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"Greyhound" auf AppleTV+:Onkel Toms Kutter

Tom Hanks hat sich diese Figur, Commander Ernest Krause, höchstselbst als Autor auf den Leib geschrieben.

(Foto: Verleih)

Drehbuchautor und Hauptdarsteller Tom Hanks ruft, fröstelt und befiehlt viel als Commander Ernest Krause in "Greyhound". Manche Szenen könnten auch glatt aus dem Leben eines Filmstars sein. Zufall?

Von Tobias Kniebe

Bevor Wasserbomben detonieren und Torpedos durch die Wellen zischen, muss kurz geklärt werden, wer der Mann ist. Das passiert hier auf die denkbar direkteste Art: Man sieht ihn beim Gebet in seiner Kajüte, dann folgt eine Rückblende. Seltsam formal, sie spielt in einer Hotellobby, mit einer wehmütig lächelnden Frau tauscht er Weihnachtsgeschenke aus. Man erfährt, dass der Mann in den Krieg ziehen wird, zusammen mit den USA, seinem Land, und dass er die Frau gern heiraten würde. Die Frau aber sagt, dass sie lieber warten möchte. Weil beide mindestens auf die fünfzig zugehen, hat das Ganze einen entsagungsvollen Touch.

Tom Hanks hat sich diese Figur, Commander Ernest Krause, höchstselbst als Autor auf den Leib geschrieben. Es muss also eine lang gehegte Wunschrolle sein, und der Film "Greyhound" ein Wunschprojekt. Krause, das will Hanks mit diesem Beginn wohl sagen, hat zwar schon Jahrzehnte in der Navy gedient, er ist aber eine Art Jungfrau. Als fromme und romantische Seele kam er im Leben noch nicht richtig zum Zug, und erst jetzt, wo jeder Offizier gebraucht wird, darf er als Kapitän ein eigenes Schiff kommandieren. Kriegserfahrung hat er keine. Ein seltsamer Held. Aber vielleicht die Art Held, die man noch erzählen kann.

Dieses Grundgefühl, als Krieger zu alt und vielleicht auch gar nicht fähig zu sein, hat Hanks in der Hauptfigur des Romans "The Good Shepherd" von C. S. Forester gefunden. Forester ist mit seinen "Hornblower"-Geschichten so etwas wie der Vater der literarischen Seeschlacht, da geht es aber um Segelschiffe. Hier wendet er seine nautische Expertise auf den Seekrieg im Atlantik Anfang 1942 an, als deutsche U-Boote in Rudeln auf alliierte Geleitzüge lauerten, um möglichst viel Tonnage zu versenken, und die Mittel zu ihrer Abwehr noch nicht ausgereift waren.

All die Peilungsziffern klingen für Menschen ohne Marineausbildung wie Fachsprache ohne Untertitel

Krause hat den Auftrag bekommen, mit seinem Zerstörer, Codename "Greyhound", einen Geleitzug mit mehr als dreißig Handelsschiffen voll kriegswichtiger Güter zu kommandieren - und zu beschützen. In seiner religiösen Welt soll er also ein "guter Hirte" sein. Dabei sind ihm britische, kanadische und polnische Kapitäne unterstellt, die jünger sind als er und viel mehr Erfahrung haben. Ein Film also über die Last der Verantwortung, die Bürde der Autorität und das Ringen darum, sich einer Aufgabe als würdig zu erweisen. Für solche Zwecke kann Tom Hanks sehr ernst schauen, beinahe magenkrank.

Das erste deutsche U-Boot lässt dann auch nicht lange auf sich warten, und jetzt wird klar, woraus der Film im Wesentlichen besteht: aus Rufen und Funksprüchen, Peilungsziffern und Entfernungsangaben sowie Befehlen, das Schiff mal hart nach links oder nach rechts zu steuern, zu feuern oder nicht zu feuern - alles Entscheidungen, die ein Kapitän in solchen Lagen eben treffen muss. Erklärungen gibt es nicht, wie auch, mitten im Gefecht. Man kann nur erahnen, was so ein U-Boot unter Wasser für Manöver fährt, während der Mann am Sonar es zu orten versucht, und welche Taktiken ein Kapitän beherrschen muss, um ihm den Weg abzuschneiden und es mit Wasserbomben anzugreifen.

Für Menschen ohne Marineausbildung wird das wie eine Fachsprache ohne Untertitel klingen, durchbrochen nur von gelegentlichem Klartext, etwa wenn sich dunkles Öl auf der Wasseroberfläche ausbreitet und Krause sich zum ersten Mal als fähig erwiesen hat: "Glückwunsch Sir, Sie haben ihn erwischt." In dieser Konsequenz ist der Film aber auch bewundernswert - er mutet seinen Zuschauern eine komplexe Welt mit eigenen Regeln zu, er will Techniken der Seekriegsführung seine Reverenz erweisen, für die es kaum noch lebende Zeugen gibt. Steht der Erzähler Tom Hanks also in der großen amerikanischen Tradition der Realisten, die den "Professional" feiern, den Protagonisten, der sein Metier beherrscht?

Es scheint so, und genauso schnörkellos inszeniert auch sein Regisseur Aaron Schneider, großteils an Bord der echten USS Kidd, die heute ein Museumsschiff ist und sich noch im Zustand des Zweiten Weltkriegs befindet. In dieses hochplausible Szenario, in dem nun auch eigene Schiffe sinken und harte Rückschläge zu verzeichnen sind, bricht aber plötzlich etwas Fremdes ein. Aus dem Lautsprecher auf der Kommandobrücke ist eine drohende Stimme mit deutschem Akzent zu hören: "Greyhound, Greyhound", ruft sie, "hier ist der Graue Wolf... Wir sehen, wie deine Schiffe in die Tiefe sinken, wir hören die Todesschreie deiner Kameraden... Aber der Graue Wolf ist noch sehr, sehr hungrig." Am Schluss bricht die Stimme in eine Art Wolfsgeheul aus, verzerrt über den Äther.

