Milchpreis Der Weg aus der Milchkrise - zwölf Thesen für eine bessere Landwirtschaft

Regine Zach hat einen Hof am Staffelsee. Ihre Kühe dürfen auf die Weide. Viele Bauern leiden unter den niedrigen Milchpreisen.

(Foto: Alessandra Schellnegger)
  • Beim Discounter gibt es den Liter Milch bereits für 46 Cent. Für Limonade zahlt der Verbraucher erheblich mehr.
  • Viele Landwirte sind durch den Preisverfall vom Ruin bedroht. Die Politik verspricht zwar finanzielle Hilfe, doch diese allein wird nichts nützen. Was sich nun ändern muss.
Von Silvia Liebrich

Für viele Menschen ist sie unverzichtbar, trotzdem ist sie kaum noch etwas wert. Beim Discounter gibt es den Liter Milch bereits für 46 Cent, doch bei den Bauern kommt davon nicht einmal die Hälfte an. Für Limonade und andere Getränke, und seien sie noch so ungesund, zahlt der Verbraucher klaglos mehr. Viele Landwirte sind durch den Preisverfall Milch vom Ruin bedroht. Die Politik verspricht zwar finanzielle Hilfe, doch diese allein wird nichts nützen. Das eigentliche Problem lässt sich damit nicht lösen: Es wird zu viel gemolken. Die Hoffnung der Erzeuger, dass sie nach dem Wegfall der Milchquote mehr auf dem Weltmarkt absetzen können, hat sich nicht erfüllt. Es fehlen die Abnehmer. Daran wird sich vermutlich so schnell auch nichts ändern.

Die Milchwirtschaft braucht echte Reformen. Denn es muss etwas grundsätzlich falsch laufen, wenn Erzeuger so effizient produzieren wie noch nie, aber trotzdem nichts verdienen. Im folgenden machen wir zwölf Vorschläge für eine moderne, zukunftsfähige Milchwirtschaft. Diese soll Erzeugern nicht nur ein gutes Auskommen sichern, sondern auch Tier, Mensch und Umwelt gerecht werden - ein Anspruch, der berechtigt ist. Denn Milch ist nicht nur ein Konsumprodukt unter vielen, sondern eben auch ein wichtiges Kulturgut.

1. Rettet Kultur und Vielfalt!

Bei Milch geht es nicht nur um nackte Zahlen. Man stelle sich nur ein Szenario vor, in dem allein dem Markt überlassen bleibt, wer überlebt und wer nicht. Das könnte so aussehen: Ein Großteil der Milchbauern würde aufgeben, übrig bleiben hochmechanisierte Großställe, in denen Kühe wie an den Fließbändern der Autoindustrie abgefertigt werden. Weil sie keine Perspektiven in ihren Dörfern finden, wandern viele Familien in die Ballungsräume ab. Städter, die ihren Kindern Kühe zeigen wollen, müssen in den Zoo gehen. Auch die Landschaft verändert sich dramatisch. Wo heute abwechslungsreiche Gebiete mit Feldern, Weiden und Grünland zu sehen sind, wächst großflächig Getreide oder Mais. Eine solche Zukunft wünschen sich die wenigsten. Deshalb lohnt es sich, für die Bauern und eine vielfältige Kulturlandschaft zu kämpfen.

Fest steht auch, dass sich die Probleme der Landwirte nicht allein über den Milchpreis lösen lassen. Jeder Erzeuger bekommt Subventionen, die von den Steuerzahlern finanziert werden. Sie machen im Schnitt knapp die Hälfte der Einkünfte eines Betriebes aus. Doch bisher werden diese Mittel vor allem nach dem Gießkannenprinzip verteilt, ganz egal, wie gut oder schlecht gewirtschaftet wird. Das muss sich ändern. Wer artgerecht und umweltfreundlich wirtschaftet, muss belohnt, wer gegen Regeln verstößt, konsequent in die Pflicht genommen werden.

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2. Hilfe nur gegen Leistung

32,6 Millionen Tonnen haben deutsche Bauern im vergangenen Jahr nach Angaben des Milchindustrieverbandes an die Molkereien geliefert. Experten sind sich einig, die Menge muss runter, damit sich der Preis wieder erholen kann - um wie viel, da sind sie sich weniger einig, die Schätzungen reichen von drei bis fünfzehn Prozent. Eine Rückkehr zum alten Milchquotensystem, das jedem EU-Land ein bestimmtes Kontingent zubillig, ist keine Lösung. Auch unter diesem Regime kam es immer wieder zu Krisen wie im Jahr 2008. Fest steht aber auch, dass viele Bauern Hilfe brauchen. Doch die muss an konkrete Leistungen gekoppelt sein. Langfristige Ziele einer Reform müssen auf mehr Umwelt- und Tierschutz abzielen und zugleich auf eine bessere Mengensteuerung. Gelingen kann dies mit finanziellen Anreizen einerseits und strengen Auflagen andererseits.

3. Mehr Eigeninitiative

Milchbauern sind es gewohnt, nach dem Staat zu rufen, wenn sie in Not geraten - ein über Jahrzehnte einstudiertes Ritual. Dabei können sie selbst mehr zur Lösung ihrer Probleme beitragen, als so mancher glaubt: Denn wer gute Argumente liefert, bekommt auch mehr für seine Milch. Trotzdem suchen die meisten ihr Heil nach wie vor in einer steigenden Produktion, Qualität ist dagegen ein Instrument, das viele Landwirte kaum für sich nutzen. Rein finanziell macht es für sie deshalb so gut wie keinen Unterschied, ob sie wertvolle Weidemilch liefern oder Massenware aus der Stallhaltung. Dabei ist sogenannte Weidemilch im Supermarkt deutlich teurer als normale. Bauern haben es in der Hand, dass von diesem Aufschlag mehr bei ihnen ankommt. Viele Molkereien sind Genossenschaftsbetriebe, die Landwirte sind also Teilhaber und haben Mitspracherechte, die sie stärker einfordern müssen. Die hohen Preise für Biomilch zeigen, dass Konsumenten durchaus bereit sind, mehr zu zahlen, wenn die Qualität klar definiert ist.

SZ-Grafik: Mainka

(Foto: )

4. Die Mär von der Almkuh

Glaubt man der Werbung, dann grasen Kühe glücklich auf satten Almwiesen. Doch die Zahlen strafen solche Bilder Lügen. Gerade einmal 4200 Milchkühe von 4,5 Millione Tieren hierzulande verbringen den Sommer auf einer Bergalm, wie das bayerische Landwirtschaftsministerium bestätigt. Die Weidehaltung geht ebenfalls seit Jahren zurück. Viele Tiere verbringen ihr Leben in luftigen Laufställen, das Futter kommt aus dem Trog und bis zum Melkstand ist es nicht weit.

Schlecht gehen muss es ihnen dabei nicht. Trotzdem ist es wichtig, Verbraucher ehrlich ins Bild zu setzen und verlässliche Qualitätskriterien zu schaffen. Wenn Verbraucher "Weidemilch" auf der Verpackung lesen, müssen sie sich darauf verlassen, dass dies auch stimmt, kontrollieren können sie es nicht. Hier ist der Gesetzgeber gefragt, eine transparente Kennzeichnung durchzusetzen. Momentan erfährt der Käufer nur, wo die Milch abgepackt wurde, nicht wo und wie sie erzeugt wurde. Qualitätsbegriffe müssen prüfbar sein.