Schaubühne Berlin:Fehlendes Sein im Küchendesign

Schaubühne Berlin: Schaubühnen-Designerküchenwelt: Maja Zades "ödipus" mit Renato Schuch, Caroline Peters und Christian Tschirner an der Kochinsel.

Schaubühnen-Designerküchenwelt: Maja Zades "ödipus" mit Renato Schuch, Caroline Peters und Christian Tschirner an der Kochinsel.

(Foto: Gianmarco Bresadola)

"Ödipus" gibt es in Berlin derzeit in allerlei Varianten. Nun auch mit kleinem ö an der Schaubühne: in einer Öko-Problemversion von Maja Zade, inszeniert von Thomas Ostermeier.

Von Christine Dössel

Der Mythos ist heiß noch und unerschütterlich, wen sein Bannstrahl trifft, der leidet ewiglich. Von "König Ödipus" ist die Rede, dem Drama des Sophokles, fast 2500 Jahre alt und doch so etwas wie das Stück der Stunde. Die Pest kommt darin vor und die Selbsterkenntnis des wie mit Blindheit geschlagenen Titelhelden, dem nach und nach aufgeht, dass er selbst der Täter ist, den er sucht, Mörder seines Vaters, Gatte der eigenen Mutter, Urpatron aller vom Schicksal Geschlagenen. Nachdem in Berlin das Stück vor Kurzem bereits am Deutschen Theater und in musiktheatralischen Varianten an der Komischen sowie an der Deutschen Oper herauskam, gibt es "ödipus" nun auch noch an der Schaubühne: in einer heutigen Übertragung von Maja Zade, der Titel geschrieben mit kleinem ö - ö wie "öde", und das ist es dann leider auch.

Maja Zade ist seit zwanzig Jahren Schaubühnen-Dramaturgin. Seit ein paar Jahren schreibt sie selbst Stücke. Stücke, in denen sie der glutenfreien, wohlstandssaturierten Erbengeneration der Thirty- and Forty-Somethings, wie sie in Berlin-Mitte zuhauf anzutreffen ist, realitätsnahe Dialoge ablauscht. In "Abgrund" (2019) ging das als Well-made-play-Theater mit jäh platzender Manufactum-Bubble - während drei Paare in der Designerküche palavern, stirbt nebenan ein Kind - in der Regie von Thomas Ostermeier ganz gut auf. Auch bei "ödipus" hat der Schaubühnen-Chef nun wieder persönlich Regie geführt, und wieder platziert er das Personal um eine edle Kücheninsel wie um einen Altar im schwarzen Nichts (Bühne: Jan Pappelbaum). Der Raum wird dreidimensional gerahmt von Neonröhren, das verstärkt noch den kalten Oberflächenglanz und schaut aus wie computergeneriert. Auf dem Boden Sand, rechts vor dem Kasten ein Grill, ein Tisch, Gartenstühle. Wir sind in Griechenland. Urlaub. Villa. Videolandschaftsbilder. Zeit für Fisch mit Gurkensalat und existenzielle Entdeckungen. Die ganze Wahrheit kommt auf den Designertisch. Wäre er aus Holz, es würden sich ob der Stereotypenlast die Balken biegen.

Im Zentrum steht Caroline Peters als Witwe und Chemikalienfabrikantin - "gestern Hausfrau, heute Chefin"

Im Zentrum steht gar nicht so sehr der Ödipus mit kleinem ö - er heißt hier Michael (Renato Schuch) und ist nicht nur der ökologisch bewusste Consultant, sondern auch der lockig-attraktive Lover von Christina (Caroline Peters), der Chefin einer Chemikalienfirma. Im Zentrum steht vielmehr sie, diese Christina (bei Sophokles: Iokaste), "gestern Hausfrau, heute Chefin", wie ihr ätzender Bruder Robert (Christian Tschirner) in aller Frauenfeindlichkeit unkt. Nach dem Unfalltod ihres verhassten Mannes Wolfgang hat sie die Firma übernommen und etwas mit dem sehr viel jüngeren Michael angefangen, von dem sie nun schwanger ist. Öha!

Da es um den Ödipus-Mythos geht, spoilert man gewiss nicht zu viel, wenn hier verraten sei, dass dieser Michael Christinas Sohn ist, den sie als Neugeborenen von ihrer Vertrauten Theresa (Isabelle Redfern) in die Babyklappe bringen ließ. Und dass just Michael es war, der nolens volens jenen Unfall verursacht hat, bei dem Wolfgang, also sein Vater, in einem mit Pestiziden beladenen Lkw zu Tode kam. Und dass die Chemikalien, die dadurch ins Grundwasser gelangten und zu Atembeschwerden bei Kindern und womöglich zu erhöhten Krebsfällen führten, letztlich auf seine Rechnung gehen. Wo er doch selbst im Sinne einer neuen Firmenkultur ("gegen verkrustete und korrupte Strukturen") eine Bodenuntersuchung in Auftrag gegeben hat, ein Mann der Aufklärung und Transparenz! Man sieht sein Gesicht oft live gefilmt in Großaufnahme.

Die alte Geschichte in neuen Kanistern. Was da im Text, voller Klischees und quietschender Konstruktionen, an akuter Themenflüssigkeit ausläuft - und auch von der fernsehrealistischen Hochglanzregie nicht gefiltert, sondern eher noch ausgestellt wird -, müffelt zum Himmel. Und sickert bei der Aufdröselung der Umstände so zäh in den Boden der Tatsachen, dass auch eine Ausnahmeschauspielerin wie Caroline Peters an diesem Abend nichts reißen kann. Die eheliche Vergewaltigung, von der sie berichtet, lässt einen genauso kalt wie die von Michael geschilderte Adoptiveltern-Tristesse, ja, sogar seine Wahrheitsfindung. Es ist kein Sein in diesem Theaterdesign. Das Publikum reagierte wie immer in diesen Spielzeiteröffnungstagen: Froh, dass man überhaupt wieder ins Theater kann.

© SZ/sus
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