Wie hier die Archaik ein sonst sehr technisches Ringen um Leben und Tod entert, das hat etwas Surreal-Geträumtes. Man fragt sich, ob das alles nur im Kopf des Kapitäns stattfindet, aber nein, die anderen Offiziere starren auch auf den Lautsprecher, es soll also real sein. Und so überlegt man, ob es das wohl gegeben hat - dass deutsche U-Boote sich auf alliierte Funkfrequenzen schalteten und psychologische Kriegsführung betrieben, indem sie wilde Drohungen ausstießen. Solche Filmfragen gibt es ja, die einem als Betrachter dann keine Ruhe mehr lassen und geklärt werden müssen.

Psychokrieg per Funk? Ein Zeitzeuge solche Geschichten ins Reich der Fantasie

Anfrage also beim Deutschen U-Boot-Museum in Cuxhaven, das über Aufzeichnungen aus fast allen deutschen U-Booten des Zweiten Weltkriegs verfügt. Dort hat man von einem solchen Vorfall noch nie etwas gehört. Und wenn man es noch genauer wissen will, landet man bei Martin Beisheim, einem der letzten Zeitzeugen, der U-Bootfunker im Zweiten Weltkrieg war, erst auf U67 und dann auf U578. Er hat an den Geleitzugkämpfen im Atlantik teilgenommen und auch darüber geschrieben, jetzt lebt er 99-jährig in einem Altenheim in Hannover, geht aber sofort ans Telefon - und verweist die Szene ins Reich der Fantasie. "Abgehört haben wir die englischen Funkfrequenzen schon", sagt er, "das ist klar. Aber wir hatten nie Geräte an Bord, mit denen wir uns in den Funkverkehr der Alliierten hätten einschalten können. Das ging schon rein technisch nicht."

So muss im Drehbuchschreiber Tom Hanks wohl die Sorge gereift sein, dass seine Geschichte aus den Entscheidungswelten eines Kriegsschiffskapitäns am Ende zu undramatisch werden könnte, Atlantikgrau in Atlantikgrau, zu sehr über die Distanz, zu sehr ein Raten am Sonar und ein Stochern in der Tiefe. Und so hat er sich diese Albtraumsequenz erdacht, böser Wolf versus Hirtenhund, um die Sache nun wirklich persönlich zu machen bis zum finalen Showdown mit dem Grauen Wolf, der dem Kapitän das Letzte an Selbstkontrolle und Entschlossenheit abverlangt.

Dazu passt auch das Fantasy-Emblem auf dem Turm des gegnerischen U-Boots - ein Wolfskopf mit blutrot leuchtendem Auge und bluttriefenden Zähnen. Und warum auch nicht, es ist ja Kino - beziehungsweise Streaming, weil das Coronavirus auch diesem Filmstart in die Quere kam und die Premiere nun auf AppleTV+ stattfindet. Nur zerstört es halt das davor so sorgsam erzeugte Gefühl, unmittelbar in eine vergangene Wirklichkeit einzutauchen.

Im Bemühen, seinen Protagonisten an die Grenzen seiner Kräfte zu führen und zum spätberufenen Helden reifen zu lassen, offenbart die Sensibilität des Erzählers Tom Hanks auch noch einen weiteren blinden Fleck. Er schreibt nämlich gleich mehrere Szenen, welche die Härten eines Kapitänslebens betonen sollen - zu wenig Schlaf, weil ständig Alarm ist, das lange Stehen auf der Brücke, bis die Füße blutige Blasen haben, kaum Zeit, die Mahlzeiten zu essen, die der schwarze Küchenmaat ihm - und nur ihm - fürsorglich auf die Kommandostation bringt. Dazu das Frösteln, wenn sein Kapitänsmantel mit dem schicken Fellkragen nicht schnell genug herbeigeschafft wird. Dass er diese "Zumutungen" in Anführungszeichen setzen würde, weil andere Soldaten auf dem Schiff in Eiseskälte auf ihren Gefechtsstationen ausharren, ohne Bedienung und ohne Fellkragen, und wieder andere qualvoll sterben, davon spürt man nichts - weder in der Inszenierung noch in Tom Hanks' Spiel.

Diese Härten eines Kapitänslebens, gleichen sie am Ende den Härten im Alltag eines großen Filmstars, wenn die persönlichen Assistenten mal wieder nicht richtig auf Zack sind? Dann würde Tom Hanks schon sehr lange auf der Kommandobrücke des Lebens operieren - oder sich selber zumindest so fühlen. Daher vielleicht seine große Empathie für die Rolle des Kommandanten und die Last der Verantwortung. Dieser Weltstar hat erkennbar kein Problem damit, sich anfangs als frommen Verlierer und großen Zweifler zu imaginieren, damit er später umso triumphaler bestehen kann.

Ein Bewusstsein dafür aber, wie privilegiert die Position tatsächlich ist, aus der heraus er erzählt - das spürt man in "Greyhound" nicht.

Greyhound, USA 2020 - Regie: Aaron Schneider. Drehbuch: Tom Hanks. Kamera: Shelly Johnson. Musik: Blake Neely. Mit Tom Hanks, Stephen Graham, Rob Morgan, Elisabeth Shue, Manuel Garcia-Rulfo, Karl Glusman, Tom Brittney. Von 10. Juli an auf AppleTV+, 91 Minuten.

© SZ vom 10.07.2020/tmh
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