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Streaming-Filmpremiere "Togo":Auf zum rettenden Impfstoff!

Für den "Musher" Leonard Seppala (Willem Dafoe) sind seine Hunde Nutztiere, Freunde und Arbeitskollegen, links von ihm sein Leithund Togo.

(Foto: Verleih)

"Togo: Der Schlittenhund", eine Originalproduktion für Disney+, erzählt von einer Partnerschaft zwischen Mensch und Tier.

Von Martina Knoben

Eine Epidemie hat die Stadt erfasst, die Infizierten husten, bekommen Fieber. Ein durch eine schlierige Scheibe gebrochener Blick ins Hospital zeigt vor sich hin dämmernde Schwerkranke. Es ist das Jahr 1925, die Diphterie raubt der Kleinstadt Nome in Alaska ihre Kinder. Das rettende Serum gäbe es in der nächsten größeren Stadt, aber ein Schneesturm verhindert den Flugverkehr. In dieser Not bricht der Musher - so heißen Hundeschlittenführer - Leonhard "Sepp" Seppala (Willem Dafoe) mit seinem Gespann zu der über 600 Meilen langen Fahrt durch Schnee und Eis auf. Sein wichtigster Partner dabei ist sein Leithund Togo.

Filme über heldenhafte Hunde sind gerade wieder beliebt, zuletzt liefen "Lassie - Eine abenteuerliche Reise" und die Jack-London-Verfilmung "Ruf der Wildnis" im Kino. Als Streamingpremiere ist nun Ericson Cores "Togo: Der Schlittenhund" zu sehen, eine der ersten Originalproduktionen des neuen Anbieters Disney+. Der Film würde auch auf der Leinwand gut funktionieren, für die spektakulären Action- und Naturaufnahmen ist der heimische Bildschirm fast zu klein.

Togo und seinen Musher Leonhard Seppala hat es tatsächlich gegeben, auch den "1925 Serum Run to Nome", wie die historische Rettungsaktion hieß, bei der sich allerdings mehrere Schlittenhundeteams ablösten. Weil Seppala und seine Hunde den mit Abstand längsten Teil der Strecke zurücklegten, kürte 2011 das Time Magazine Togo zum heldenhaftesten Tier aller Zeiten. Eine Reihe, in der sich außerdem Bukephalos, das Streitross Alexanders des Großen, ein mit Orden behängtes Hündchen namens "Stubby", das im Ersten Weltkrieg Gasangriffe anzeigte, finden und sogar eine Brieftaube, die fast 200 Soldaten durch das Überbringen ihrer Nachricht rettete.

Wer das alles maßlos übertrieben findet, kennt Schlittenhunde schlecht

Nicht wenige dieser Tiere wurden bereits zu Kinohelden. Ein wuscheliger Schlittenhund ist einem Familienfilmanbieter aber naturgemäß besonders lieb. Die Hochspannung des Rennens um das Serum wird immer wieder von Rückblenden unterbrochen, die Togo als hinreißend ungezogenen, noch wuscheligeren, blauäugigen Welpen zeigen. Wer könnte diesem Fell und diesen Hundeaugen widerstehen!

Seppala allerdings will Togo zuerst ausmustern. Für ihn sind Hunde Nutztiere; und Togo, der viel zu klein und zu schwach scheint, um je einen Schlitten zu ziehen, ist ein überflüssiger Fresser. Und als der Underdog wider Erwarten zu Kräften kommt, erweist sich Togo als so eigenwillig, dass Seppala ihn einsperren muss. "Alles, was ich sehe, sind Schwierigkeiten, Zeitverschwendung und Misserfolg", sagt er zu seiner Frau (Julianne Nicholson), als Togo mal wieder Mist gebaut hat, was dem Film seine komischen Momente beschert.

Klar, dass Togo doch noch Seppalas allerbester Freund wird; klar auch, dass die Eigenwilligkeit des Hundes, seine Intelligenz und sein Mut ihn als Leithund von Seppalas Gespann prädestinieren. Bei dem abenteuerlichen Rennen um das Serum gibt Togo alles, obwohl er mit seinen 12 Jahren schon ein Hundeopa ist. Er rennt wie ein Hochleistungssportler, reagiert auf jedes Wort seines Mushers (Leine oder Zügel hat so ein Schlitten nicht) und findet am Ende sogar allein den Trail nach Hause.

Wer das alles maßlos übertrieben findet, womöglich "typisch Disney", kennt Schlittenhunde schlecht. Es sind tatsächlich äußerst ausdauernde und selbständige Tiere, dabei sehr menschenbezogen und freundlich. Für Hundefreunde dürfte "Togo" ein Muss sein, zumal die meisten Hundeaufnahmen echt sind.

Die spektakulären Naturaufnahmen des Films - Ericson Core hat auch die Kamera geführt - wirken dagegen künstlich. Viele sind im Computer entstanden. Mit ihrer fast monochromen blaugrauen Farbgebung und den ungewöhnlichen Perspektiven muten sie wie Grafiken an. Aber das winterliche Alaska ist hier eben kein realer Ort, sondern ein Gegner - wie Herman Melvilles weißer Wal. Mit einem solchen Gegner kann es nur ein grimmiges Furchengesicht wie Willem Dafoe aufnehmen. Der Schauspieler sieht dem realen Seppala erstaunlich ähnlich.

In der irrsten Sequenz dieses Abenteuerfilms überquert Seppala mit seinem Schlitten einen zugefrorenen Sund. Das Eis ist unzuverlässig, es platzt auf unter lautem Knallen, zieht kilometerlange, spinnennetzartige Risse. Die Kamera jagt über diesem Eisalbtraum dahin, wechselt zwischen Totalen und Nahaufnahmen von Togo und seinem Musher. Seppala treibt seine Hunde voran und beginnt Shakespeares Kriegsrede aus "Henry V." zu deklamieren, was im Film dann so klingt: "Der, welcher keine Lust hat zu kämpfen, lasst ihn von dannen ziehen..." Jeden seiner Hunde nennt er bei seinem Namen, brüllend gegen den Sturm. "Wir beglücktes Häuflein Sieger! Lauft, meine Hunde, lauft!"

Togo, USA 2019 - Regie: Ericson Core. Buch: Tom Flynn. Kamera: Ericson Core. Schnitt: Martin Pensa. Mit: Willem Dafoe, Julianne Nicholson. Auf Disney+, 113 Minuten.

© SZ vom 16.04.2020

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