Theater:Amerikanische Politik im Nazi-Look

Reich des Todes

Sieben Frauen in einem Raster aus gespannten Schnüren: Stefan Bachmann inszeniert "Reich des Todes" mit einer rein weiblichen Besetzung.

(Foto: Thomas Rabsch)

Das Schauspielhaus Düsseldorf zeigt "Reich des Todes", das Stück von Rainald Goetz über 9/11 und die Folterungen in Abu Ghraib. Eine geglückte Überforderung in der Regie von Stefan Bachmann.

Von Alexander Menden

"Wie also soll das Theater, das sich auch in Antwort darauf als ein Theater für konfliktscheue Menschen versteht, seine Argumente und Analysen vortragen?" Das fragt Melanie Kretschmann, die auf der Bühne des Düsseldorfer Schauspielhauses seit annähernd zweieinhalb Stunden gemeinsam mit sechs Kolleginnen sehr, sehr hart daran gearbeitet hat, Argumente und Analysen vorzutragen. "So nicht", murmelt eine halblaute Stimme im Publikum.

Kretschmann wird noch vieles mehr ansprechen, den Zuschauern um die Ohren hauen. Gnadenlos, wie der Autor Rainald Goetz es seitenlang als "Beschluss" im Endmonolog seines Stückes "Reich des Todes" aufgeschrieben hat. Dass es Spaß mache zu herrschen und kaputtzumachen, dass es die Kunst des Auftritts sei, ein Ich zu zeigen, es zugleich aber auch verbergen wollen zu müssen. Das Saallicht wird angehen, die Schnüre des dreidimensionalen Rasters, in dem sich der ganze Abend abgespielt hat, werden erschlaffen, und immer weiter wird diese Wortwalze über das zunehmend unwillig und unruhig werdende Publikum hinwegrollen.

Diese nahezu physisch schmerzhafte Endperformance, die der Schauspielerin wie dem Publikum gleichermaßen viel abverlangt, ist der angemessene Höhe- und Endpunkt eines Dramas, in dem viel von Folter die Rede ist. 9/11 und Abu Ghraib bilden den historischen Hintergrund des Stücks, mit dem Rainald Goetz sich 2020 nach langer Absenz zurückmeldete. Und wenn man schon mit diesem Werk unter Auslassung der seither erfolgten, und ja doch selbst nicht ganz folgenlosen, Donald-Trump-Konvulsionen über die Grausamkeit und Idiotie amerikanischer Politik anrast, dann ist jetzt vielleicht sogar ein besserer Zeitpunkt als bei der Uraufführung vor einem Jahr: pünktlich zum erniedrigenden Abzug der westlichen Truppen aus Afghanistan, genau 20 Jahre nach der terroristischen Zerstörung des World Trade Centers.

Diese Koproduktion zwischen Düsseldorf und Köln überschreitet ungewöhnlich versöhnlich die Alaaf-Helau-Grenze

Stefan Bachmann, Intendant des Schauspiels Köln, hat seine gestraffte Version von "Reich des Todes" für eine nach rheinischen Maßstäben unerhört versöhnliche Geste zum Anlass genommen: Die Inszenierung des Schweizers ist die erste offizielle Koproduktion seines Hauses mit dem Schauspielhaus Düsseldorf; die Kölner Premiere folgt am 30. Oktober. Das ist durchaus bemerkenswert angesichts des nicht immer nur spaßigen Konkurrenzverhältnisses zwischen den beiden Städten. Doch wenn man seit Jahren mit einem Provisorium leben muss wie die Kölner, dann dürfte allein die Aussicht, im mustergültig sanierten Düsseldorfer Haus spielen zu können, den Schritt über die Alaaf-Helau-Grenze deutlich erleichtern.

Die Schnüre, die der Bühnenbildner Olaf Altmann als Raster bis in die Tiefe des Bühnenraums gespannt hat, sind ein rigides, dreidimensionales Weltschema, in dem sich die Darstellerinnen - neben Melanie Kretschmann sind das Cathleen Baumann, Sophia Burtscher, Rosa Enskat, Claudia Hübbecker, Sabine Waibel und Ines Marie Westernströer - in den Rollen des Bush-Kabinetts nach den New Yorker Anschlägen, der amerikanischen Folterer und deren irakischen Opfer abwechseln. Goetz hat den Figuren - Rumsfeld, Wolfowitz, Rice - die Namen deutscher historischer Figuren verpasst und zieht immer wieder Parallelen zwischen der enthemmten Gewalt der Amerikaner und jener der Nazis. Das ist seit der Hamburger Uraufführung von Karin Beier nicht weniger plakativ geworden, und Bachmann geht hier streckenweise mit Sado-Maso-Lack-SS-Uniformen optisch in die Vollen. Da knallen sich die brüllenden Offiziere gegenseitig ab, als sei eine Horrorinstallation der Künstlerbrüder Jake und Dinos Chapman zum Leben erwacht.

Reich des Todes

Ein Folterstück muss auch wehtun. Szene mit Claudia Hübbecker, Cathleen Baumann, Sophia Burtscher, Sabine Waibel, Ines Marie Westernströer und Rosa Enskat.

(Foto: Thomas Rabsch)

Dass es sich um eine rein weibliche Besetzung handelt, macht übrigens keinen merklichen Unterschied. Ob in Nadelstreifenanzügen, Rokoko-Kostüm oder Nazi-Outfits: Die Figuren sind über weite Strecken entpersonalisiert durch rhythmisches Sprechen im Super-Presto-Viervierteltakt - untermalt von einem vierköpfigen Musikerensemble, das Sven Kaisers Soundtrack als insistierende Klangwand umsetzt, ähnlich unerbittlich wie Goetz' unausgesetzte Textkaskaden. Da ist viel aggressiv Albernes im Spiel, etwa die blöden Wortspiele über "Morgenlage" und "Morgenlatte", mit denen der Präsident sich nach seinem Morgengebet amüsiert.

Die Grausamkeit der minutiös beschriebenen Folterszenarien, denen irakische Gefangene in Abu Ghraib unterworfen wurden, erscheint dadurch abwechselnd abgefedert und verstärkt. Als dann aber die Gefolterten selbst zur Sprache kommen, erweist sich wieder einmal, dass Stille und Konzentration auf einer Bühne im Zweifel den größten Effekt haben. "Was für uns das Schrecklichste ist, fast schrecklicher als die eigentlichen körperlichen Qualen, die sie uns antun, ist unsere Angst vor ihnen", sagt Sabine Waibel, unter einen Stuhl gekauert, ohne jede musikalische Untermalung. "Was ist daran so lustig, andere leiden zu sehen? Anderen Leid anzutun, wo ist da der Witz?" Da ist dann kurz Ruhe.

Aber nicht lange. Denn das Prinzip des Textes und der Produktion von Bachmann ist das der Überwältigung. Eine gezielte Überforderung des Zuschauers durch Sprache, Lärm und Unberechenbarkeit. Bis zum monströsen Schlussmonolog, dessen Ende man herbeisehnt, und dem man dann doch den Applaus nicht versagen kann.

© SZ/C.D.
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