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Feinstaub:Ein Messgerät zum Selberbasteln

Mit Hartplastik für den Wetterschutz: ein selbstgebauter Feinstaubmesser.

(Foto: OH)
  • In Stuttgart basteln eine Handvoll Hacker, Bastler und Radfahrer Feinstaubsensoren für die eigene Hauswand. 791 Messgeräte sind schon in Betrieb.
  • Die Stadt und das Land Baden-Württemberg berechnen mit einigen wenigen hochkomplexen Messstationen an Verkehrsknotenpunkten, ob der EU-Grenzwert überschritten ist. Das Ergebnis sagt wenig darüber aus, wie sauber die Luft in der eigenen Straße ist.

Das Gerät, das den Schadstoff erkennen soll, über den Deutschland streitet, liegt flach auf dem Tisch. Der Nova PM SDS011 ist ein Partikelsensor, groß wie eine Zigarettenschachtel, und kommt aus China. Man bestellt ihn übers Internet, 16 Dollar und 40 Cent plus Porto. Ein grauhaariger Mann steckt ein Kabel in eine Schnittstelle, ein Laptop rattert Zahlen runter, der Mann nickt: "Funktionieren tut er schon mal." Nur noch verdrahten mit einem Wlan-Modul und einem Feuchtigkeitsmesser, Software draufspielen und fertig: der selbstgebaute Feinstaubsensor, made in Stuttgart.

In keiner anderen deutschen Stadt verdichtet sich die bundesweite Debatte um Fahrverbote, Feinstaub- und Stickstoff-Obergrenzen, um nachhaltige Formen der Mobilität und die Macht der Autoindustrie auf so wenig Raum wie hier. Und nirgends bringt sie solchen Erfindergeist hervor.

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Es ist der Dienstagabend dieser Woche. In einem Industriegebiet im Osten der Stadt sitzen zehn Männer und eine Frau an einem langen Tisch voller Strom- und Netzwerkkabel, Platinen, Schläuchen, Kabelbindern und Abflussrohren aus Hartplastik - letztere "für den Wetterschutz", erklärt der Mann mit Brille. Sonne und Regen sind schlecht für die Messungen.

Der Raum ist Teil des "Shackspace", einer Art Clubhaus für Hacker und Nerds. In den Regalen stehen Handbücher für Programmiersprachen, halb volle Club-Mate-Flaschen und ein Super Nintendo. Der Mann mit Brille heißt Reinhard, ist pensionierter Programmierer und hilft hier einmal im Monat ehrenamtlich mit. Neben ihm sitzen ein pensionierter Meteorologe, ein pensionierter Physiker, eine Studentin der Agrarwissenschaft. Sie sind hier, um ihr eigenes Messgerät zu bauen.

Seit Anfang 2019 dürfen Dieselfahrzeuge der Abgasnorm Euro 4 oder älter nicht mehr in die Stadt. Seit 1. April nicht mal mehr die der Anwohner. Der Unmut ist groß. Die Verzweiflung im Rathaus offenbar auch: Im November hat die Stadt probeweise 17 wuchtige Metallkästen entlang einer Hauptverkehrsader aufgestellt. Sie sollen, kein Witz, den giftigen Staub, den die Autos ausstoßen, direkt wieder aus der Luft saugen. Trotzdem ist der letzte Feinstaubalarm gerade mal eine Woche her.

Die Stadt und das Land Baden-Württemberg berechnen mit einer Handvoll hochkomplexer Messstationen an Verkehrsknotenpunkten, ob der EU-Grenzwert überschritten und damit eine Gesundheitsgefährdung erreicht ist. Darüber, wie sauber die Luft in der eigenen Straße ist, sagt das wenig aus. Also haben eine Handvoll Hacker, Bastler und Radfahrer die Sache selbst in die Hand genommen. 791 selbstgebaute Messgeräte sind schon in Betrieb.

