"Stillwater" im Kino:Nicht ohne meine Tochter

Der Film 'Stillwater' kommt in die Kinos

Matt Damon in "Stillwater".

(Foto: Jessica Forde/epd)

Im Drama "Stillwater" spielt Matt Damon einen Vater, der einen Mordfall aufklären will.

Von Fritz Göttler

Er schlägt Löcher in altes Gemäuer, reißt Wände ein. Nicht um den Blick zu öffnen, um für ein Gefühl von Freiheit zu sorgen. Bill Baker ist ein einfacher Bauarbeiter, zu seinem Job gehört das Demolieren. Früher hat er auf Erdölfeldern gearbeitet.

Matt Damon spielt Bill Baker, ein redneck aus Stillwater in Oklahoma, gedrungen und bärtig, kariertes Arbeitshemd und Baseballkappe, auf dem Oberarm hat er einen Adler tätowiert. Einst hatte er ein Problem mit Alkohol. Seine Frau ist tot, Suizid. Manchmal beugt er ein Knie, zum Gebet, ein wesentlicher Teil seines Lebens. Wenn er sich mit anderen zu Tisch setzt, fassen sie sich an den Händen und danken Gott für Speis und Trank. Ob er ein Trump-Wähler sei, wird er mal gefragt, von einer Frau, die sich um ihn bemüht, der er aber fremd bleiben wird. Er habe beim letzten Mal nicht gewählt, erwidert er. Er durfte nicht, als Vorbestrafter. Seine Tochter Allison (Abigail Breslin), die als Studentin nach Europa ging, sitzt seit ein paar Jahren im Gefängnis, in Marseille. Sie soll ihre Geliebte getötet haben, die arabischer Herkunft war. Sie beteuert, sie hätte es nicht getan, er glaubt ihr.

Amanda Knox ist empört über den Film. Aber war sie tatsächlich das Vorbild?

Eine amerikanische Studentin, verwickelt in einen Mordfall in Europa, das erinnert an den Prozess in Perugia, der 2007 internationales Aufsehen erregte - Amanda Knox wurde dort angeklagt wegen des Mordes an einer Mitbewohnerin, verurteilt, schließlich freigesprochen. Knox hat in einem langen Artikel auf den Film "Stillwater" reagiert. "Gehört mir mein Name? Mein Gesicht? Was ist mit meinem Leben? Meiner Geschichte?" Andere, so ihr Vorwurf, "profitieren immer wieder von diesem Namen, diesem Gesicht, dieser Geschichte ... ohne meine Einwilligung".

Die Anklänge sind genug, um durchaus an das Schicksal von Amanda Knox erinnert zu werden, aber zu wenig, um diesen in seiner Komplexität ganz zu erfassen. Das Kino war vom Sensationellen und Skandalösen fasziniert von Anfang an, schon über ein Jahrhundert vor den sozialen Medien, aber letztlich sehr viel offener, unverschämter als diese.

Amanda Knox muss immer wieder daran erinnern, dass sie von jeder Schuld freigesprochen wurde. Im Film "Stillwater" ist Schuld ein großes Thema, vor allem die Schuld des Vaters, der es nicht schaffte, für seine Tochter zu sorgen, und der nun alles, wirklich alles tun muss, um sie aus dem Gefängnis zu holen.

Bill Baker fliegt nach Marseille, nicht zum ersten Mal. Es gibt neue Hinweise auf den Täter, aber der Anwältin des Mädchens sind sie nicht stark genug für eine Wiederaufnahme des Verfahrens. Bill Baker ist da unnachsichtiger, uneinsichtiger, er wagt sich auf fremdes Terrain, um den Mörder zu finden, mit einer Unerschütterlichkeit, die traumatisch und traumhaft wirkt, wie in einem Song, also an Gleichgültigkeit grenzt. "I don't care what's right or wrong I don't try to understand..."

Kinostart - 'Stillwater'

Matt Damon und Camille Cottin streifen durch Marseille auf der Suche nach dem wahren Mörder.

(Foto: Jessica Forde/dpa)

Im Hotel, wo Bill während seines Aufenthalts in der fremden Stadt wohnt, trifft er Virginie, eine junge Mutter (Camille Cottin), und deren Tochter. Die Frau hat eben eine neue Wohnung, die noch nicht ganz bezugsfertig ist, und wohnt ein paar Tage im Hotel. Sie ist Schauspielerin und hilft Bill, der des Französischen nicht mächtig ist, bei den Nachforschungen. Später, als der Fall sich hinzieht und er sich mit der inhaftierten Allison überwirft, quartiert er sich bei Virginie ein. Er ist ihr behilflich, handwerklich und mit der Tochter.

Marseille, die offene Stadt, wo die diversen Lebenswelten stärker verschmolzen sind als im übrigen Frankreich, die Kontakte vielfältiger, aber auch die Vorurteile. Virginie weigert sich, bei der Suche einen Typen weiter zu befragen, der miese rassistische Bemerkungen macht und nichts lieber sähe, als wenn er einen weiteren Araber hinter Gitter bringen könnte. Ob Bill eine Waffe habe ... Lakonisch antwortet er: zwei.

Man erlebt Bill, wie er Formen der Annäherung ausprobiert. Bei Umarmungen ist Matt Damon merkwürdig ungelenk - als Jason Bourne ist er uns wunderbar agil in Erinnerung, schnelle, natürliche Reaktionen, Körper und Geist in einer Bewegung. Da war er ein lost boy, da hatte er die Gnade der verlorenen Identität und Vergangenheit. Einmal gibt es einen kleinen Tanz in der neuen kleinen Familie, zum Song von Sammi Smith: "Yesterday is dead and gone. And tomorrow's out of sight. And it's sad to be alone: Help me make it through the night."

Stillwater, 2021 - Regie: Tom McCarthy. Buch: Thomas Bidegan, Noé Debré, Marcus Hinchey, Tom McCarthy. Kamera: Masanobu Takayanagi. Schnitt: Tom McArdle. Musik: Mychael Danna. Mit: Matt Damon, Abigail Breslin, Camille Cottin, Lilou Siauvaud, Deanna Dunagan. Universal, 140 Minuten.

© SZ/dbs/cat
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