Süddeutsche Zeitung

Sexualisierte Gewalt:Der Mythos der falschen Beschuldigung

  • Wenn Frauen Männer der sexualisierten Gewalt beschuldigen, gibt es einen gesellschaftlichen Reflex.
  • Anstatt den Anschuldigungen zunächst Glauben zu schenken, werden sofort Gründe und Motive bemüht, warum diese falsch sein könnten.
  • Dabei ist die Angst vor der Falschbeschuldigung irrational. Solche Fälle sind so selten, dass sie es nicht rechtfertigen, dass beinahe jede Frau, die mit dem Vorwurf der Vergewaltigung an die Öffentlichkeit geht, mit ihnen konfrontiert wird.

Von Julian Dörr

Es ist vielleicht einer der gefährlichsten Sätze, die Donald Trump je gesagt hat. Nicht, weil er falsch ist. Das ist er zweifelsfrei, aber das sind viele Sätze des US-Präsidenten. Viele Sätze begeistern seine Wählerschaft, lassen aber den großen Rest seiner Zuhörer zweifelnd zurück. Dieser Satz ist anders. Er ist falsch und verfängt auch jenseits des harten Kerns seiner Anhänger.

Der Satz geht so: "Es ist eine beängstigende Zeit für junge Männer in Amerika."

Trump hat diesen Satz vor einigen Tagen herausgebrüllt, auf dem grünen Rasen des Weißen Hauses, gegen das Geknatter eines Helikopters. Dieser Satz war Trumps Kommentar zur Anhörung von Brett Kavanaugh. Schlimme Zeiten, so geht der Satz weiter, wenn man für schuldig gehalten wird in einer Sache, derer man gar nicht schuldig ist. Du kannst jemand sein, der sein ganzes Leben lang perfekt war, sagt Trump. Und dann kommt jemand und wirft dir etwas vor. Und dann bist du weg vom Fenster. Automatisch.

Die Angst ist groß - und unbegründet

Die Angst vor der Falschbeschuldigung, sie ist alt und groß und sie taucht beinahe ausnahmslos immer dann auf, wenn einem berühmten Mann sexualisierte Gewalt vorgeworfen wird. Neu ist hingegen das gesellschaftliche Klima, auf das diese Angst in der Debatte um Brett Kavanaugh trifft. Es ist das Jahr eins nach Beginn der "Me Too"-Bewegung. Und die Angst vor der Falschbeschuldigung fügt sich ein in das angeschlagene Selbstbild von Männern, die sich unter Generalverdacht gestellt sehen. Männer, die sich vor einer Welt fürchten, in der harmlose Flirts zu angeblichen Übergriffen stilisiert werden. Männer, die sich fürchten, von einem feministischen Mob in kafkaeske Abgründe gestoßen zu werden: Jemand musste den Mann verleumdet haben, denn ohne dass er etwas Böses getan hätte, wurde er eines Morgens verhaftet.

Cristiano Ronaldo, der andere viel diskutierte Fall dieser Tage, weist den Vorwurf der Vergewaltigung zurück und wirft der Frau vor, mit ihren Anschuldigungen an die Öffentlichkeit getreten zu sein, um sich auf seine Kosten Aufmerksamkeit zu erschleichen.

Wenn Frauen Männer der sexualisierten Gewalt beschuldigen, gibt es einen gesellschaftlichen Reflex. Anstatt den Anschuldigungen zunächst Glauben zu schenken, werden sofort Gründe und Motive bemüht, warum diese falsch sein könnten: Was, wenn der Sex einvernehmlich war, die Frau ihn am nächsten Tag aber bereut und deshalb eine Vergewaltigung daraus macht? Was, wenn die Frau von ihrem Partner betrogen oder verlassen wurde und ihm aus Rache eine Vergewaltigung anhängen will? Was, wenn sie einfach nur Aufmerksamkeit sucht?

Dass die Aussagen von Frauen so oft angezweifelt werden, liegt an einem wirkmächtigen Mythos, der die Falschbeschuldigung umgibt. Und den zu dekonstruieren überfällig ist.

