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US-Wahl:König Lear, von Stephen Greenblatt

Ich lebe in Massachusetts, dem Staat, in dem Hillary Clinton wohl die größte Mehrheit im ganzen Land errungen hat. Ich lebe, atme in einer Welt aus gebildeten, wohlhabenden, progressiven Menschen, genau jener Klasse also, die den Sirenengesängen des Rassismus und des Ressentiments am ehesten widersteht. Meine Nachrichten beziehe ich aus der New York Times, der Washington Post, dem Guardian, und Vice News, und dann mache ich noch gelegentliche Ausflüge in die SZ, die FAZ, Haaretz, Le Monde und La Repubblica.

Ich lebe also in einer Blase, fast vollständig abgeschottet von den Emotionen der amerikanischen Wähler - nicht der Mehrheit, muss man feststellen, aber etwa der Hälfte -, die einen ignoranten, pöbelnden, lauten, demagogischen Immobilen-Investor und TV-Moderator als ihren Anführer wollten. In seinem Elend und seiner Verzweiflung lamentiert Shakespeares König Lear, als er begreift, dass er jeden Bezug zu seinem Volk verloren hat: "O daran dachte ich zu wenig sonst!" Heute morgen fühle ich ganz ähnlich; der Vorwurf richtet sich nicht gegen meine tragisch irregeleiteten Landsleute, sondern gegen mich selbst.

Stephen Greenblatt, 74, ist Literaturwissenschaftler und lehrt in Harvard.