Sexualisierte Gewalt Der Mythos der falschen Beschuldigung

Passanten während der Übertragung der Anhörung von Christine Blasey Ford in New York. Während sie Todesdrohungen erhält, ist Kavanaugh nun oberster Richter des Supreme Court. Wem haben also ihre Aussagen geschadet - ihm oder ihr?

(Foto: AFP)
  • Wenn Frauen Männer der sexualisierten Gewalt beschuldigen, gibt es einen gesellschaftlichen Reflex.
  • Anstatt den Anschuldigungen zunächst Glauben zu schenken, werden sofort Gründe und Motive bemüht, warum diese falsch sein könnten.
  • Dabei ist die Angst vor der Falschbeschuldigung irrational. Solche Fälle sind so selten, dass sie es nicht rechtfertigen, dass beinahe jede Frau, die mit dem Vorwurf der Vergewaltigung an die Öffentlichkeit geht, mit ihnen konfrontiert wird.
Von Julian Dörr

Es ist vielleicht einer der gefährlichsten Sätze, die Donald Trump je gesagt hat. Nicht, weil er falsch ist. Das ist er zweifelsfrei, aber das sind viele Sätze des US-Präsidenten. Viele Sätze begeistern seine Wählerschaft, lassen aber den großen Rest seiner Zuhörer zweifelnd zurück. Dieser Satz ist anders. Er ist falsch und verfängt auch jenseits des harten Kerns seiner Anhänger.

Der Satz geht so: "Es ist eine beängstigende Zeit für junge Männer in Amerika."

Trump hat diesen Satz vor einigen Tagen herausgebrüllt, auf dem grünen Rasen des Weißen Hauses, gegen das Geknatter eines Helikopters. Dieser Satz war Trumps Kommentar zur Anhörung von Brett Kavanaugh. Schlimme Zeiten, so geht der Satz weiter, wenn man für schuldig gehalten wird in einer Sache, derer man gar nicht schuldig ist. Du kannst jemand sein, der sein ganzes Leben lang perfekt war, sagt Trump. Und dann kommt jemand und wirft dir etwas vor. Und dann bist du weg vom Fenster. Automatisch.

Die Angst ist groß - und unbegründet

Die Angst vor der Falschbeschuldigung, sie ist alt und groß und sie taucht beinahe ausnahmslos immer dann auf, wenn einem berühmten Mann sexualisierte Gewalt vorgeworfen wird. Neu ist hingegen das gesellschaftliche Klima, auf das diese Angst in der Debatte um Brett Kavanaugh trifft. Es ist das Jahr eins nach Beginn der "Me Too"-Bewegung. Und die Angst vor der Falschbeschuldigung fügt sich ein in das angeschlagene Selbstbild von Männern, die sich unter Generalverdacht gestellt sehen. Männer, die sich vor einer Welt fürchten, in der harmlose Flirts zu angeblichen Übergriffen stilisiert werden. Männer, die sich fürchten, von einem feministischen Mob in kafkaeske Abgründe gestoßen zu werden: Jemand musste den Mann verleumdet haben, denn ohne dass er etwas Böses getan hätte, wurde er eines Morgens verhaftet.

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Cristiano Ronaldo, der andere viel diskutierte Fall dieser Tage, weist den Vorwurf der Vergewaltigung zurück und wirft der Frau vor, mit ihren Anschuldigungen an die Öffentlichkeit getreten zu sein, um sich auf seine Kosten Aufmerksamkeit zu erschleichen.

Wenn Frauen Männer der sexualisierten Gewalt beschuldigen, gibt es einen gesellschaftlichen Reflex. Anstatt den Anschuldigungen zunächst Glauben zu schenken, werden sofort Gründe und Motive bemüht, warum diese falsch sein könnten: Was, wenn der Sex einvernehmlich war, die Frau ihn am nächsten Tag aber bereut und deshalb eine Vergewaltigung daraus macht? Was, wenn die Frau von ihrem Partner betrogen oder verlassen wurde und ihm aus Rache eine Vergewaltigung anhängen will? Was, wenn sie einfach nur Aufmerksamkeit sucht?

Dass die Aussagen von Frauen so oft angezweifelt werden, liegt an einem wirkmächtigen Mythos, der die Falschbeschuldigung umgibt. Und den zu dekonstruieren überfällig ist.

Wer sich wissenschaftliche Studien und Artikel zum Thema Vergewaltigung und Strafverfolgung anschaut, merkt schnell, wie verzerrt die gesellschaftliche Wahrnehmung ist. Je nach Untersuchung, Land und politischer Weltsicht der Autoren variiert der Anteil der Falschbeschuldigungen an tatsächlich angezeigten Vergewaltigungen zwischen zwei und acht Prozent. Der Bundesverband der Frauenberatungsstellen und Frauennotrufe setzt den Anteil der Falschbeschuldigungen in Deutschland bei drei Prozent an und beruft sich auf eine europaweite Studie zur Strafverfolgung von Vergewaltigung.

Es ist wichtig zu betonen, dass es hier nur um die tatsächlich angezeigten Übergriffe geht. Der mit weitem Abstand größte Teil der Vergewaltigungen wird gar nicht erst zur Anzeige gebracht. Die Dunkelziffer ist hoch. Eine Studie im Auftrag des Bundesministeriums für Familie, Senioren, Frauen und Jugend aus dem Jahr 2004 gibt an, dass in 85,7% der Fälle sexualisierter Gewalt die Polizei nicht eingeschaltet wird.

Die polizeiliche Kriminalstatistik zählt im Jahr 2017 in Deutschland 11282 erfasste Fälle von Vergewaltigung oder sexueller Nötigung und 11444 Opfer. Sieben Prozent davon sind Männer. Selbst wenn man ignoriert, dass die reale Zahl der Vergewaltigungen noch deutlich höher liegt, lässt sich die Aussage treffen, dass es für Männer wahrscheinlicher ist, selbst Opfer einer Vergewaltigung zu werden als fälschlicherweise einer Vergewaltigung beschuldigt zu werden.