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Interview mit "Persepolis"-Zeichnerin Marjane Satrapi:"Ich hab gern Angst"

Alle gleich? Von wegen. Unter dem Schleier hat jede ihren eigenen Kopf. Seite aus "Persepolis".

(Foto: Edition Moderne)

Die Zeichnerin und Regisseurin Marjane Satrapi über ihr Comic-Meisterwerk "Persepolis" , das Kino, den Feminismus - und die Entscheidung, nie wieder eine Graphic Novel zu schreiben.

Von Susan Vahabzadeh

Zu seinem vierzigsten Geburtstag gibt der Verlag Edition Moderne eines seiner wichtigsten Bücher neu heraus - Marjane Satrapis Graphic Novel "Persepolis", die zufällig gerade zwanzig Jahre alt wird. "Persepolis" war damals bahnberechend - eine autobiografische, urkomische Graphic Novel. Satrapi zeichnete und schrieb damals ihre Erlebnisse während und nach der Islamischen Revolution in Iran 1979 auf. 2007 machte sie einen Film daraus, seither arbeitet sie als Regisseurin - ihr neuer Fim "Marie Curie - Elemente des Lebens" mit Rosamund Pike ist im Sommer nur sehr kurz im Kino gelaufen und jetzt als DVD erhältlich. Traurig ist sie aber nicht, dass ihr eigenes Projekt Opfer der Pandemie wurde, sondern dass es viele ihrer Kollegen noch viel härter getroffen hat.

SZ: Ihre erste Graphic Novel "Persepolis" war so erfolgreich, dass Sie sie 2007 selbst verfilmen konnten. Ihr neuester Film, "Marie Curie - Elemente des Lebens" basiert auch auf einer Graphic Novel, von Lauren Redniss - bleiben Sie Ihrem ersten Medium da doch treu?

Marjane Satrapi: Es war mir gar nicht klar, dass es auf einer Graphic Novel basiert, als ich das Drehbuch gelesen habe! Ich meine, es ist eine großartige Graphic Novel, aber für den Film fand ich sie nicht hilfreich. Ich musste selbst das Unsichtbare sichtbar machen.

Ihre Filme nach "Persepolis" - "Huhn mit Pflaumen" und "Marie Curie" - sind sehr unterschiedlich. Ist das, was alle gemeinsam haben, ein feministischer Ansatz?

Gelebter Feminismus, würde ich sagen. Den brauchte ja auch Marie Curie - sie war nicht Teil einer Frauenbewegung, und sie hat sich nie gefragt, ob sie als Wissenschaftlerin so gut ist wie männliche Kollegen. Genau genommen war sie ja auch sowieso besser als die meisten männlichen Kollegen. Und ich frage mich auch nie, ob ich das kann, was ich tue - offensichtlich kann ich's. Ich habe mit vielen Männern zusammengearbeitet, und vielleicht haben sie mich anders behandelt, weil ich eine Frau bin; aber ich denke ja nicht so. Ich denke dann: Der sagt so was, weil er dämlich ist. Ich nehme das einfach nicht persönlich, sondern denke: Was für ein Idiot. Es gibt ja auch dumme Frauen, so ist es ja nicht.

Marjane Satrapi_(c) Stéphane Roche

"Ich habe es nicht gern bequem. Sonst hätte ich vielleicht weitergezeichnet, wäre jetzt bei ,Persepolis 7' und würde überall Vorträge über Menschenrechte halten." - Regisseurin und Comic-Autorin Marjane Satrapi.

(Foto: Stéphane Roche)

Hat dieser "gelebte Feminismus" etwas mit Ihrer Kindheit in Iran zu tun?

Selbstverständlich! Ich wurde einfach nicht zum Mädchen erzogen, hübsch sein und heiraten war kein Thema. Aber ich sollte gefälligst finanziell unabhängig sein. Meine Eltern waren nicht arm, aber Taschengelderhöhung gab es nur gegen Arbeit. Und keiner hat mir gesagt, wie man sich als Mädchen benehmen sollte oder was man als Mädchen nicht darf. Meine Mutter hat mich dazu erzogen, alles zu erkämpfen, und es fühlt sich nicht einmal an wie ein Kampf. Es ist ein Naturzustand.

