Im Kino: "The Father":Vorsicht, Lücke

The Father

Die Tochter (Olivia Coleman) pflegt den dementen Patriarchen (Anthony Hopkins) in "The Father". Oder?

(Foto: Tobis Film)

In "The Father" spielt Anthony Hopkins oscargekrönt einen Demenzpatienten.

Von Juliane Liebert

Das Kino beginnt mit dem Zerfall. Nämlich der Wirklichkeit in Szenen. Die dann zu etwas Neuem montiert werden. Deshalb ist der Film das Medium des Traums und des Wahnsinns. Und der Demenz? Da wird es kompliziert, denn sie bedeutet zweifellos die fortschreitende Fragmentierung der Wahrnehmung, aber sie lässt dabei auch immer weniger übrig, was noch zusammengesetzt werden könnte. Trotzdem erfreut sich der Demenzfilm großer Beliebtheit. Wenn sich Til Schweiger und Michael Haneke auf ein Sujet einigen können, muss irgendwas dran sein.

Florian Zellers Verfilmung seines eigenen Erfolgstheaterstücks "Le Père" (Der Vater) wird derzeit als gelungenste Auseinandersetzung mit dem schwierigen Thema seit Hanekes "Amour" gefeiert. Zu Recht? Die Academy belohnte den Film jedenfalls mit zwei Oscars: für das beste adaptierte Drehbuch und vor allem für Anthony Hopkins als besten Hauptdarsteller in der Rolle des zunehmend die Orientierung verlierenden Patriarchen Anthony. Seine Tochter Anne (Olivia Coleman) pflegt ihn. Vielleicht wohnt er auch bei ihr. Und vielleicht wird sie ihn bald in Obhut einer Pflegerin zurücklassen, um mit ihrem neuen Mann nach Paris zu ziehen. So genau lässt sich das nicht sagen. Denn Zellers Trick ist, dass wir als Zuschauer nicht oder nur wenig mehr wissen als Anthony.

Wir befinden uns in London, so viel ist klar. Die Verhältnisse sind wohlstandsbürgerlich. Das Interieur, in dem sich nahezu die gesamte Handlung abspielt, könnte auch als Kulisse für ein Yasmina-Reza- oder Daniel-Kehlmann-Kammerspiel dienen, nur etwas old-fashioned britisch variiert. Aber das Well-made Chamber Play wird sozusagen surreal zerschossen.

Zwischen scheinbaren Alltagsszenen klaffen logische Lücken, plötzlich sind Personen in der Wohnung, in der Anthony eben noch allein zu sein schien. Details verändern sich, es kommt zu déjà-vu-artigen Wiederholungen, immer wieder ist von einer zweiten, offenbar sehr geliebten Tochter die Rede. Ist sie tot? Verschollen? Zeller inszeniert das mit den klassischen Mitteln des Suspense und den Haute-Cuisine-Zutaten des Arthouse-Kinos: suggestive Kamerafahrten, präzise Kadrage, Opernarien zur ästhetischen Intensivierung und ein Qualitäts-Score von Ludovico Einaudi für die richtige Klangatmosphäre.

Oscars night, the 93rd Academy Awards ceremony

Regisseur und Autor Florian Zeller mit dem Oscar, den er für das Drehbuch zu "The Father" bekommen hat.

(Foto: LEWIS JOLY/AFP)

Jurys lieben traditionsbewusstes Auteur-Handwerk, und manche Rezensenten schrieben, "The Father" sei fast ein Genrefilm. Aber das ist ein Missverständnis. Eine kunstvoll gedrechselte inkonsistente Realität macht noch keinen Psychothriller. Zeller lässt nie einen Zweifel daran aufkommen, dass wir es mit einem schwerkranken alten Mann zu tun haben. Dessen Welt ist zwar verwirrend, aber uns wird nicht der Boden unter den Füßen weggezogen, wie es etwa Martin Scorsese in seinem unterschätzten "Shutter Island" tat.

Die erlesenen Stilmittel bleiben illustrativ: So könnte sich Demenz anfühlen. Das macht "The Father" nicht zu einem schlechten, aber doch eher konventionellen Film auf hohem Niveau. Hopkins spielt seinen Anthony, von ein paar kleinen Kapriolen abgesehen, mit der souveränen Bescheidenheit des Altmeisters. Man gönnt ihm seinen zweiten Academy Award nach "Schweigen der Lämmer" unbedingt.

Aber auch der stärkste Hauptdarsteller kann nicht den Widerspruch auflösen, mit dem jeder narrative Versuch konfrontiert ist, Demenz formal zu reflektieren, vielleicht sogar nachvollziehbar zu machen: Man versucht von einer Entwicklung zu erzählen, die nichts anderes als das Verstummen jeglichen Erzählens ist. Selbst der Tod ist zugänglicher. Wir haben Bilder und Mythen für ihn, können uns ein Jenseits denken. Der allmähliche Verlust aller kognitiven Fähigkeiten, das Verwesen der Persönlichkeit bei lebendigem Leib scheint die brutalste Negation all dessen zu sein, was uns als Menschen ausmacht. Vielleicht müsste man von der Physik lernen: die Strahlung messen, die beim Zerfall entsteht.

In der Schlussszene von "The Father" schwenkt die Kamera aus dem Fenster und zoomt in rauschende Baumkronen hinein, bis sie flimmern wie die hyperreale Vegetation in einem Computerspiel. Im ersten Augenblick ist das ein sehr berührendes Bild. Doch dann denkt man: gefährlich nah am Gemüse.

The Father, UK 2020 - Regie: Florian Zeller. Buch: Christopher Hampton, Zeller. Kamera: Ben Smithart. Mit Anthnony Hopkins, Olivia Colman, Imogen Poots. Verleih: Tobis, 98 Minuten.

© SZ/kni
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