Einer der Teilnehmer ist heute Henning, ein freundlicher Maschinenbauer Anfang 30. Er hat gleich vier Bausätze dabei, für Freunde und Familie, "ist ja bald Ostern". Als er vor ein paar Jahren nach Stuttgart gezogen war, habe er in der Stadt Strecken zum Joggen und Rennradfahren gesucht - und sei schockiert gewesen: "Du riechst den Feinstaub hier richtig." Seither interessiert er sich für Luftverschmutzung.

Eine Studie dürfte den Streit weiter verschärfen

Es gibt auch die Gegenseite. Auf den sogenannten Diesel-Demos gehen seit Monaten jeden Samstag Männer in gelben Warnwesten am Neckartor auf und ab, direkt neben dem Messgerät der Landesanstalt für Umwelt. Es verzeichnet seit Jahren Rekord-Feinstaubwerte. Am vergangenen Samstagabend zündeten Unbekannte die Messstation an, sie ist seither schwer beschädigt, die Polizei ermittelt. Dass das ausgerechnet nach der Diesel-Demo passiert sei? Reiner Zufall, zwinkern sich die Bastler zu, während sie über "Inversionswetterlagen" fachsimpeln, die Staub in den Stuttgarter Talkessel drücken.

Ein anderer Zufall ist, dass ausgerechnet an diesem Nachmittag Wissenschaftler der Akademie Leopoldina in Berlin eine Studie vorstellen, sie dürfte den Streit zwischen Diesel-Freunden und Diesel-Gegnern weiter verschärfen. Sie heißt "Saubere Luft - Stickstoffoxide und Feinstaub in der Atemluft: Grundlagen und Empfehlungen", die Forscher haben sie im Auftrag der Bundeskanzlerin erstellt, nachdem im Januar 107 Lungenärzte in einer umstrittenen Stellungnahme forderten, die Grenzen für Stickoxide zu lockern. Der Expertenrat findet nun, dass die Grenzwerte bei Stickoxiden ausreichend sind, die für Feinstaub aber verschärft werden müssten. Gute Laune bei den Bastlern in Stuttgart.

Stuttgart solle kein Detroit 2.0 werden

Hinter der Aktion der selbstgebauten Luftmessgeräte steckt die "Open Knowledge Foundation", eine Vereinigung von Aktivisten, die für Transparenz von Behörden eintritt. Alle Sensoren sind vernetzt, alle Daten sind online abrufbar: eine Landkarte aus Waben, die sich je nach aktueller Feinstaubbelastung einfärben. Die Messungen sind weniger genau als die offiziellen, dafür sind weltweit in 57 Ländern mittlerweile knapp 8000 Geräte registriert.

Jan Lutz ist der Sprecher des Projekts, ein Mann Anfang 40 mit Brille, Vollbart und sanfter Stimme. Er ist gelernter Designer und leidenschaftlicher Radfahrer. In den vergangenen Jahren hat er ein Verleihsystem für Lastenräder mitentwickelt und eine App, die jeden mit dem Rad zurückgelegten Kilometer belohnt. Er wolle verhindern, sagt er, dass Stuttgart "dramatisch gesagt, ein Detroit 2.0 wird". Eine Stadt also, die den Absprung verpasst und von einer sterbenden Industrie in den Abgrund gerissen wird. Können ein paar Hundert Sensoren in grauen Plastikröhren das verhindern? Nein, aber so würden Menschen aufmerksam auf das Thema, und jeder habe einen praktischen Nutzen: "Wann kann ich lüften, wann kann ich joggen gehen?"

Um halb zehn ist der Workshop vorbei, Henning besteigt draußen sein Rad. Bis vor Kurzem hatte er einen alten Diesel, den darf er nicht mehr fahren, er hat ihn verschenkt. Er sehe das locker, sagt er. Unten im Talkessel sei Stuttgart schön flach, perfekt zum Radfahren eigentlich. Seit er sich mit dem Thema Feinstaub beschäftige, fahre er längere Strecken aber lieber außerhalb der Stadt.

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