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Verhältnis zu Israel:Wie es die Linke mit dem Antisemitismus hält

Die Linke und der Antifaschismus: Die Debatte kennt man bereits aus Teilen der 68er-Bewegung. Ulrike Meinhof verglich Stammheim mit Auschwitz und rechtfertigte zugleich das Massaker an den jüdischen Athleten 1972. Die Söhne der Nazis sprachen sich selbst frei von jeder Schuld, und wer "Israel im Geiste" hatte, durfte reale Juden getrost beschimpfen.

Antifaschismus und Hass auf Israel: Dass sich das verträgt, dass es sich schon in der DDR gut vertrug, musste sich nicht nur die Partei Die Linke vor kurzem in dieser Zeitung von Dieter Graumann sagen lassen. Das vom Präsidenten des Zentralrats der Juden benannte Muster ist auch aus Teilen der westlichen Achtundsechziger-Bewegung schon länger bekannt.

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Daniel Cohn-Bendit: "Ich habe, ich gebe es zu, die Nase voll. Ich weiß nicht, warum alle dieses Achtundsechziger-Bashing betreiben."

(Foto: dpa)

"Jüdische Stimmen im Diskurs der sechziger Jahre" wollte in dieser Woche eine schon lange geplante Tagung auf dem oberbayerischen Schloss Elmau befragen. In der Konfrontation von Zeitzeugen und Historikern wurde aus der Konferenz, an der unter anderem Jürgen Habermas und Daniel Cohn-Bendit teilnahmen, schnell die Debatte über die Gretchenfrage: Wie hält es die Linke mit dem Antisemitismus?

Dabei scheinen die Dinge zunächst einfach: In einem korrumpierten Deutschland, in der "verunsicherten und kleinlaut gewordenen Universität" der Nachkriegszeit - so berichtete Jürgen Habermas auf der Konferenz, die vom Judaistik-Lehrstuhl der Münchner Universität zusammen mit dem Institute of European Studies der University of California in Berkeley organisiert wurde - seien gerade die Remigrierten unersetzliche Lehrer geworden.

Theodor W. Adorno, Max Horkheimer, Herbert Marcuse natürlich, aber auch Helmuth Plessner, Karl Löwith oder Ernst Bloch: "Wer, wenn nicht sie?" Indem sie gegenüber den auch während der NS-Zeit lehrenden Professoren wie Arnold Gehlen und Helmut Schelsky die "Relevanzstruktur" wieder hin zur Aufklärung verschoben hätten - "Der geistige Gegensatz war auch politisch, wie sollte es anders sein?"-, hätten jene für eine vaterlose Generation den besseren Strang der Tradition verkörpert. "Nach meinem Eindruck", so Habermas, "verdankt die politische Kultur der alten Bundesrepublik ihre zögerlichen Fortschritte in der Zivilisierung ihrer Einstellungsmuster zu einem, sogar zu einem ausschlaggebenden Teil jüdischen Emigranten."

Radikal enthusiastische Aufklärung

Das Band scheint in der Tat unzertrennlich; Adorno schrieb bald nach der Remigration an Thomas Mann: "Manchmal ist mir zumute, als wären die Geister der ermordeten Juden in die deutschen Intellektuellen gefahren." Doch sollte gerade Adorno bekanntlich größte Probleme mit der Studentenbewegung haben.

Die merkwürdige Spaltung der Linken entsteht, so beschrieb es Christoph Schmidt (Jerusalem) in Elmau, als "Supersession": "Wir haben diskutiert, als ob wir Juden waren", habe Joschka Fischer ja einmal gesagt. Eben indem die akademisch Vaterlosen, so Schmidt, die Juden als geistige Väter für ihre eigenen biologischen eingesetzt hätten, hätten sie die "Juden im Geiste", also über eine Opferidentifikation im Grunde sich selbst, anstelle der realen gesetzt.

Gleichzeitig wurde vermittels der Lektüre von Walter Benjamin und Ernst Bloch aus dem theologisch messianischen Impuls der säkular messianische einer radikal enthusiastischen Aufklärung, wie sie gerade Adorno immer bekämpft habe.

"Echte Juden" waren damit nur noch die imaginierten revolutionären beziehungsweise die Revolutionäre selbst. "Falsche Juden" wurden oder blieben die Kapitalisten im Bund mit den USA, vor allem aber die Zionisten. Diese hatten ja den Internationalismus "durch einen Rückfall in den Nationalismus" verleugnet.

Im Sechstagekrieg wurde Israel zum Feind; dass die Springer-Presse israelfreundlich war, war ein Indiz. Ulrike Meinhof verglich Stammheim mit Auschwitz und rechtfertigte zugleich das Massaker an den jüdischen Athleten bei den Olympischen Spielen. Der Bombe, die 1969 im Jüdischen Gemeindehaus Berlin gefunden wurde, lag ein Bekennerschreiben gegen "Schalom und Napalm" bei.

"Transnationaler Allianzversuch"

Die Söhne, so Christoph Schmidt, sprachen sich gegen die Väter selbst frei von jeder Schuld; wer "Israel im Geiste" hatte, durfte reale Juden getrost beschimpfen. In dieser urgnostischen Haltung will Schmidt auch die verblüffende Brücke erkennen zu ehemals linken Rechtsradikalen wie Horst Mahler und Günther Maschke, aber auch zu Giorgio Agamben, wenn dieser gleich ganz Europa zu einem Konzentrationslager erkläre.

