Erbfolge:Verkaufen kommt nicht infrage

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Am Gymnasium in Kempten waren die Töchter die Bauernkinder gewesen, die von einem Schulbus von den verstreuten Höfen eingesammelt wurden. "Für unsere Mitschüler waren wir einfach nicht cool", sagt Patrizia. Nach dem Abitur zog es sie in die große Stadt. Sie wollte unbedingt nach Berlin oder Hamburg und landete in Kaiserslautern, später in Kassel. Dort studiert sie Stadtplanung, ausgerechnet. Momentan nimmt Patrizia mit Kommilitonen an einem Ideenwettbewerb für ein neues Stadtviertel im Norden Berlins teil. Auf 70 Hektar sollen einmal 5000 Wohnungen für 10 000 Menschen entstehen, eine Gartenstadt des 21. Jahrhunderts. Die Fläche, die ihre Eltern mit Händen und ein paar Maschinen bewirtschaften, ist halb so groß, ein Relikt der vergangenen Jahrhunderte.

Das Ehepaar Haggenmüller kann heute gar nicht sagen, wie viele Generationen vor ihnen bereits diese Wiesen gemäht haben, die ihren Hof umgeben. Wären die beiden wirklich die Letzten, sie würden die Flächen verpachten. Den Hof aber, den wollen sie behalten. Verkaufen kommt nicht infrage. Dort, wo sie ihr ganzes Leben verbracht haben, da wollen sie auch im Alter bleiben. Wenn schon nicht den landwirtschaftlichen Betrieb, dann wird eine der Töchter doch das Wohnhaus mit Garten und Kapelle übernehmen - es ist die eigentliche Wette der Haggenmüllers auf die Zukunft.

Das Ehepaar hätte investieren können. Doch sie fügten sich ihrem Schicksal

Die Kapelle baute ein Urahn der Familie zum Dank dafür, dass er den Bauernkrieg von 1525 überlebte. Das kleine Gotteshaus mit dem Glockentürmchen gehört zum Hof wie das Vieh im Stall. Doch die Kapelle wird bleiben. Die Kühe werden irgendwann abgeholt werden, wenn der Betrieb schließt. Die Logik der Marktwirtschaft fordert Wachstum. Doch größer wollte der Landwirt nie werden. Zur Hof-Übernahme vor 30 Jahren baute er den Stall aus. Seitdem stehen darin 35 Milchkühe, Allgäuer Braunvieh. Wenn die Tiere auf die Weide sollen, stehen die Haggenmüllers mit Fähnchen auf der Straße, fürsorglich wie Schülerlotsen.

Das Ehepaar hätte in einen größeren Laufstall und einen Melkroboter investieren können, um mehr als 700 Liter Milch täglich zu erzeugen. Doch sie haben das Dilemma durchschaut. Noch mehr Milch auf dem Markt triebe den Preis auch nicht nach oben. Also werden sie sich dem Schicksal der Region fügen. Aus Altersgründen, aus wirtschaftlicher Sicht.

Vielleicht klappt es in Rente dann auch öfter mit dem Urlaub. Nach ihrer Hochzeitsreise 1987 nach Österreich haben Wilhelm und Karola Haggenmüller 22 Jahre keinen Urlaub gemacht. Würde aber eine der Töchter den Hof weiterführen - Wilhelm Haggenmüller stünde am Ende doch wieder um halb sieben Uhr morgens mit im Stall.

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