Wer sich wissenschaftliche Studien und Artikel zum Thema Vergewaltigung und Strafverfolgung anschaut, merkt schnell, wie verzerrt die gesellschaftliche Wahrnehmung ist. Je nach Untersuchung, Land und politischer Weltsicht der Autoren variiert der Anteil der Falschbeschuldigungen an tatsächlich angezeigten Vergewaltigungen zwischen zwei und acht Prozent. Der Bundesverband der Frauenberatungsstellen und Frauennotrufe setzt den Anteil der Falschbeschuldigungen in Deutschland bei drei Prozent an und beruft sich auf eine europaweite Studie zur Strafverfolgung von Vergewaltigung.

Es ist wichtig zu betonen, dass es hier nur um die tatsächlich angezeigten Übergriffe geht. Der mit weitem Abstand größte Teil der Vergewaltigungen wird gar nicht erst zur Anzeige gebracht. Die Dunkelziffer ist hoch. Eine Studie im Auftrag des Bundesministeriums für Familie, Senioren, Frauen und Jugend aus dem Jahr 2004 gibt an, dass in 85,7% der Fälle sexualisierter Gewalt die Polizei nicht eingeschaltet wird.

Die polizeiliche Kriminalstatistik zählt im Jahr 2017 in Deutschland 11282 erfasste Fälle von Vergewaltigung oder sexueller Nötigung und 11444 Opfer. Sieben Prozent davon sind Männer. Selbst wenn man ignoriert, dass die reale Zahl der Vergewaltigungen noch deutlich höher liegt, lässt sich die Aussage treffen, dass es für Männer wahrscheinlicher ist, selbst Opfer einer Vergewaltigung zu werden als fälschlicherweise einer Vergewaltigung beschuldigt zu werden.

Keine Frau profitiert von einem Vergewaltigungsvorwurf

Falschbeschuldigungen haben außerdem in den meisten Fällen deutlich weniger harte juristische Konsequenzen, als ihr Mythos vermuten lässt. Eine Studie des britischen Innenministeriums besagt, dass von den 216 im Untersuchungszeitraum erfassten Anschuldigungen, die sich im Nachhinein als falsch herausstellten, nur sechs zu einer Verhaftung führten und nur zwei schließlich zu einer Anklage. Nun sorgen sich einige Männer aber vor allem über die nicht strafrechtlichen Folgen, die ein Vergewaltigungsvorwurf nach sich ziehen kann. Eine ruinierte Karriere. Ein zerstörtes Leben als sozialer Außenseiter. Dabei sind es vor allem die beschuldigenden Frauen, die unter ihren Aussagen leiden. Brett Kavanaugh erlebt gerade seine ersten Arbeitstage als neuer Richter des Supreme Courts und Christine Blasey Ford kann wegen unzähliger Todesdrohungen immer noch nicht nach Hause zurück.

Keine Frau profitiert von einem Vergewaltigungsvorwurf. Im Gegenteil. Man kann Frauen nicht einmal dafür bezahlen, jemanden öffentlich der Vergewaltigung zu beschuldigen. In den Wochen vor der US-Präsidentschaftswahl 2016 stellten die Unternehmerin Susie Tompkins Buell und der Journalist David Brock, beide Unterstützer der Demokraten, der Anwaltskanzlei von Lisa Bloom insgesamt 700000 US-Dollar zur Verfügung. Als Anreiz für Frauen, öffentlich über sexuelle Übergriffe durch den damaligen Präsidentschaftskandidaten Trump zu sprechen. Keine Frau war bereit, auszusagen.

Das alles heißt nicht, dass Falschbeschuldigung niemals vorkommen. Oder niemals gravierende Folgen für den fälschlicherweise Beschuldigten haben. Aber diese Fälle sind extrem selten. So selten, dass sie es nicht rechtfertigen, dass beinahe jede Frau, die mit dem Vorwurf der Vergewaltigung an die Öffentlichkeit geht, mit ihnen konfrontiert wird.