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Jürgen Habermas: "Nach meinem Eindruck verdankt die politische Kultur der alten Bundesrepublik ihre zögerlichen Fortschritte in der Zivilisierung ihrer Einstellungsmuster zu einem, sogar zu einem ausschlaggebenden Teil jüdischen Emigranten."

(Foto: ddp)

Als Philosophen, sagte Habermas, fasziniere ihn Schmidts These. Doch als Zeitzeuge müsse er differenzieren: Wenn Max Horkheimer eingeklagt habe, dass die Deutschen sich um sich kümmern sollten, weil Amerika sie schließlich befreit habe, sei das "auch ein Generationenkonflikt" gewesen.

Horkheimer habe sich im Gegensatz zu seiner öffentlichen Loyalität in privaten Notizen ebenso von den USA distanziert. "Ich war politisch seinerzeit gegen Horkheimer und habe das nachträglich sehr bedauert." Im Frankfurter SDS hätten vor der Radikalisierung, vor Dutschke "die arriviertesten und brillantesten Soziologen" gesessen. Und der öffentlich auf Seiten der Studenten stehende Marcuse, erzählte Habermas in Elmau, habe auf einem Protestmarsch gegen den Vietnamkrieg einmal plötzlich zu ihm sagt: "Das ist sehr schwer für mich. Schließlich haben die USA mich gerettet."

Auch in den USA, stimmte Max Paul Friedman (Washington) zu, hätten Studenten ihre Universitätsrektoren als "Gauleiter" beschimpft; auch in Paris habe man nach der Ausweisung Daniel Cohn-Bendits gerufen: "Wir sind alle deutsche Juden." Zeitgeschichtlich lasse sich das nicht als Verharmlosung lesen: "Es war eher ein transnationaler Allianzversuch, wie er eben vor 1939 gefehlt hatte." Mit Marcuse und Erich Fried hätten auch jüdische Gelehrte in Deutschland den Vietnamkrieg mit dem Nazi-Regime verglichen.

Für Jerry Muller (Washington) haben solche Verharmlosungen durchaus System: Indem sie den Nationalsozialismus in der Theoriebildung zum "Faschismus" generalisiert habe, habe die Linke nie nach seinen konkreten Umständen fragen müssen. Die Achtundsechziger, verschärfte Awi Blumenfeld (Tel Aviv/München), hätten "keinerlei intellektuellen Ernst" und auch "kein wirkliches Interesse" am Nationalsozialismus gehabt.

Blick auf 1933 statt auf den Holocaust

"Ja", räumte Daniel Cohn-Bendit ein, "man hat es abstrakt politisch formuliert und war damit eben auf der richtigen Seite." Die Auseinandersetzung mit dem NS aber habe stattgefunden: zu Hause nämlich, im Umgang mit den Eltern, den Großeltern. Auch Cohn-Bendit hält es heute für "banal und dumm", dass er einst den französischen Minister François Missoffe mit "Heil Hitler" grüßte. Auch "dass Teile der Studentenbewegung die Auseinandersetzung mit Israel instrumentalisieren konnten für einen real existierenden Antisemitismus", bestreitet er nicht. Aber auf den Straßen rief die Rechte auch: "Cohn-Bendit nach Dachau!".

Man dürfe nicht vergessen, sprang ihm der Historiker Norbert Frei (Jena) bei, dass eine Begrifflichkeit für den Holocaust erst Jahrzehnte nach Kriegsende zur Verfügung gestanden habe. Dan Diner (Jerusalem/Leipzig) fügte hinzu: Durch die Dominanz der sozialen Diskurse in der frühen Bundesrepublik sei Auschwitz nicht als "epistemische Krise" deutlich geworden. "Wen die Apokalypse ständig begleitet, der kann schlecht an den Genozid denken."

Man habe sich anfangs vor den Bildern, vor der Dimension gedrückt, rechtfertigt Cohn-Bendit, daher sei der Blick paradigmatisch nur auf 1933 statt auch auf den Holocaust gerichtet gewesen. "Sich davor zu schützen hat - mein Gott - auch etwas Menschliches."

Dem Sohn emigrierter jüdischer Eltern nimmt man solche Aussagen nicht übel, zumal er sehr amüsant über '68 zu plaudern vermag. Doch die Wendungen, auf die Cohn-Bendit in Elmau verfiel, waren die altbekannten Steilvorlagen eben auch jener, die es anders meinten: Wie lange denn etwa die Kommunisten verdrängt hätten, was in den Gulags los war? Und schließlich und endlich: "Es ist verdammt schwer für Deutsche, ein Verhältnis zum Judentum und Israel zu haben."

Vielleicht lehnt sich Cohn-Bendit hier auch deshalb diesmal so rotzig aus dem Fenster, weil er, wie er ankündigt, hiermit das letzte Mal über Achtundsechzig gesprochen haben will: "Ich habe, ich gebe es zu, die Nase voll. Ich weiß nicht, warum alle dieses Achtundsechziger-Bashing betreiben."