bedeckt München 24°
vgwortpixel

Politische Strategien:Seht her: Ich habe sie nicht nötig, die "Political Correctness"

Minderheiten werden als überprivilegiert dargestellt, obwohl sie Gleichberechtigung noch längst nicht erreicht haben - der Reiz dieser Art von Provokation ist durchaus nachvollziehbar: Gegen Freiheiten zu rebellieren, die die eigene Minderheit über Jahrzehnte oder gar Jahrhunderte erkämpft hat - das ist dekadent, aber auch ein Zeichen von Stärke. Seht her: Ich habe sie nicht nötig, die "Political Correctness", die Quotenregelungen. Ich bin als Individuum so stark und erfolgreich, dass ich mich nicht über die Zugehörigkeit zu einer - angeblich - unterdrückten Gruppe definieren muss.

Gesellschaftspolitisch ist diese Distanzierung von Emanzipationsbestrebungen der reine Hohn. Denn: Diese Dekadenz muss man sich leisten können. Es ist schon auffällig, dass eben keine Hausfrau, sondern die damals beliebte "Tagesschau"-Moderatorin Eva Herman öffentlich die Meinung vertrat, dass die naturgemäße Rolle der Frau die von Mutter und Ehefrau sei. Man kann sich nur aus eigenem Entschluss in die bürgerliche Hausfrauenehe zurückwünschen, wenn man zumindest die Möglichkeit einer Selbstverwirklichung außerhalb des trauten Heims hat - und wenn der eigene Ehemann keine Erlaubnis dafür unterschreiben muss, dass man einen Job annehmen darf.

Die Kritiker der Emanzipation belegen deren Erfolg

Es ist auch auffällig, dass mit Milo Yiannopoulos gerade ein hochgebildeter Schwuler aus reichem Haus für die Abschaffung der Gleichberechtigung Homosexueller wirbt. Gut möglich, dass er selbst nie wegen seiner Sexualität bedroht oder verprügelt worden ist. Vielleicht glaubt er aufgrund seiner persönlichen Erfahrungen in einem bestimmten, aufgeklärten gesellschaftlichen Milieu ernsthaft, dass Schwulsein generell mehr Vor- als Nachteile hat. Vielleicht glaubt er tatsächlich, gegen Frauen, Feministinnen, gegen Liberale und Linke, gegen Schwule und transgender people hetzen zu dürfen, weil er selbst auch einer - aus seiner Sicht nur angeblich - diskriminierten Minderheit angehört. Dabei ergibt seine Argumentation doch nur in ihrer Umkehrung Sinn: Wer sich dafür ausspricht, die Ergebnisse von harten Emanzipationskämpfen zurückzufahren, ist selbst meist ein guter Beleg für deren Erfolg.

In jedem Fall gehört zur Feigenblatt-Rolle der Minderheitenvertreter im Rechtspopulismus immer auch eine gehörige Portion Selbstverleugnung. In Frankreich stand ein junger Muslim kurz vor dem Rauswurf aus dem Front National, weil er als Reaktion auf eine den Islam diskriminierende Äußerung ein positives Video über seine Religion über einen Mailverteiler seiner Parteifreunde verschickt hatte. Dass es so weit nicht kam, lag wohl nur an der Sorge des FN, doch wieder als islamfeindlich kritisiert zu werden, wenn man einen Muslim aus der Partei werfe.

Der Vorsitzende der Jungen Alternative, der Jugendorganisation der AfD, Sven Tritschler, ist selbst schwul. Als aber der homosexuelle Bundestagsabgeordnete der Grünen, Volker Beck, wegen Drogenbesitzes aus seinen fraktionellen Ämtern zurücktrat, postete Tritschler eine Fotomontage auf Facebook und Twitter. Beck war da mit einem kleinen Jungen im Sandkasten zu sehen. Darüber stand: "Max geht nicht mit Volker mit." Das kann man als eine Anspielung auf den Umgang der Grünen mit dem Thema Pädophilie lesen. Es ruft aber auch den diskriminierenden Mythos auf, Schwule seien grundsätzlich pädophil.

Lesen Sie mehr zum Thema

Zur SZ-Startseite