Die männliche Angst vor der Falschbeschuldigung ist irrational

Die generelle und großflächige Angst vor der falschen Beschuldigung wird noch absurder, wenn man sich anschaut, welche Personen überhaupt über Vergewaltigungen lügen. Die Autorin Sandra Newman hat im vergangenen Jahr einen sehr lesenswerten Essay mit dem Titel "The Truth About False Accusations" geschrieben. Darin kommt sie nach umfangreicher Lektüre unterschiedlicher Studien zu dem Schluss, dass sich fast alle Falschbeschuldiger in drei ziemlich klare Gruppen einteilen lassen: Teenager, die ihren Eltern eine ungewollte Schwangerschaft oder ihr nächtliches Verschwinden erklären wollen. Psychisch kranke Menschen, die am Münchhausen-Syndrom leiden. Und Menschen, die zuvor schon wegen Betrugs kriminell auffällig wurden. Letztere Beobachtung bestätigt auch eine Studie des Bayrischen Landeskriminalamts aus dem Jahr 2005. Darin heißt es, dass weibliche Opfer von Vergewaltigungen zuvor sehr selten kriminell auffällig wurden. Ausnahme: diejenigen Frauen, deren Vorwürfe sich als falsch herausstellten.

Newman zieht aus diesen Beobachtungen folgenden Schluss: "Falschbeschuldigungen sind nicht das Ergebnis von uneindeutiger Kommunikation in der undurchsichtigen Welt von unverbindlichem Sex. Falschbeschuldiger schildern fast nie Situationen, die auch nur irgendwie zweideutig erscheinen oder als harmloses Missverständnis interpretiert werden können." Mit anderen Worten: Wenn eine Frau erzählt, dass man am Anfang noch ganz einvernehmlich rumgemacht hat, der Typ sie dann aber plötzlich festhielt und vergewaltigte, und diese Frau kein ängstlicher Teenager oder eine notorische Betrügerin ist oder unter einer Persönlichkeitsstörung leidet, ist es sehr wahrscheinlich, dass sie die Wahrheit sagt.

Dass Männer Angst davor haben sollten, von ihrem nächsten Date der sexuellen Nötigung oder der Vergewaltigung bezichtigt zu werden, wie die Wortmeldungen unter dem Hashtag #HimToo gerade nahe legen, ist also gänzlich irrational. Es sei denn, sie sind tatsächlich sexuell übergriffig. Dass diese Angst aber trotzdem immer wieder an die Oberfläche des Diskurses drängt, deutet auf ein gesellschaftliches Problem hin: ein grundlegendes Misstrauen gegenüber Frauen. Woher kommt das?

In öffentlichen Debatten wie der über Kavanaugh oder Ronaldo sehen sich Männer mit einem Dilemma konfrontiert. Irgendetwas muss falsch laufen, irgendetwas muss kaputt sein. Entweder lügen diese Frauen - oder es existiert eine Kultur, in der immer wieder Frauen misshandelt, marginalisiert und mundtot gemacht werden. Den Ausweg, den viele Männer aus diesem Dilemma wählen, hat keine so brillant beschrieben wie die Feministin Rebecca Solnit: "Viele Frauen, die Geschichten von Männern erzählen, die sie verletzt haben, werden als verrückt bezeichnet oder als bösartige Lügnerinnen. Weil es so viel leichter ist, eine Frau den Wölfen zum Fraß vorzuwerfen als eine ganze Kultur."

Darin liegt die Wirkmacht des Mythos der Falschbeschuldigung. Er leitet das Problem um - von der Kultur auf die Frau. Dieser Mythos degradiert Frauen zu unglaubwürdigen Hysterikerinnen. Er ist frauenfeindlich und vergiftet den Umgang der Geschlechter. Und er ist heute stärker denn je. Männer wie Trump, Kavanaugh und Ronaldo können sich auf ihn verlassen.

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