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USA:Willy Vlautin - Stimme der geknechteten Amerikaner

Willy Vlautin

Willy Vlautin ist so schüchtern, dass er eine Art Anti-Charisma ausstrahlt

(Foto: Decor Records)

In seinen Songs und Romanen erzählt er vom vergessenen Amerika. Von Menschen, die nicht wählen, nicht mehr träumen - ja, die nicht einmal mehr die Kraft haben für echte Wut.

Es gibt in Willy Vlautins Gesamtwerk, das derzeit aus vier Romanen und einem guten Dutzend Platten seiner Bands Richmond Fontaine und The Delines besteht, immer wieder Momente absoluter Zufriedenheit. In dem Song "Contrails" von Richmond Fontaine zum Beispiel stellt er sich vor, wie seine frühere Freundin in einem Gartenstuhl liegt und dabei zusieht, wie sich Kondensstreifen in Sommerluft auflösen.

Es ist ein sehr kleines Glück, das er da beschreibt. Acht Takte dauert es. Dann kehrt die Wirklichkeit zurück in den Song, und man erfährt, dass er es eigentlich nur mit Whisky und Tabletten aushält, sich an die verlorene Liebe zu erinnern. Die vielleicht gar nicht im Gartenstuhl liegt, sondern genauso wie er in einem freudlosen Apartment sitzt und sich an einem Bier festhält. Das ist finster. Kurz vor seinem Konzert in Amsterdam sagt er dazu nur: "Ich habe eben ein finsteres Herz."

Willy Vlautin gehört in Amerika schon seit einiger Zeit zu den großen Geschichtenerzählern. Jetzt im Wahljahr ist er der Mann, von dem man etwas über das Amerika erfahren kann, das gerade nicht in den Schlagzeilen vorkommt. In seinen Songs und Romanen tauchen weder Donald Trumps Herzland-Wutbürger auf, noch Hillary Clintons Bildungs- und Finanzeliten oder Bernie Sanders' politisch aufgeklärte Jugend aus den küstennahen Ballungsräumen.

Es geht bei ihm um die knapp fünfzig Prozent der sprichwörtlichen Müden, Armen und geknechteten Massen, die es alle vier Jahre wieder nicht schaffen, zur Wahl zu gehen. Weil sie die Kraft nicht aufbringen, sich in eine der Wählerlisten einzutragen, oder weil sie keinen ständigen Wohnsitz haben, der sie dazu berechtigt, oder weil sie keine Zeit haben, sich mit den Versprechungen und Drohungen der Kandidaten auseinanderzusetzen, weil ihre kleinen, tristen Lebensläufe, die ansonsten keinen Menschen interessieren, so unfassbar anstrengend sind.

Er schreibt jene Musik, die man etwas ungenau oft "Americana" nennt

Man kann sich nicht darüber streiten, ob es sich dabei um das eigentlich wahre Amerika handelt, weil es kein eigentlich wahres Amerika gibt. Mit Sicherheit sind die archetypischen Figuren aus Willy Vlautins Welt aber ein sehr großer Teil der Wahrheit. Seine Songs tragen übersetzt Titel wie "Irgendwie arbeite ich jetzt als Anstreicher in Phoenix", "Wir fanden immer, dass die Autobahn wie ein Fluss klingt" oder, wie das neue Richmond-Fontaine-Album, "Du kannst nicht zurück nach Hause, wenn es kein zu Hause mehr gibt".

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Da tauchen all die Figuren auf, die auch seine Romane wie "Motel Life", "Lean On Pete" und "Die Freien" bevölkern, die Gelegenheitsjobber, Imbiss-Kellnerinnen, Krankenschwestern, Veteranen, arbeitslosen Cowboys. Und immer wieder Trinker, die sich gegen Morgengrauen aus Kneipen schleppen, die man nur romantisch findet, wenn man am nächsten Tag in einem sauberen Bett ausschlafen kann und dann ein Frühstück bekommt.

Diese Figuren stellen so einiges infrage. Der Dichter und Musiker Gil Scott-Heron hat das zu Beginn der Amtszeit von Ronald Reagan in seinem Text "B Movie" mal vorgerechnet: "Wir sind offensichtlich fest davon überzeugt, dass 26 Prozent der eingetragenen Wähler schon ein Mandat bedeuten. Und das sind ja nicht einmal 26 Prozent aller Amerikaner."

Gil Scott-Heron ist überhaupt ein ganz guter Vergleich für Willy Vlautin, auch wenn sie sich auf den ersten Blick gewaltig unterscheiden. Scott-Heron stammt aus Chicago, arbeitete in New York und sprach seine Gedichte zu Jazz und Soulmusik. Willy Vlautin stammt aus Reno, der schäbigen Kasino-Stadt im Nordwesten Nevadas, lebte schon in Portland, Oregon, als das noch nicht die Hipster-Hochburg der Nation war, und schreibt jene Musik, die man mangels genauer Zuschreibungen "Americana" nennt, weil sie irgendwo zwischen Country, Blues und Rockmusik einen Mittelweg durch das amerikanische Kulturerbe sucht. Wobei das Etikett gerade bei Willy Vlautin in die Irre führen kann, weil Americana zu einer Sehnsuchtsmusik geworden ist, bei der man in den melancholischen Harmonien der Pedal-Steel-Gitarren und Gospelorgeln Träume von amerikanischen Landschaften und Freiheitsgefühlen finden kann.

Bei Willy Vlautin bekommt sogar das Firmament über der Prärie etwas Klaustrophobisches.

Er selbst käme sicherlich nicht auf die Idee, sich mit Gil Scott-Heron zu vergleichen. Der packte in seine Gedichte die Wut der Schwarzen auf das Jammertal, in das sie Amerika verbannt hatte. Willy Vlautin konstruiert seine Songs und Bücher um eine Melancholie und Resignation, die man sonst höchstens noch im ganz frühen Country und Folk findet.

Wo Armut eine ziemlich brutale Integrationsmaschine ist

Hautfarbe spielt in seinen Geschichten schon keine Rolle mehr. Seine Figuren sind Weiße, Schwarze, Mexikaner, die an den Verwerfungslinien zwischen dem Süd- und Nordwesten des Landes leben. Dort ist Armut eine ziemlich brutale Integrationsmaschine. Und doch stehen beide für die Kunst, Songs zu verfassen, in denen Text und Musik gleich heftig ein Lebensgefühl, an dem man als Normalbürger verzweifeln würde, auf den Punkt bringen. Das können ja einige in Amerika ganz gut, aber diese beiden eben ganz besonders, weil es selbst in den USA nicht so viele gibt, die als Literat und Musiker die gleiche Tiefe entwickeln.

Willy Vlautin selbst würde sich wie jeder vernünftige Mensch sowieso mit niemandem vergleichen. Der Mann ist außerdem so schüchtern, dass er eine Art Anti-Charisma ausstrahlt. Bei der Verabredung am Tresen vor dem Richmond-Fontaine-Konzert in Amsterdam übersieht man ihn fast zwischen den etwas älteren Flanellhemdenträgern. Vlautin steht irgendwo zwischen ihnen (dunkelgraues Westernhemd, Holzfällerstiefel, Jeans, die schon einen guten Teil der Tour hinter sich haben), winkt, zeigt einem den Weg hinter die Bühne. Die Musiker, mit denen er schon so lange spielt, tun dort das, was alle Musiker vor Konzerten tun. Sie warten im Vakuum zwischen Langeweile, Lampenfieber und An-Instrumenten-Herumfingern in einem fensterlosen Raum mit alten Polstermöbeln und einem Kühlschrank.