Hat man in Europa eine falsche Vorstellung von iranischen Frauen, dass sie beispielsweise unterwürfig wären?

Ja! Ich weiß oft gar nicht, wovon da geredet wird, weil die Vorstellung keiner iranischen Frau ähnelt, die ich kenne. Als ich nach Frankreich kam, habe ich oft gesehen, dass Frauen in der Metro an den Hintern gefasst wurde - und sie schauten auf den Boden und sagten nichts. Und ich dachte, bei uns hätte man dem Typen eine geklebt.

Eine meiner Lieblingsszenen in "Persepolis" ist jene, wo Marjane, ihr gezeichnetes Alter Ego, sich beim Joggen mit einem Wächter anlegt, der ihre engen Hosen unanständig findet ...

Das ist wirklich genauso passiert! Da sagt der: Ich kann deinen Hintern sehen. "Na, dann schau mir verdammt noch mal nicht auf den Hintern, sondern sieh woanders hin, was fällt dir eigentlich ein!" Was soll man denn da sonst drauf antworten?

Für die Graphic Novels war "Persepolis" ein Meilenstein. Können Sie sich vorstellen, noch einmal eine zu zeichnen?

Nein, und ich kann Ihnen auch erklären, warum. Ich habe für "Persepolis" jeden erdenklichen Preis gewonnen - ich weiß, wie das geht. Und Sachen, die mir leichtfallen, interessieren mich nicht. Ich habe mehr Freude daran, wenn ich mir den Kopf zerbrechen muss, um eine Lösung für etwas zu finden. Ich hab gern Angst, dann funktioniert mein Gehirn. Eigentlich habe ich Angst vorm Leben, und wenn ich unter Stress stehe, fällt mir das nicht so auf. Außerdem bin ich von Haus aus eher ein Einzelgänger, und beim Filmemachen muss man dauernd mit anderen Leuten reden. Ich glaube, das ist ein ganz fürchterlicher Aspekt am Lockdown: Wir reden alle nur noch mit den Leuten, mit denen wir reden wollen.

Marjane Satrapi: Persepolis Gesamtausgabe. Aus dem Französischen von Stephan Pörtner. Edition Moderne, Zürich 2021. 356 Seiten, 25 Euro.

Fehlt Ihnen der Widerspruch?

Genau. Wir müssen uns im Lockdown nicht mehr mit Menschen herumschlagen, die anderer Meinung sind, und davon wird man dumm. Ich habe es nicht gern bequem. Sonst hätte ich vielleicht weitergezeichnet und wäre jetzt bei "Persepolis 7". Und dann würde ich überall Vorträge über Menschenrechte halten und würde ganz ehrenhaft wirken. Das Problem mit dieser Ehrenhaftigkeit wäre übrigens, dass sich dahinter etwas zutiefst Unanständiges verbirgt: Wenn man seit 21 Jahren nicht mehr an einem Ort gewesen ist, kann man nicht mehr viel über ihn sagen.

Fühlen Sie sich als Europäerin?

Ich lebe seit 27 Jahen in Frankreich, also: Ja. Aber manches an mir wird immer iranisch bleiben, mein Sinn für Humor beispielsweise!

Sie arbeiten schon an einem neuen Drehbuch. Machen Sie sich Sorgen, dass das Kino nach der Pandemie nicht mehr dasselbe sein, weil mehr Filme nur noch als Streaming gezeigt werden?

Ich glaube das nicht. Als ich "Persepolis" geschrieben hatte, wollte der Verlag es als E-Book herausbringen, weil das die Zukunft sei, und ich sagte: Nur über meine Leiche. Zwanzig Jahre später geht es den Büchern auf Papier immer noch sehr gut.

© SZ/knb
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