Soziale Normen:Zu Besuch bei einer Berührerin

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Wie weit dieses Bedürfnis reicht, sieht man an Milka Reich. Die 54-Jährige ist professionelle Berührerin, sie lebt davon, dass sie Menschen streichelt, massiert, in den Arm nimmt und mit ihnen kuschelt. Die gebürtige Mittelfränkin tastet sich auf der Haut ihrer Klienten voran, um zu erfahren, was diese wirklich berührt. Für die Antwort reisen manche von weit her zu ihrem Studio in Berlin-Kreuzberg. Wenn sie es sich leisten können - zwei Stunden kosten 200 Euro. "Zu mir kommen Senioren und Junge, Alleinstehende und Gebundene, Männer und Frauen", erzählt Reich. "Ein Ehemann, eine Schwangere, ein religiöser Fanatiker, ein Typ aus dem Knast, die Dame, die ihren dicken Pulli immer anlässt. Und der junge Mann mit der spastischen Lähmung."

Er gehört zu jener Gruppe, deren Bedürfnisse von der Gesellschaft gerne tabuisiert werden. Die keine Kuschelpartys besuchen können, weil sie körperlich oder geistig eingeschränkt sind. Oder die sich Streicheleinheiten weder organisieren noch erkaufen können, weil sie in geschlossenen Anstalten sitzen. Genau wie die Alten in Seniorenresidenzen oder Pflegeheimen, deren Bedürfnisse mitunter vernachlässigt werden.

Lieber keine Berührung als eine falsche

Die Göttinger Autorin Elisabeth von Thadden hat ein Buch geschrieben über "Die berührungslose Gesellschaft", darin erzählt sie von dieser vermeintlichen Selbstverständlichkeit, an der viele im Alltag scheitern. "Jeder trägt den Zwiespalt, Nähe zu brauchen und doch vor unfreiwilliger Nähe geschützt sein zu wollen, am eigenen Leibe aus", beschreibt die Autorin das Dilemma. Nicht nur sich zu öffnen, mache demnach verwundbar. Auch auf andere zuzugehen, erscheine riskant. Bevor man also andere mit einer Berührung vor den Kopf stößt, verzichtet man lieber. Und nimmt die junge Kollegin, die gerade einen Trauerfall beklagt, besser nicht in den Arm.

"Es herrscht eine große Unsicherheit", bestätigt Tobias Frank, Vorsitzender des Vereins Netzwerk Berührung. "Weil wir permanent versuchen, unseren eigenen Raum zu wahren." In Workshops und Seminaren über die Kunst der Berührung versucht der ausgebildete Yogalehrer, diese Zweifel zu klären: "Um Berührung als angenehm zu empfinden, braucht es drei Voraussetzungen - einen sicheren Raum, Freiwilligkeit und Achtsamkeit."

Frank sagt, wer in Kontakt mit seinem Körper stehe, sei sensibler für eigene Bedürfnisse und die der anderen. Das erleichtere es, eine Berührung zu interpretieren und sich gegebenenfalls abzugrenzen. Aber auch, sich in andere einzufühlen und entsprechend zurückzunehmen. "In unserem Kulturkreis nehmen viele den Körper jedoch erst wahr, wenn er krank ist", sagt er. Eine Erkenntnis, die vorwiegend Männer betreffe. Das mache es schwer, anderen eine Berührung zu schenken, die sie als angenehm empfinden.

Womöglich werden Menschen wie Milka Reich, die professionelle Berührerin, in Zukunft von zentraler Bedeutung für eine Gesellschaft, die den Umgang mit Körperkontakt gerade neu lernt. In letzter Zeit hat sie immer wieder Klienten, die es nicht ertragen, berührt zu werden, es aber doch erfahren möchten. Die Frage, ob es ein Recht auf Berührung gibt, stellt sich für Milka Reich nicht: Sie sei eine Grundform der Existenz. "Der Tastsinn ist der erste und der letzte Sinn, der im Leben eines Menschen funktioniert", sagt Reich. "Selbst wenn er nichts mehr sieht, nicht mehr hören und schmecken kann: Eine Berührung nimmt er bis zuletzt wahr."

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