der Popstar Miley Cyrus. Valentina jedenfalls nimmt an einem sonnigen Freitag Platz in einem Friseursalon in Freising. Der Stuhl wird langsam nach oben justiert, und je höher es geht, desto größer werden auch ihre Augen. Neben ihr sitzt ihre Schwester Kiara, 12, die das Ganze recht unaufgeregt beobachtet, sie kennt das ja bereits. Kiara Staringer hat schon vor drei Jahren große Teile ihrer Haare für einen guten Zweck gespendet, seitdem war sie nicht mehr beim Friseur. Was nachgewachsen ist, kommt auch bei ihr heute noch ab.

Was die Kasse zahlt, reicht nur fürs Sparmodell

Ihre Spenden gehen an Organisationen wie den Verein "Haarfee" in Wien, dort werden diese dann weiterverarbeitet und an die Bedürfnisse der jungen Empfänger angepasst. Die Kinder haben schwere Schicksalsschläge hinter sich, etwa Krebs, schwere Verbrennungen oder die Krankheit Alopecia areata, ein kreisrunder Haarausfall, von dem auch Kinder betroffen sein können. Mit den Haaren verlieren sie häufig auch ihr Selbstwertgefühl, das eigene Leiden wird für jeden sichtbar, auch Hänseleien auf dem Schulhof sind keine Seltenheit. Eine Echthaarperücke kann diese Nöte zumindest ein Stück weit lindern, sie sind aber oft unerschwinglich für die Eltern kranker Kinder. Mehr als 90 000 Haare sind für ein Exemplar notwendig, eine Perücke aus Echthaar wird handgeknüpft und kostet daher oft mehrere Tausend Euro. Die Krankenkassen übernehmen aber meistens nur Kosten von ein paar Hundert Euro, weshalb häufig auf Kunsthaarperücken zurückgegriffen werden muss. Diese bleiben aber als Perücke zu erkennen, ein Fremdkörper, der sich auch so anfühlt.

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Beim Verein Haarfee gibt es die Echthaarperücken umsonst, die Herstellung wird finanziert durch Geldspenden. Insgesamt haben schon 170 kranke Kinder welche erhalten - und das meist ohne Wartezeit, wie der Vorsitzende Yochai Mevorach hervorhebt: "Nach einer solchen Diagnose müssen sich Eltern um viele wichtige Dinge kümmern", sagt er, "deshalb versuchen wir, sie in dieser schwierigen Phase zu unterstützen". Rund drei Monate dauert die Herstellung einer Perücke, derzeit würden zwei bis drei pro Woche fertiggestellt. Der Bedarf könne deshalb derzeit gut gedeckt werden, sagt Mevorach.

Die Schwestern Valentina und Kiara Staringer spenden ihre langen, blonden Haare, die in Asien viel Geld wert wären.

(Foto: Marco Einfeldt)

In Freising bei München flechtet Friseur Fabio Calagno jetzt dicke Zöpfe in Valentinas Haar, fährt mit der Hand mehrfach hindurch und kämmt es glatt. "Perfekt", sagt er, "unbehandelt und füllig bis in die Spitzen". Mutter Daniela Staringer nimmt ihr Handy aus der Tasche und zeigt ihm noch einmal ein Bild der Frisur, die ihre Tochter bekommen soll, ein Bob mit Mittelscheitel und Stufenschnitt. In der anderen Hand hält sie einen Schuhkarton. Es macht schnipp, es macht schnapp, und schon liegen die Zöpfe darin. Mindestens 30 Zentimeter sollten die Haare für schulterlange Perücken sein, weil bei der Fertigung etwas Länge verloren geht.

Blondes und qualitativ hochwertiges Haar wie das von Valentina Staringer hat auf dem internationalen Markt einen hohen Geldwert. Bis zu 2000 Euro pro Kilo würden dafür in Asien gezahlt, sagt Rainer Seegräf, der Vorsitzende des Bundesverbands der Zweithaar-Spezialisten (BVZ). Qualifizierte Perückenmacher gibt es in Deutschland kaum, die Echthaarindustrie ist vor allem in Südostasien angesiedelt. Das habe historische Gründe, sagt Seegräf: "Bereits im 20. Jahrhundert hat sich dort eine spezialisierte Lohnfertigung etabliert, die seitdem immer weiter gewachsen ist." Die Folge: Menschenhaare werden massenhaft nach Asien transportiert und dort zu Perücken verarbeitet. Ein Millionengeschäft. "Aber nicht in Deutschland", sagt Seegräf, "hier bekommt man maximal 20 Euro, und das auch nur, wenn der Friseur gut gelaunt ist."

Wer die gespendeten Zöpfe am Ende bekommt, bleibt meist anonym

Finanzielle Vorteile erhofft sich die Familie Staringer ohnehin nicht, die Kinder geben ihre Haare natürlich umsonst. Und das nicht auf Drängen der Mutter, die hatte sogar eine Bedingung: "Erst nach der Kommunion, ich hatte mich schon so auf die Bilder mit den schönen Langhaarfrisuren gefreut."

Die Haarschnitte gehen heute jedenfalls aufs Haus, verkündet die Friseurmeisterin, "das machen wir bei Spenden immer so."Auch weil immer mehr Friseure auf diese Weise mithelfen, steigt die Zahl der Haarspenden in Deutschland Jahr für Jahr. "Eine tolle Sache", findet der BVZ-Vorsitzende Rainer Seegräf, "es leiden ja nicht nur Kinder, sondern vor allem Erwachsene darunter." Und das nicht nur aufgrund von Krankheiten: Bei etwa 95 Prozent der Männer, die unter Haarausfall leiden, ist die Ursache genetisch. Erblich bedingten Haarausfall gibt es aber auch bei Frauen. Laut eines Urteils des Landessozialgerichts Niedersachsen-Bremen ist ein teilweiser Haarverlust bei Frauen als Behinderung zu werten, die Kosten für ein maßgefertigtes Haarteil sind deshalb von der Krankenkasse zu erstatten. Männer hingegen gehen komplett leer aus. "Das verstehe ich nicht", sagt Rainer Seegräf, "auch Männer leiden psychisch sehr unter lichtem Haar."

Wem Valentina und Kiara Staringer mit ihrer Spende helfen, werden sie wohl nicht erfahren. Die meisten betroffenen Kinder wollen anonym bleiben. "Ein bisschen schade", sagt Kiara, "aber ich kann das schon verstehen". Ihr neuer Haarschnitt ist inzwischen fertig, es ist derselbe wie nach ihrer ersten Haarspende. "Sieht doch cool aus", sagt sie, und: "In drei Jahren mache ich das noch mal."

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