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Himpathy und "Me Too":Mit dem freundlichen Gesicht der Brüderlichkeit

Senators Hatch, Tillis and Grassley arrive with Majority Leader McConnell to discuss FBI investigation into Kavanaugh assault allegations on Capitol Hill in Washington

Zentrale Figuren der republikanischen Front, die Brett Kavanaugh ins höchste amerikanische Richteramt brachte: Der Mehrheitsführer Mitch McConnell, der Vorsitzende des US-Justizausschusses Chuck Grassley und weitere Senatoren (von rechts)

(Foto: REUTERS)

In einer patriarchalen Ordnung werden Männer oft mit einem Sympathievorschuss bedacht. "Himpathy", wie es die australische Philosophin Kate Manne nennt, ist die gelernte Überbewertung des Mannes. Was auch den Fall Kavanaugh erklären könnte.

Was muss ein Mann befürchten, der seine körperliche, soziale oder kulturelle Überlegenheit gegenüber einer Frau ausnutzt, um gegen ihren Willen mit ihr Sex zu haben? Blickt man in diesen Tagen in die USA, scheint die Antwort leider "Nichts" zu lauten. Brett Kavanaugh, ein Mann, dem mehrere Frauen mindestens körperliche Belästigung vorwerfen und der, so wollen es Weggefährten wissen, unter Alkoholeinfluss (unter dem er anscheinend oft stand) zu Obszönität und Gewalt neigt, ist vom Senat ins Amt des obersten Richters befördert worden. Nachdem in diesem Jahr so oft Hexenjagden beklagt wurden und sich viele Männer fürchten, "in Zeiten von Metoo" für ein falsches Kompliment an den Pranger zu geraten, mag es manche beruhigen, dass es auch anders laufen kann. Man braucht nur genug politischen Willen, dann kommt man den übersteigerten Ansprüchen von Feministinnen schon bei.

Damit muss der gesellschaftliche Wandel, den sich viele erhoffen, noch nicht zu Grabe getragen werden. Es gibt ja einige Gegenbeispiele. Doch der Fall Kavanaugh zeigt, wie massiv die Beharrungskräfte sind, die Männern erlauben, sich an Frauen zu vergreifen. Er darf als Paradebeispiel dafür gelten, wie kulturelle Konventionen und emotionale Gesten die Vorherrschaft von Männern auch im Jahr 2018 sichern.

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Den Debatten um die Legitimität von Metoo liegt die ungleiche Verteilung des gesellschaftlichen Mitgefühls zugrunde. Über nichts wird dabei so erhitzt diskutiert wie über die Frage, wie die Gesellschaft mit entsprechenden Vorwürfen umgehen soll, wenn der Beschuldigte sich in exponierter Position befindet: Verdient er den entschlossenen Schutz der Gemeinschaft, so lange es keine "unabhängigen" Zeugen oder eindeutiges Beweismaterial gibt? Gibt es ein Recht auf Belästigung, wenn sie nicht böse gemeint war? Gilt der Anspruch einer Frau auf körperliche Integrität absolut - oder muss man ihn als unzulässige Überforderung des Mannes verstehen.

Der Anspruch auf Nachsicht stützt eine Machtdynamik, die unsere Gesellschaft entlang der Geschlechterlinie trennt. Die australische Philosophin Kate Manne beschreibt in ihrer Studie "Down Girl" - zu deutsch "Sitz, Mädchen" - diese Verteilung als "Logik der Misogynie." Manne will verstehen, warum Männer immer wieder glauben, Frauen nicht nur sozial diskriminieren zu dürfen, sondern auch sexuelle Ansprüche an sie stellen, diese notfalls mit Gewalt durchsetzen oder sie zum Schweigen bringen dürfen. Zum anderen fragt die Philosophin, nach welcher Logik solche Täter mit Verständnis oder schweigender Zustimmung rechnen können.

Der Grund dafür, schreibt sie, liege eben nicht in einem irrationalen Hass, den manche Menschen, Männer wie Frauen, nun einmal gegen das weibliche Geschlecht hegen. Dies sei eine "naive" Konzeption der Misogynie, die sie nicht gelten lassen will, weil sie Frauen keinen Ausweg erlaube. Vielmehr beruhe die Benachteiligung der Frau auf einer verbreiteten, in kulturellen und sozialen Praktiken eingeschriebenen Bevorzugung des Mannes. Solche Praktiken sieht sie in der Prostitution, in Schönheitsidealen, in der Erziehung oder eben auch in Sprachkonventionen, die Weiblichkeit immer noch abwertend konnotieren. Hier schlägt sie einen einleuchtenden Bogen von der deutschen Bundeskanzlerin, die von ihren politischen Gegnern höhnisch als "die Dame" oder "Mutti" bezeichnet wird zum US-Präsidenten, der sagt, als Promi könne man mit Frauen alles machen, man könne ihnen auch einfach an ihre "Pussy" fassen.

Manne erklärt das so: In einer patriarchalen Ordnung - also einer, in der sich überwiegend Männer in Positionen der Macht befinden - gibt es zwei Hierarchiestrukturen. Die eine läuft über die Verteilung der emotionalen und körperlichen Ansprüche, die ein Mensch stellen darf. Die Frau ist hier als diejenige definiert, die dem Mann eine Reihe von Ansprüchen zu erfüllen hat - Sicherheit, Charme, ästhetische und körperliche Zuvorkommenheit. Der Mann ist in dieser Matrix derjenige, der einen Anspruch erheben darf. Damit verbindet Kate Manne dann auch noch eine Hierarchie unter den Geschlechtern, bei der weiße, reiche Männer ganz oben stehen und arme, schwarze Frauen ganz unten.